Monique Truong - Sweetest fruits

Monique Truong - Sweetest fruits

Monique Truong - Sweetest fruits

Von Christian Kosfeld

Den abenteuerlichen Lebensweg des Dichters Lafcadio Hearn schildert Monique Truong in ihrem biographischen Roman, der nun als Hörbuch, großartig gelesen von vier Frauenstimmen, erschienen ist.

Monique Truong
Sweetest fruits

Gelesen von Rebecca Madita Hundt,
Henni Jörissen, Barbara Phillip, Patricia Ziolkowska
Regie: Marlene Breuer
BonneVoice Hörbuchverlag
2 MP3 CDs
610 Minuten
ISBN 978-3-945095-29-4

Monique Truong "Sweetest fruits" (Hörbuch)

WDR 3 Buchkritik 09.07.2020 05:54 Min. Verfügbar bis 09.07.2021 WDR 3

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Rosas Geschichte

Als Lafcadio Hearn 1904 in Tokio starb, trauerte Hugo von Hofmannsthal, und Stefan Zweig rühmte die "unkörperlich zitternde Schönheit" seiner Dichtungen. Sein Lebensweg, den Monique Truongs Roman und dieses Hörbuch nacherzählt, ist abenteuerlich. Patricio Lefcadio Hearn wurde als Sohn einer Italienerin und eines Iren auf der griechischen Insel Lefkas geboren. Im ersten Teil des Romans erzählt seine Mutter Rosa ihre Geschichte. Sie wächst, vom Vater abgeschottet, in einfachen Verhältnissen auf der Insel Lefkas auf, und verliebt sich in den irischen Militär-Arzt Charles Bush Hearn. Nach einem Gottesdienst läuft sie ihm nach und wird ohnmächtig.

"Er sicherte mir zu, dass er Chirurg sei. Ich sagte ihm, dass ich unverheiratet sei. Er schnürte mir die Stiefel auf, ich seufzte in meine Hände. Er ließ mich von seinem Schoß neben sich auf die Bank gleiten, er fragte, ob ich die Hände vom Gesicht nehmen könne. Das tat ich und drückte sie stattdessen ins Rot seine Ärmels. Er lachte leise und sagte „Sioretta Sioretta“. So fuhren wir fort, bis die Kirchenglocken wieder zu läuten begangen. Wir hatten uns oft wiederholt, weil sein Venezianisch eine Phantomsprache war. Ich verstand im Großen und Ganzen, was er sagen wollte, jedoch nicht die Details. Als ich ihm sagte, ich müsse nach Hause zurück, fragte er, wann er mich wieder sehen könne. Morgen, hier um neun, gab ich zur Antwort."

Wir sahen sehr seltsam aus

Rebecca Madita Hundt

Rebecca Madita Hundt

Rosa wird schwanger, von ihrer Familie verstoßen, Hearn nimmt sie mit nach Dublin. Doch die Ehe des ungleichen Paares wird im konservativ-katholischen Irland unglücklich. Als Charles Hearn stirbt, wird die Ehe annulliert. Rosa kehrt in ihre Heimat zurück, der Sohn Lefcadio bleibt in einer Internatsschule zurück. Alle drei Teile dieses Hörbuchs werden durch Ausschnitte aus der Biographie ergänzt, die Lefcadio Hearns Freundin Elisabeth Bisland über ihn geschrieben hat. Rebecca Madita Hundt spricht die biographischen Zeugnisse.

"Als Kinder waren wir alle sehr dunkelhäutig, sehr leidenschaftlich. Wir sahen sehr seltsam aus, und trugen Goldringe in den Ohren. Alles Gute in mir kam aus dieser dunklen Volksseele, von der wir so wenig wissen. Meine Liebe zu dem, was Recht ist, mein Hass auf das Unrecht, meine Bewunderung des Schönen und Wahren, meine Fähigkeit, einem Mann oder Frau zu vertrauen, meine Sensibilität gegenüber allem Künstlerischen, aus der ich meinen bescheidenen Erfolg beziehe, selbst die Sprachgewalt, die sich physisch in den großen Augen zeigt, die wir beide haben: all dies stammt von ihr."

Interview mit der Sklavin Alethea Foley

Der zweite Teil dieses faszinierenden Hörbuchs besteht aus einem fiktiven Interview mit der Sklavin Alethea Foley. Die lernte ihren späteren Ehemann als Dienstmädchen in Cincinnati kennen. Hearn arbeitete als Zeitungs-Reporter, ein eigentümlicher Mann, auf einem Auge erblindet, hoch gebildet, ein Sonderling mit einem Faible für das Randständige. Als Reporter schrieb er die Geschichten der kleinen Leute auf, etwa der Polizisten oder der Schwarzen in Cincinnati.

"Die Geschichten dieser Männer sind die besten in Cincinnati“. Ich meine, die Geschichten, mit denen sich die meisten Zeitungen verkaufen lassen. Er hatte recht: ihre Geschichten ernährten uns. Charlotte hatte Schweinefleisch, ich hatte den Schmutz und die Verbrechen der Stadt. Als wir heirateten, hatte Pat großen Erfolg beim Inquirer, und zwar wegen dieser Männer. Er sagte, sie seien seine Augen und Ohren. Stimmt, Miss: Pat fing an, für ihre Zeitung zu arbeiten, als er noch in der Pension von Mrs. Haslam wohnte. Pat blieb immer lange in der Redaktion, weil er sagte: die besten Geschichten in Cincinnati ereignen sich im Dunklen, kurz vor Morgengrauen. Mir erzählte er sie zuerst."

Vier fiktive Frauen-Perspektiven

Monique Truong schildert Lafcadio Hearns Leben aus vier fiktiven Frauen-Perspektiven. Dabei ergibt sich mit dem durchweg großartig agierenden Sprecherinnen-Ensemble ein schillerndes Gesamtbild des Schriftstellers. Abgeschlossen wird es in den letzten der 10 Hörbuch-Stunden von Henni Jörissen. Sie spricht Koizumi Setsu, die Witwe von Lefcadio Hearn, der sich in Japan Koizumi Yakumo nannte. Denn 1890 ging Hearn als Sprachlehrer nach Japan, und wurde ein bedeutender Mittler zwischen der europäischen und japanischen Kultur. 1904 starb er in Tokio, bis heute wird er in Japan verehrt.

Mit diesem Hörbuch und vier ausgezeichnet agierenden Sprecherinnen kann man ihn wieder entdecken.

"Wenn man die Geschichte eins anderen erzählt, holt man ihn ins Leben zurück, und Du Gemahl bist ja noch da! Jeden Tag bei Sonnenaufgang stehst Du zusammen mit dem Kummer in mir auf. Ich sehe dich im Garten dieses Hauses, die aderblaue Herrlichkeit des Morgens begrüßen. Wenn der Herbst ohne dich kommt, klammern sich diese treuen Anhänger weiter an den Gartenzaun, während ihre Blätter vergilben und die Blüten mit jedem alten tag kleiner werden. Zu dieser Jahreszeit hast du sie am liebsten. Stark nennst du sie und tapfer nennst du ihre letzten Blüten. Wenn Toast und Eier vor den Jungen stehen, sehe ich dich am Tisch sitzen. Halb im Traum gibst du Salz in deinen Kaffee, und wenn die Kinder lachen, lachst du über dich selbst."

Stand: 07.07.2020, 13:47