Sophia Mott - Dem Paradies so fern. Martha Liebermann.

Sophia Mott, Dem Paradies so fern. Martha Liebermann.

Sophia Mott - Dem Paradies so fern. Martha Liebermann.

Von Dorothea Breit

Martha, die hoch betagte Witwe des berühmten Malers Max Liebermann kämpft um ein würdiges Überleben in Berlin Anfang der 1940er Jahre. Ein Roman erzählt ihre Lebensgeschichte.

Sophia Mott
Dem Paradies so fern. Martha Liebermann.

Ebersbach & Simon, Berlin 2019
336 Seiten
22 Euro

Sophia Mott: "Dem Paradies so fern"

WDR 3 Mosaik 17.06.2019 05:26 Min. Verfügbar bis 16.06.2020 WDR 3

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Berlin 1941

Im Salon der Botschafterwitwe Hanna Solf erörtern Persönlichkeiten der Berliner Oberschicht die aktuelle politische Lage. Unter ihnen Edgar Baron von Uexküll, Gräfin Maria von Maltzan, Elisabeth von Thadden und der Diplomat Graf Bernstorff, der drei Monate im KZ Dachau inhaftiert war. Er weiß von den Deportationen der Juden, sie alle wissen es und sorgen sich um die 84-jährige Witwe des Malers Max Liebermann.

"Sie ist eine intelligente Frau, geistig noch vollkommen auf der Höhe, unsentimental und stark. Wenn sie sich bisher geweigert habe, zu emigrieren, hänge das eher mit ihrem Verständnis von Pflichtgefühl und einer Form von Bescheidenheit zusammen. Um sich selbst habe sie nie große Geschichten gemacht.Alles drehte sich nur um ihren Mann."

Die Ausreise der "Frau Professor"

Baron von Uexküll und Graf Bernstorff beschließen, die Ausreise der "Frau Professor" zu organisieren. Ihre Bemühungen bilden die Rahmenhandlung in Sophia Motts Roman "Dem Paradies so fern" über Martha Liebermann. Einen Großteil des Liebermann’schen Vermögens haben die Nazis bereits beschlagnahmt. Die Greisin lebt alleine mit Haushälterin Marie und Köchin Alwine in der viel zu großen Wohnung, sie harrt der Dinge, ihr Leben mit Max passiert Revue.

"Das Speisezimmer mit dem Renaissancetisch und den passenden Lederstühlen, auf denen sie so viele Stunden gesessen hat mit Max und Käthe, […]. Rechts und links stehen die beiden Kredenzen, mit den verschiedenen Servicen darin. Schalen, Tassen, Karaffen, Kerzenständern, Porzellanfiguren, schöne Dinge, die Max in nie versiegender Begeisterung von den Antiquitätenläden nach Hause trug. Max, der Augenmensch."

Der Rebell

Martha Liebermann, Prrtrait: Anders Zorn

Martha Liebermann

Max, der als junger Maler die akademische Kunstwelt mit sozialkritischen Sujets provozierte, den zwölfjährigen "Jesus im Tempel" als Gassenjungen darstellte! Der Rebell aus reicher jüdischer Fabrikantenfamilie wurde mit zunehmendem Alter und Erfolg recht großbürgerlich. Martha lernte den Sohn ihres Vormunds als junges Mädchen kennen. Ihre Schwester heiratete einen seiner Brüder. Zehn Jahre später, als Max aus Paris zurückkehrt, ist Martha noch frei und Max’ Eltern tun das Ihrige dazu in der Hoffnung, eine standesgemäße Ehe werde den Künstler-Sohn in vernünftige Bahnen lenken. Das Paar kommt sich näher, eine Tochter wird geboren.

"Danach wusste sie, dass sie auf keinen Fall mehr ein Kind bekommen wollte, und wenn sie die Tür zum Schlafzimmer vernageln müsste. Als Max an ihr Bett trat, sah sie, wie auch er gelitten hatte. Er nahm ihre Hand, als wollte er um Entschuldigung bitten. Aber ihr Kind liebten sie dann um die Wette, […] vielleicht weil jeder beschlossen hatte, dass es ihr einziges bleiben musste. Max vor allem zeigte gegenüber seiner Tochter eine für einen Mann ungewöhnliche Vernarrtheit."

Sie wohnen im Liebermann-Palais am Pariser Platz Nr. 7 in einvernehmlichem Miteinander mit Tochter Käthe und Dackel. Max baut das Sommerhaus am Wannsee

Max Liebermann vor seiner Portraitbüste

Max Liebermann

"Mein Klein-Versailles. Und et wird licht und helle sein. Durch die Fenster muss man kieken können von der Straße bis zum See. […] so wie die Hamburjer Patrizier-Häuser“, sagte Max, „so stell ick’s mir vor und’n bisschen Holland."

Reichlich Berliner Lokalkolorit

Max berlinert wie die Droschken-Kutscher und die Hausmädchen. Unabhängig von den orthografischen Kuriositäten des Dialekts purzeln leider auch zwei Handvoll Druckfehler durch das Buch.
Die Autorin führt reichlich Berliner Lokalkolorit auf und politische Geschichte, die Wilhelminische Kaiserzeit, der Erste Weltkrieg, die Demonstrationen gegen die Regierung Ebert-Scheidemann, der nach der Gleichstellung der Jüdischen Bevölkerung im 19. Jahrhundert erneut aufflackernde Antisemitismus, die Machtübernahme der Nazis. Das ist durchaus interessant zu lesen, aber es bleibt Kulisse, vor der die Hauptpersonen einher wandeln in großbürgerlich-biedermeierlichen Szenarien: Frühstück auf der Terrasse, Spazieren im Garten. Max malt Blumen, genießt den Erfolg.

"Martha stand irgendwo am Rand. Ihr Glück war Max Glück, ein geborgtes. Aber das geborgte war auch kein schlechtes. Es machte einem das Leben leicht wie eine Feder."

Die Rolle der Frau

Martha erscheint als Frau ohne Eigenschaften und Leidenschaften; wie eine jener Damen in Liebermanns Gemälden, die in duftig hellen Sommerkleidern und Hüten im Schatten der Alleen flanieren mit Kindern und Hausmädchen. Von emanzipierten Frauen hielt der Maler nichts, so erzählt es Sophia Mott getreu einem überlieferten Zitat. Als getraute sie sich nicht, den historischen Figuren eigenständiges Leben zu verleihen, schlingert sie stilistisch zwischen biografischem, kommentierendem und fiktionalem Schreiben. Zwar verdichtet sich die Handlung ein wenig im letzten Drittel, je enger sich die Schlinge der sadistischen Nazi-Schergen um die jüdische Familie Liebermann legt. Richtig packend wird die Sache trotzdem nicht. Das ist schade, eine vertane Chance. Der Stoff wäre durchaus spannend! Die Autorin findet jedoch keinen Ansatzpunkt, die überlieferten Fakten und insbesondere die Rolle der Frau aufzubrechen, beziehungsweise zu dekonstruieren und aus einer neuen Perspektive literarisch darzustellen.

Stand: 16.06.2019, 18:53