Buchcover: "Gehen allein unter Menschen" von Antonio Muñoz Molina

"Gehen allein unter Menschen" von Antonio Muñoz Molina

Stand: 26.01.2022, 12:58 Uhr

Wie der klassische Flaneur vertraut sich der spanische Autor Antonio Muñoz Molina in seinem neuen Buch dem "Straßenrausch" (Siegfried Kracauer) an. Er geht "allein unter Menschen" und misst noch in den schmutzigsten Ecken der Stadt unserer Gegenwart den Puls. Eine Rezension von Ulrich Rüdenauer.

Antonio Muñoz Molina: Gehen allein unter Menschen
Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen.
Penguin Verlag, 2022.
544 Seiten, 26 Euro.

"Gehen allein unter Menschen" von Antonio Muñoz Molina

Lesestoff – neue Bücher 02.02.2022 04:51 Min. Verfügbar bis 02.02.2023 WDR Online Von Ulrich Rüdenauer


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Was der Flaneur braucht

Das natürliche Habitat der Flaneure war die im 19. Jahrhundert entstehende Metropole der europäischen Moderne. Die klassische Moderne aber ist historisch geworden und mit ihr auch der Bürger, der zum flanierenden Sonderling wurde. Öffentliche Räume werden zusehends kapitalisiert und privatisiert.

Per App wird der heutige Spaziergänger in den urbanen Räumen nicht nur zu einem Ziel dirigiert, sondern auch überall geortet, während der einstige Flaneur sich ziellos, allein, arhythmisch und im Schildkrötengang in der Menge bewegte. Flaneure brauchten die Welt der Geschäfte und Geschäftigkeit, ohne daran teilzuhaben – heute werden Spaziergänger vom Konsum verschlungen, ergriffen, überflutet. Mittlerweile gleicht eine City der anderen, und was in ihr geschrieben steht, scheint wenig geheimnisvoll.

Spaziergänge durch Madrid, Paris und New York

Der 1956 geborene Spanier Antonio Muñoz Molina folgt den Flaneuren des 19. und frühen 20. Jahrhunderts gleichwohl. In seinem neuen, von Willi Zurbrüggen übersetzten Buch – einer Mischung aus Memoir, Essay, Roman, Tagebuch – nimmt er uns mit auf seine Spaziergänge durch Madrid, Paris und New York.

"Gehen allein unter Menschen" ist der Versuch, einer persönlichen, vielleicht aber doch viel allgemeineren Krise zu entlaufen:

"Ich ging mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern, bewegte mich in der giftigen Blase der Niedergeschlagenheit, im Tunnel des morgendlichen Verzagens. Die Beklemmung war mein Schatten, mein Bewacher und mein Doppelgänger."

Um aus dem "Tunnel" hinauszugelangen, tritt sein Alter Ego – manchmal ein Ich, manchmal ein Er – tagtäglich aus dem Haus und überlässt sich stundenlang der "visuellen Polyfonie" der Stadt. Es ist das Jahr 2015…

"…der Sommer von Pokémon Go und der Selbstmordattentate."

Ein gehendes Aufnahmegerät

Unheils-Signale häufen sich, die Klimaveränderung zeitigt Folgen, Populisten greifen nach der Macht. Molina verschließt vor all dem nicht die Augen. Aber sein Erzähler versucht die Aufmerksamkeit nicht nur auf das Offensichtliche zu richten, sondern auch auf allzu leicht Übersehenes, den Schmutz und Müll auf den Straßen, den Schriftzug an einer Häuserwand, die unscheinbaren Menschen in der Menge.

Das unablässige Beobachten, Lesen, Hören soll "Sorgen und Einbildungen" überschreiben. Der Spaziergänger wird zum "gehenden Aufnahmegerät":

"ein Spion mit dem Geheimauftrag, alles in mich aufzunehmen, alles einzusammeln".

Unscheinbares wird zur Sensation

"Gehen allein unter Menschen" ist eine vielstimmige Collage aus Eindrücken, Verstörungen, Verzauberungen, Liebeserklärungen, Unbehaglichkeiten, die Molina auf mehr als 500 Seiten in mäandernden Schreibbewegungen vor uns ausbreitet.

Wie dem klassischen Flaneur werden auch Molinas Erzähler die unscheinbarsten Dinge zu Zeichen und Sensationen. Das hat nicht zuletzt mit einem Hang zur Melancholie zu tun. Das Gehen im Hier und Jetzt führt nämlich immer auch in die Vergangenheit. Die Straße leitet ihn, wie einst Walter Benjamin, in eine entschwundene Zeit. So wird er auch zum Archivar der Flanierologie.

Ein Labyrinth aus Impressionen

Immer wieder eingestreut sind Porträts von Charles Baudelaire, Edgar Allen Poe, Herman Melville, Thomas De Quincey, Charles Dickens oder Walter Benjamin. Immer wieder gibt es ein Erstaunen darüber, dass sich deren Wege an bestimmten Orten oder in verschiedenen Zeiten gekreuzt haben, ohne dass die Autoren sich leibhaftig begegnet wären.

So entsteht ein verschlungenes, unüberschaubares Bewegungsnetz, dem nun auch Molina seine eigenen Streifzüge hinzufügt. Eine Karte des Lesens, Hörens, Sehens, Staunens, Fantasierens, Spintisierens, Erinnerns.

"Gehen allein unter Menschen" ist ein wunderbares, anregendes, manchmal überquellendes, manchmal auch ermüdendes Buch aus vielen Geschichten, in dem es sich lesend verirren lässt wie in einem Labyrinth oder auf einem Flohmarkt aus Impressionen und vorgefundenem Material. Man möchte gar nicht mehr herausfinden.