Buchcover: "Taube und Wildente" von Martin Mosebach

"Taube und Wildente" von Martin Mosebach

Stand: 30.11.2022, 12:00 Uhr

Misstrauen und Gier – Martin Mosebachs entwirft in seinem Roman "Taube und Wildente" das Sittenbild einer verkommenen Gesellschaft. Eine Rezension von Andrea Gerk.

Martin Mosebach: Taube und Wildente
Dtv, 2022.
336 Seiten, 24 Euro.

"Taube und Wildente" von Martin Mosebach

Lesestoff – neue Bücher 30.11.2022 04:47 Min. Verfügbar bis 30.11.2023 WDR Online Von Andrea Gerk


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"Grausamkeit. Zusehen, wie etwas Schönes zerfetzt wird",

So lautet der erste, doch recht programmatische Satz von Martin Mosebachs neuem Roman. Eine der Hauptfiguren – der Verleger Ruprecht Dalandt – notiert ihn in seinem Tagebuch, während er in einem Landhaus in der Provence eine Katze beobachtet, die mit einer Zikade spielt und sie genüsslich umbringt:

„In der Antike hätte man solche Kleinkämpfe zwischen Haustieren als Idylle bezeichnet, Modelle für reizende Bildchen auf einer Freskenwand. Und „idyllisch“ ist auch unser Leben hier (…)“

Doch die Idylle trügt. Nichts ist wie es scheint und keiner traut dem anderen so wirklich über den Weg in diesem heißen Sommer. Das Ehepaar Majorie und Ruprecht Dalandt hat in sein provencalisches Landhaus  geladen. Angereist ist Majories Tochter Paula aus der ersten Ehe mit neuem Freund und Kind, sowie zwei Mitarbeiter aus Dalandts preisgekröntem Kleinverlag, „kleine Leute“, wie Majorie herablassend feststellt. Die Dalandts leben nicht etwa von dem wenigen, was der auf Bildbände und Lyirk spezialisierte Kleinverlag „Papyros Press“ abwirft, sondern von Majories väterlichem Erbe.

Die Familie des Vaters hat ihr Vermögen während der Kolonialzeit durch Ausbeutung von Bodenschätzen im Kongo erworben und das Geld unter anderem in kostbare Kunstwerke investiert, die den Gästen im Landhaus präsentiert werden. Ins Zentrum gerät dabei ausgerechnet ein bis dahin wenig beachtetes Stilleben, das auch hinten im Buch abgebildet ist. Ein 1884 entstandenes Ölbild des Frankfurter Künstlers Otto Scholderer:

„Ein Jagdstilleben – eine Wildente und eine Feldtaube, eng aneinandergeschmiegt, jeweils an einem Bein aufgehängt, vor einer grauen Kellerwand. Das Licht fiel von links, Kopf und Flügel der Ente warfen einen dunklen Schatten. Im Salon kam das Licht jedoch von rechts auf das Bild – hätte es anders gehangen, dann wäre ein Trompe-l’oeil-Effekt entstanden, denn die Malerei wirkte verblüffend plastisch.“

Das Stilleben führt zu einem Streit zwischen dem Ehepaar, denn Majorie will das Bild verkaufen, um damit die Dachsanierung zu finanzieren, ihr Mann, der Verleger Ruprecht Dalandt, will es unbedingt behalten, kauft es ihr ab, ohne zu wissen, wie er den Kauf finanzieren soll. Aber das Bild – im Roman sinnbildlicher Spiegel der innerlich abgestorbenen Gesellschaft, die hier zusammenkommt – dieses Bild schenkt Dalandt eine Erleuchtung: Die Erkenntnis, dass es nicht gilt, nur die Pioniere in der Kunst zu würdigen– wie Scholderes Zeitgenossen Cezanne – sondern auch jene, die etwas zum letzten Mal vollbringen

„und zwar nicht schwächlich, dekadent, blutlos, sondern im Vollbesitz aller Qualitäten, welche die Sache einstmals besessen hat? Der hier ist solch ein Letzter, der seine Vorgänger in den Schatten stellt – aber es hilft nichts mehr. Auch der Beste kann die alten Kunst nicht mehr retten, was für ein Schicksal.“

Ohnehin ist die Auseinandersetzung um das Bild nicht das größte Problem des Paares, das sich längst emotional fremd geworden ist und sich – wie eigentlich alle Figuren – nur noch misstrauisch belauert. Und das nicht zu Unrecht, denn Majorie hat ein Verhältnis mit dem Verwalter, ihr Gatte mit der Stieftochter. Die beiden angereisten Mitarbeiter des Verlegers, arbeiten daran, den Verlag zu übernehmen. Niemand in diesem Buch ist aufrichtig und als Leser wird einem auch keine der von Missgunst, Neid und Gier getriebenen Figuren nur ansatzweise sympathisch.

Das entspricht Martin Mosebachs distanziertem Blick auf diese Untergangserzählung, also seinem eigenwilligen, erlesenen Stil, der oft so wirkt, als würde er jedes Wort mit spitzen Fingern anfassen. Wer die Ruhe und Gelassenheit mitbringt, sich auf diese durchaus vielschichtige und tiefsinnige Suche nach dem Echten und Schönen einzulassen, darf sich auf eine kunstsinnige und gehaltvolle Lektüre freuen.