Buchcover: "Amen" von Marcel Möring

"Amen" von Marcel Möring

Stand: 05.07.2022, 07:00 Uhr

Ein Mann wird von seiner Frau verlassen - und er bleibt allein mit seiner Frage nach dem
"Warum?" und einer Flut von Erinnerungen zurück. In seinem siebten Roman verknüpft der niederländische Autor klug und anregend die private Katastrophe mit historischen, gesellschaftspolitischen Umbrüchen. Eine Rezension von Nicole Strecker.

Marcel Möring: Amen
Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. 
Luchterhand Verlag, 2022.
224 Seiten. 22 Euro.

"Amen" von Marcel Möring

Lesestoff – neue Bücher 05.07.2022 05:30 Min. Verfügbar bis 05.07.2023 WDR Online Von Nicole Strecker


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Ein letzter Karton

Ein Mann mit Liebeskummer. Vor fünf Monaten wurde Samuel Hagenau von seiner Frau Joyce verlassen. Einen einzelnen Karton hat sie bei ihrem Auszug zurückgelassen. Hagenau hat nie hineingeschaut. Jetzt will Joyce den Karton am Samstag abholen kommen. Das endgültige Ende ihrer Beziehung.

"Das Ende des Endes, das letzte Wort. Amen."

In seiner Aufgewühltheit über die Nachricht geht der Erzähler los in den Wald, in Richtung eines Dorfes, das - wie der Titel des Buches - "Amen" heißt. Und plötzlich steht er mitten im entlegenen Naturschutzgebiet vor einem ausgebrannten Autowrack.

"Ich greife zu meinem Handy, beuge mich vor, knie mich hin und leuchte unter den Wagen. Scheiße. Ich richte mich auf und sehe mich um. Die Welt atmet aus. Das Mau-mau eines fernen Bussards. Wind, der die Baumkronen streichelt. Darunter."

Das Geschehene verstehen

Denn unter dem Wrack findet Samuel Hagenau eine halb verkohlte Leiche und unvermittelt ist der liebeskranke, über seine zerstörte Beziehung grübelnde Erzähler in einen Kriminalfall verwickelt. Auch hier geht es darum, die Vergangenheit aufzurollen, das Geschehene verstehen zu wollen.

Und dafür ist Samuel Hagenau letztlich ja auch Experte: Er ist Archäologe, leitet eine Grabung auf dem Gelände des ehemaligen Nazi-Lagers Westerbork. Kein Zufall. Er ist der Sohn von Holocaust-Überlebenden.

"Archäologische Untersuchungen auf dem Gelände von Lagern löst eine Menge aus bei Behörden, Organisationen und Bürgern. Da ist ein Hauch von Tabu, nicht nur, weil das Bodenarchiv neueren Datums ist, sondern vor allem auch, weil es darum geht, was der Mensch seinem Mitmenschen hier in industrialisierter Form angetan hat. Dürfen wir das überhaupt berühren? Entheiligen wir diesen Ort nicht, wenn wir graben? ... Es hat eine mythische Qualität erhalten. In solchem Maße, dass fast niemand mehr weiß, wie normal es eigentlich war. Es hat nicht Dutzende, sondern Tausende von Lagern in Europa gegeben."

Moralische Last und Erinnerungszwang

Was suchen wir hier auf diesem Gelände, wird Samuel Hagenau einmal von einem Mitarbeiter gefragt. Hagenau antwortet nicht. Und tatsächlich gönnt Autor Marcel Möring seiner Hauptfigur kaum Antworten bei seinem Wühlen in der Vergangenheit.  Wie sein Erzähler ist auch Marcel Möring ein Kind überlebender Juden, und die Wut und der Schmerz, auch die moralische Last und der Erinnerungszwang seiner Generation sind seine großen Themen.

So ist Marcel Mörings "Amen" ganz entgegen des Titels kein Buch letztgültiger Worte, sondern ein Buch des Fragens und Zweifelns. Sein Hagenau geht mit sich selbst ins Gericht. In seinem inneren Monolog redet er sich meist mit "Du" an, als blicke er von außen auf sich selbst.

Dabei lässt Autor Marcel Möring ihn gedanklich nicht nur um die verlorene Liebe kreisen - einschließlich softpornografisch beschriebener Sexszenen. Sondern Möring verwebt eine Vielzahl von Motiven in die Trennungsgeschichte.

Kein normales Land

Angedeutete Biografien von jüdischen Familienmitgliedern. Die Tragödie von einem verschwundenen Kind in den Schweizer Bergen und dem Trauma, das dieses Ereignis in den Familien hinterließ. Sogar bundesdeutsche Gesellschaftsgeschichte fließt ein, denn die verbrannte Leiche im Wald weist auf RAF-Terrorismus hin. Deutschland sei kein normales Land, heißt es einmal.

"Es ist ein Land mit einer Geschichte, die ein höheres spezifisches Gewicht hat als die vieler, als die der meisten anderen Länder. ...  Kinder wachsen in dem Bewusstsein auf, an etwas schuldig zu sein, was sie selbst nicht verursacht haben, ihre Eltern tragen dunkle Geschichten mit sich herum."

Ein komplexer und widersprüchlicher Charakter

Viel Stoff für einen Roman also, doch Marcel Möring gelingt es, die Handlungsstränge motivisch klug ineinander zu verschränken. Das hält die Aufmerksamkeit hoch, wenn auch die Sprache manchmal ein bisschen zu sehr ins mythisch Überhöhte zielt und der Drang zur Poetisierung auch in der Übersetzung von Helga van Beuningen allzu deutlich wird.

Trotzdem: Man bleibt unbedingt dran an diesem Psychogramm eines heftig Liebenden und Verlassenen, und zwar nicht nur, weil man das Geheimnis um die verbrannte Leiche lüften will. Sondern auch, weil hier ein komplexer und widersprüchlicher Charakter mit seiner Geschichte ringt, die zugleich unser aller Geschichte ist.