Patrick Modiano - Unsichtbare Tinte

Buchcover: Patrick Modiano - Unsichtbare Tinte

Patrick Modiano - Unsichtbare Tinte

Von Dirk Fuhrig

Kriminalistische Recherche in der eigenen Vergangenheit: Patrick Modianos packende Erinnerung an die Jugend.

Patrick Modiano: Unsichtbare Tinte
Aus dem Französischen von Elisabeth Edl.
Hanser Verlag, München 2021.
144 Seiten, 19 Euro.

Patrick Modiano: "Unsichtbare Tinte"

WDR 3 Buchkritik 13.04.2021 05:41 Min. Verfügbar bis 13.04.2022 WDR 3


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Die geheime Botschaft

Mit "Unsichtbarer Tinte" ist ein Text geschrieben, der sich nur den Eingeweihten erschließt. Es bedarf eines besonderen Mittels, um die geheime Botschaft lesbar zu machen.

"Ich versuche, mit größtmöglicher Gelassenheit, schwarz auf weiß, die Worte hinzuschreiben, die wir an jenem Tag gewechselt haben. Doch viele sind mir entfallen. Alle diese verlorengegangenen Wörter (… ). Und zuweilen, beim Aufwachen oder spät in der Nacht, kommt dir ein Satz wieder in den Sinn, aber du weißt nicht, wer ihn dir zugeflüstert hat, in der Vergangenheit."

Auf der Spur des individuellen Gedächtnisses

Der Schriftsteller Patrick Modiano ist von Anfang an auf der Suche nach den Nachwirkungen der Vergangenheit. 1968 wurde er als junger Wilder mit dem Roman "Place de l’Étoile" berühmt, in dem er die Kollaboration der Franzosen bei der Judenverfolgung während des Zweiten Weltkriegs anprangerte. Vom Ausleuchter der gesellschaftlichen Erinnerung ist er zu einem Erforscher des individuellen Gedächtnisses geworden.

"Es gibt Leerstellen in einem Leben, manchmal aber auch das, was man einen Refrain nennt. Während mehr oder weniger langer Zeitspannen hörst du ihn nicht, und man könnte schon glauben, du hättest diesen Refrain vergessen. Und dann, eines Tages, ist er plötzlich wieder da, wenn du allein bist und nichts ringsum dich ablenken kann.
Er ist wieder da, gleich den Worten eines Kinderlieds, das immer noch seinen Zauber ausübt."

Ein Privatdetektiv im "alten" Paris

In "Unsichtbare Tinte" macht sich der Protagonist im Auftrag einer Privat-Detektei auf die Suche nach einer Frau - Noëlle Lefebvre - , die spurlos verschwunden ist. Der Ermittler stellt sich in James-Bond-Manier vor.

"Ich heiße Eyben. Jean Eyben."

Ausgangs- und Angelpunkt für die Recherche ist, wie fast immer bei Modiano,  auch diesmal wieder die Stadt Paris. Der Detektiv durchstreift die Arrondissements; Straßen, Plätze, Passagen, Cafés, Metro-Stationen oder Postämter markieren das literarische Universum - dieses "alte", noch nicht romantisch verkitschte Paris ist Modianos Welt, in der statt Mobiltelefon und Internet noch handgeschriebene Einträge in Taschenkalendern eine Rolle spielen.

"Von dreihundertfünfundsechzig Tagen hatten nur etwa zwanzig Noëlle Lefebvres Interesse geweckt, und durch ganz knappe Angaben in ihrer großen Schrift waren sie dem Nichts entronnen. Nie würde man erfahren, was hatte sie an den anderen Tagen mit ihrer Zeit angefangen, welche Personen getroffen und welche Orte aufgesucht."

Eine Reflexion über das Entstehen von Literatur

Das Buch ist atmosphärisch dicht geschrieben und liest sich spannend wie ein Krimi. Unter der vordergründig als Detektivroman strukturierten Handlung versteckt sich ein höchst subtiles und feinsinniges literarisches Erinnerungsgeflecht, mit dem sich Modiano in der Tradition von Marcel Prousts Suche nach der verlorenen Zeit bewegt. In dieser Gegenwelt zur elektronisch vernetzten Gegenwart entsteht eine Reflexion über das Wesen des Schreibens, über das Entstehen von Literatur.  

"Ja, die Erinnerungen kommen mit dem Kritzeln der Feder. Man darf sie nicht erzwingen, sondern muss einfach schreiben und dabei so wenig wie möglich streichen. Und im ununterbrochenen Strom der Wörter und Sätze steigen ein paar Einzelheiten, die man vergessen oder wer weiß warum in der Tiefe des Gedächtnisses vergraben hat, allmählich wieder an die Oberfläche. Sich auf keinen Fall unterbrechen, sondern beim Bild eines Skifahrers bleiben, der für alle Ewigkeit einen ziemlich steilen Hang hinabgleitet, wie der Füller über die weiße Seite."

Verlorene Erinnerungen sichtbar machen

Der Ich-Erzähler im Roman stößt viele Jahre später auf die Notizen, die er im Zusammenhang mit der Recherche nach Noëlle Lefebvre gemacht hatte. Und mit einem Mal, beim Schreiben, schafft es die unwillkürliche Erinnerung, verschollene Elemente der Vergangenheit wieder sichtbar zu machen. 

"Ein Skifahrer, der für alle Ewigkeit hinabgleitet. Heute erinnern mich diese Worte an die Haute-Savoie, wo ich ein paar Jahre meiner Jugend verbracht habe."

In den Alpen am Lac d’Annecy, südlich von Genf, ging Patrick Modiano als Heranwachsender zur Schule. Dort, so legt es die nach und nach wieder sichtbar werdende Gedächtnis-Tinte nahe, war der Ich-Erzähler dem Objekt der detektivischen Suche, also der verschwundenen Noëlle Lefebvre, vor langer Zeit schon einmal flüchtig begegnet.

"Den Winter hindurch, mit dem Sonntagabendbus, fuhr er zurück ins Internat. (…) Mehrmals hatte sie ihn begleitet, auf der kleinen geraden Straße zum Internat, und alle beide stapften sie langsam, um nicht auszurutschen im Schnee. Man vergisst sie nicht, diese Fahrgäste der Sommer- und Winterbusse, die man in anderen Zeiten nahm. Und wenn man glaubt, man habe sie vergessen, genügt es, dass man eines Tages wieder nebeneinander sitzt und ihr Gesicht im Profil betrachtet, dann erinnert man sich."

Ein kleines, aber großartiges Alterswerk

"Unsichtbare Tinte" ist ein schmaler Band, doch Modiano kondensiert in den wenigen Seiten ein ganzes literarisches Projekt. Die scheinbar ausgelöschte Erinnerung an die Jugend verbindet sich mit den Erfahrungen eines Schriftstellers, der auf ein Werk von an die 30 Romane zurückblickt.

Einige davon stehen stärker in einem zeitlichen oder gesellschaftlichen Kontext als dieses reflektierende Buch. “Unsichtbare Tinte“ ist ein kleines, aber großartiges Alterswerk eines der bemerkenswertesten Schriftsteller unserer Tage. 

Stand: 12.04.2021, 16:26