Haruki Murakami - Die Chroniken des Herrn Aufziehvogels

Buchcover: Haruki Murakami - Die Chroniken des Herrn Aufziehvogels

Haruki Murakami - Die Chroniken des Herrn Aufziehvogels

Bereits vor 22 Jahren ist Mr. Aufziehvogel von Haruki Murakami auf Deutsch erschienen. Nun gibt es eine ungekürzte Neuübersetzung von Ursula Gräfe unter dem Titel "Die Chroniken des Aufziehvogels".

Haruki Murakami: Die Chroniken des Herrn Aufziehvogels
Neuübersetzung aus dem Japanischen von Ursula Gräfe.
DuMont Verlag, Köln 2020.
1008 Seiten, 34 Euro.

Haruki Murakami: "Die Chroniken des Herrn Aufziehvogels"

WDR 3 Buchkritik 13.01.2021 04:53 Min. Verfügbar bis 13.01.2022 WDR 3


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Das Leben als Hausmann neu entdecken

Toru Okada ist dreißig Jahre alt. Er lebt mit seiner Frau Kumiko und dem gemeinsamen Kater in einem Haus in Tokyo. Toru hat seine Stelle in einer Anwaltskanzlei gekündigt, weil er dort unzufrieden ist. Und weil Kumiko genug für beide verdient. So wird er vorübergehend zum Hausmann. Tagsüber kümmert er sich um die alltäglichen Arbeiten, wie Einkaufen, Kochen, Wäschewaschen und genießt die Freizeit, die er gewonnen hat. Er entdeckt seine Umgebung noch einmal ganz neu:

"In einem benachbarten Hain mit Bäumen kreischte regelmäßig ein Vogel, den wir den 'Aufziehvogel' nannten, weil er klang, als würde man eine Feder aufziehen. Den Namen hatte Kumiko ihm gegeben. Wie er wirklich hieß, wussten wir nicht. Auch nicht, wie er aussah. Dessen ungeachtet kam der Aufziehvogel jeden Tag in den Hain und zog die stille Welt auf, deren Teil wir waren."

Toru geschehen merkwürdige Ereignisse

Das fiktionale Tier des Aufziehvogels, das die Welt aufzieht, gibt die Stimmung des Romans vor. In Toru Okadas Welt lässt sich vieles nicht erklären; bewegt sich im Spannungsfeld zwischen übernatürlichen Phantasien und normalem Alltag. Er bekommt seltsame Anrufe von Frauen und mysteriöse Dinge geschehen. Der Protagonist ist ein verlorener Held, der ein wenig einsam durchs Leben stolpert und nur flüchtige, zufällige Begegnungen erlebt.

Bei seinen täglichen Streifzügen durch die Nachbarschaft entdeckt Toru ein leerstehendes Grundstück mit einem ausgetrockneten Brunnen und lernt ein junges Mädchen kennen, mit dem er sich ein wenig die Zeit vertreibt. Sie wiederum gibt Toru den Namen "Herr Aufziehvogel". Eines Tages verschwindet der Kater spurlos. Als dann auch seine Frau nicht von der Arbeit heimkehrt, stürzt er ganz tief:

"Vielleicht hatte Kumiko mich verlassen – keine Ahnung aus welchem Grund, aber es lag immerhin im Bereich des Möglichen. Andererseits war sie kein Mensch, der mich einfach so sitzen lassen würde, ohne einen Ton zu sagen. Hätte sie die Absicht gehabt, mich zu verlassen, dann hätte sie versucht, mir ihre Gründe möglichst genau dazulegen. Davon war ich hundertprozentig überzeugt."

Eine zweite Zeitebene erzählt von einem Kriegsoffizier

Es gibt eine weitere Zeitebene im Roman mit einem Rückblick auf den chinesisch-japanischen Krieg, der 1937 mit der Besetzung der Mandschurei begann. Toru bekommt Besuch von einem alten Offizier, Leutnant Mamiya, der von Gräueltaten in China berichtet. Den grausamen Höhepunkt bildet eine Häutungsszene. Auch das Geheimnis des leerstehenden Hauses hat mit dem Krieg zu tun, wie Toru von seinem Onkel erfährt:

"Bis Kriegsende hatte ein bekannter Militär darin gewohnt. Irgendein Oberst, ein Angehöriger der militärischen Elite, der in Nordchina war. Seine Einheit hat heldenhaft gekämpft, aber auch alle möglichen Gräueltaten verübt. Sie haben fast fünfhundert Kriegsgefangene regelrecht exekutiert und Zehntausende von Bauern als Zwangsarbeiter eingesetzt, von denen die Hälfte umgekommen ist. Der Oberst wurde kurz vor Kriegsende in die Heimat zurückbeordert und erlebte die Niederlage in Tokio, aber in Anbetracht der Umstände war die Wahrscheinlichkeit groß, dass er wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen vor dem Internationalen Militärgerichtshof im Fernen Osten landen würde."

Das Problem mit der japanischen Vergangenheitsbewältigung

Mit diesem Erzählstrang mahnt Murakami zur Vergangenheitsbewältigung. Das ist bis heute ein Tabu-Thema bei konservativen japanischen Politikern, die eine Kulturtechnik des Vergessens zelebrieren. Indem Murakami dieses Thema aufgreift, macht er sich zum Nestbeschmutzer in den Augen vieler seiner Landsleute.

Dennoch wirkt das Einflechten der vielen verschiedenen Erzählstränge stellenweise etwas bemüht und überambitioniert. In seinen späteren Romanen, die ebenfalls sehr umfangreich sind, schafft es Murakami die verschiedenen Ebenen harmonischer miteinander zu verbinden.

Fesselnde Neuübersetzung trifft den Ton Murakamis sehr gut

In seinem bereits Mitte der 90er Jahre verfassten Roman "Die Chroniken des Aufziehvogels" begibt sich Haruki Murakami in die teilweise surrealistische Welt des Unbekannten, des Geheimnisvollen und des Übersinnlichen. Realität und Fiktion verschwimmen stellenweise und nehmen den Leser mit in einen Strudel der Ereignisse. Die Lektüre schärft mit jeder Seite das Bewusstsein dafür, dass nicht alles im Leben logisch erklärt werden kann; von der Planbarkeit einmal ganz abgesehen. Damit ist der Roman gerade jetzt wieder ganz aktuell.

Die alte Übersetzung aus dem Englischen, war an vielen Stellen hölzern. Außerdem waren einige Passagen gekürzt, weil die amerikanischen Herausgeber das Buch als zu lang empfanden. Darunter einige zentrale Stellen mit phantastischen und magischen Elementen.

Nun sind "Die Chroniken des Aufziehvogels" erstmals vollständig zu lesen. In ihrer neuen Übersetzung direkt aus dem japanischen Original trifft Ursula Gräfe den wunderbar frischen und leichten Ton Murakamis, der die Lektüre – trotz einiger Längen – zu einem fesselnden Genuss macht.

Stand: 12.01.2021, 16:48