Haruki Murakami - Erste Person Singular

Buchcover: Haruki Murakami - Erste Person Singular

Haruki Murakami - Erste Person Singular

Von Barbara Geschwinde

In "Erste Person Singular" entführt uns der japanische Kult-Autor Haruki Murakami mit acht Geschichten in phantastische Welten, in denen es um Liebe, Musik oder Baseball geht – im Grunde aber immer, um das Wesen des Menschen.

Haruki Murakami: Erste Person Singular
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
DuMont Buchverlag, Köln 2021.
224 Seiten; 22 Euro.

Hörbuch erschienen bei:
Hörbuch Hamburg, 2021.
4 CDs, 289 Minuten Laufzeit, 22 Euro

Haruki Murakami: "Erste Person Singular"

WDR 3 Buchkritik 26.01.2021 04:54 Min. Verfügbar bis 26.01.2022 WDR 3


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Das Pronomen "Ich" im Japanischen

In der japanischen Sprache gibt es sehr viele verschiedene Wörter, mit denen die erste Person Singular ausgedrückt werden kann. Das "Ich" unterscheidet sich, je nachdem ob ein Mann oder eine Frau spricht. Auch die Stellung einer Person in der Gesellschaft spielt bei der Wahl des Pronomens eine Rolle. So ist das Wort, das ein Student verwendet ein ganz anderes als das, was der Kaiser für sich in Anspruch nimmt. Das Wort "Ich" allein gibt somit schon ganz viel preis über die Person, die es verwendet. Generell aber ist es so, dass das "Ich" im Japanischen vermieden wird. Denn das Individuum nimmt sich in der japanischen Kultur nicht zu wichtig.

Extrem persönlich und teils biografisch

In Haruki Murakamis neuem Erzählband "Erste Person Singular" sind aber alle acht Geschichten in der Ich-Form geschrieben. Sie sind radikal persönlich und an vielen Stellen identisch mit dem Autor. An einer Stelle taucht sogar explizit der Name des Autors auf. Er erzählt, wie er zu Beginn seiner Karriere einen Gedichtband auf eigene Kosten veröffentlicht:

"Glücklicherweise hatte ich einen Freund, der eine Druckerei betrieb, sodass die Herstellung mich nicht übermäßig viel kostete. Heraus kam ein einfach gebundenes Buch in einer Auflage von fünfhundert Exemplaren, die ich sämtlich mit einem besonderen Stift signierte. Haruki Murakami, Haruki Murakami, Haruki Murakami ... Erwartungsgemäß fand mein Werk kaum Abnehmer. Wer für solche Dinge Geld ausgibt, hat in der Regel eine Vorliebe für Kuriositäten. Tatsächlich verkaufte ich im Großen und Ganzen etwa dreihundert Exemplare. Die Übrigen verschenkte ich an Freunde und Bekannte. Heute ist das kleine Buch ein wertvolles Sammlerstück, das zu einem erstaunlich hohen Preis gehandelt wird. Man weiß nie, was passiert. Jedenfalls befinden sich nur noch zwei Exemplare in meinem Besitz. Hätte ich mehr behalten, wäre ich ein reicher Mann."

Reales und Fiktion gehen fließend ineinander über

In der modernen japanischen Literatur gibt es unzählige autobiografische Prosaerzählungen. Der sogenannte Ich-Roman ist erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden. Darin nimmt der Schriftsteller seine eigenen Erfahrungen und Erlebnisse als Ausgangsbasis für seine fiktiven Geschichten.

Brüche in der Logik sind in dieser Roman-Form beabsichtigt. So sind auch die Erzählungen Murakamis in "Erste Person Singular" nicht rein autobiografisch zu verstehen. Reales und Irreales verschwimmt an vielen Stellen.

Begegnung mit einem Affen in einer Thermalquelle

In Murakamis Geschichten geht es um Kindheit, Jugend, Liebe, Verlust oder Tod. Es gibt Meditationen über Musik und Erinnerungen an Baseball-Spiele oder Reisen. In der Erzählung "Bekenntnis des Affen von Shinagawa" trifft der Protagonist in einem runtergekommenen Gasthaus in einem japanischen Urlaubsort beim abendlichen Bad in einer Thermalquelle einen Affen, der die menschliche Sprache spricht. Die beiden kommen ins Gespräch und der Affe verkündet ihm seine Meinung über die Liebe:

"Ich glaube, dass die Liebe der Brennstoff ist, der uns am Leben hält. Vielleicht endet die Liebe eines Tages. Oder sie trägt Früchte. Aber selbst, wenn die Liebe verblasst, selbst wenn sie verschwindet, bleibt uns die Erinnerung, jemanden geliebt zu haben. Und diese Erinnerung wird uns zu einer kostbaren Quelle der Wärme."

Der Protagonist stellt die Existenz des Affen zwar in Frage; vor allem aber deshalb, weil er weiß, dass seine Umwelt ihn für verrückt erklären würde, täte er dies nicht.

"Wie viel von dem, was der Affe – falls es ihn wirklich gab, wovon ich ausging – mir beim Bier erzählt hatte, durfte ich für bare Münze nehmen? Schwer zu beurteilen."

Phantastische und poetische Geschichten, die glücklich machen

Die Geschichten mit ihren Einsichten und Erkenntnissen daraus aber bleiben. Und auch das, was unsere Erinnerungen ausmacht. Denn die sind ja auch häufig vage und verschwommen. Dabei neigt der Mensch dazu zu glauben, dass die eigene Erinnerung stimmt. Der Leser von Murakamis "Erste Person Singular" entscheidet, was er für erfunden oder wahr halten möchte. Aber das ist zweitrangig, denn durch die Erzählungen wird er mitgenommen auf poetische Reisen, die ganz unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt dazu verführen, zu träumen. Und dass es Träume gibt, ist unbestritten.

"Sie glauben mir wohl nicht? Das sollten Sie aber, denn es ist wirklich so passiert."

Haruki Murakami lotet in seiner Prosa immer wieder das Wesen des Menschen aus. Wer bin ich und was macht mich aus? Er spürt den verschlungenen Pfaden des Lebens nach und versucht, einen Sinn darin zu entdecken. Es sind philosophische Fragen oder nostalgische Erinnerungen, die in phantastische Geschichten verpackt zum Nachdenken anregen oder den Leser einfach nur für ein paar Stunden glücklich sein lassen.   

Stand: 25.01.2021, 15:42