Buchcover: "Der Panzer des Hummers" von Caroline Albertine Minor

"Der Panzer des Hummers" von Caroline Albertine Minor

Stand: 12.01.2022, 07:00 Uhr

Wenn ein Hummer wächst, muss er seinen Panzer abwerfen und warten bis ihm ein neuer gewachsen ist. Eine berückende Metapher für die immerwährende Suche nach einem passenden Leben, auf die sich auch die drei Geschwister der Familie Gabel begeben. Ein ungewöhnliches Familienporträt. Eine Rezension von Katja Lückert.

Caroline Albertine Minor: Der Panzer des Hummers
Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein
Diogenes Verlag, 2021.
336 Seiten, 24 Euro.

"Der Panzer des Hummers" von Caroline Albertine Minor

Lesestoff – neue Bücher 17.01.2022 05:30 Min. Verfügbar bis 17.01.2023 WDR Online Von Katja Lückert


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Die weibliche Art des Schreibens

Es ist tatsächlich ein relativ seltener Fall, dass sich ein Roman erst so richtig erschließt, wenn man auch das Nachwort gelesen hat. Doch diesmal ist das so. Caroline Albertine Minor erklärt dort, dass sie ihren Roman nach der sogenannten 'Carrier bag'-Theorie konzipiert habe. Diese geht auf die Science-Fiction-Autorin Ursula K. Le Guin zurück, die eine Abkehr von linearen, konfliktzentrierten Heldengeschichten vorschlug.

So wie die Menschen und besonders die Frauen in der Urzeit, Gesammeltes in Körben, daher die Bezeichnung: 'carrier bags', nach Hause trugen, so sei diese weibliche Art des Schreibens als das Einsammeln von Geschichten zu beschreiben.

"Der Panzer des Hummers ist ein Gefäß, das ich mit allem gefüllt habe, was mich interessiert: Elternsein, Gleichzeitigkeit, die Vorstellung über den Tod und das Leben danach. Der Wunsch nach einer Beziehung, die Unmöglichkeit einer Beziehung."

Eine Herausforderung für den Onkel

Verschiedene Erzähleinheiten stehen also im Roman gleichberechtigt nebeneinander, es gibt keine wirklichen Helden und es soll sie auch nicht geben.

Wenn man dies verstanden hat, kann man diesen Text, der in sehr viele verschiedene Geschichten zerfällt, leichter lesen. Ein Erzählstrang dreht sich um die junge, alleinerziehende Mutter Sidsel, die als Kuratorin arbeitet und eines Tages in ein Museum nach London gerufen wird, um eine beschädigte antike Büste zu untersuchen.

Sie bittet ihren Bruder Niels sich während ihrer Abwesenheit um ihre kleine Tochter zu kümmern. Niels ist Plakatierer und ansonsten ein arbeitsloser Lebenskünstler ohne festen Wohnsitz. Sich ein paar Tage um ein Kind kümmern zu müssen, ist für ihn eine ziemliche Herausforderung.

"Niels steht auf und holt den Tabak aus seiner Jacke. Er fühlt sich rastlos und angespannt, erschöpft davon, den ganzen Tag mit einem Kind verbracht zu haben. An die ständige Aufmerksamkeit, die Laura ihm abverlangt, kann er sich nur schwer gewöhnen. Seit er sie gestern Nachmittag im Kindergarten abgeholt hatte, war nie Zeit gewesen, um zwei zusammenhängende Gedanken auf einmal zu denken. Das Buch, das er in seiner Tasche trug, hätte er genauso gut zu Hause lassen können. Er begreift nicht, wie Sidsel das schafft, tagein, tagaus."

Verschiedene Seiten von Mutterschaft

Das Motiv des Elternseins, insbesondere der Mutterschaft findet sich auch an verschiedenen anderen Stellen des Romans wieder. Etwa, wenn Niels Tante Elfie darüber räsoniert, warum sie nie Kinder bekommen hat.

Auch Loretta, eine Kuratorin, mit der Sidsel im Museum in London zusammenarbeitet, erzählt von ihren Erfahrungen als Mutter. 

"Ich gebe niemandem die Schuld, es kam einfach so. Einer von uns musste das Geld verdienen, was zur Folge hatte, dass mein erster Mann nach der Scheidung mehr oder weniger da weitermachen konnte, wo er fünfzehn Jahre vorher aufgehört hatte, wohingegen ich kaum noch wusste, wer ich selbst war, nachdem mein Jüngster von zu Hause ausgezogen war. Die Kinder hatten mich förmlich invadiert."

Eine Influencerin der besonderen Art

Große Teile der Handlung spielen in Kopenhagen, aber in San Francisco lernt der Leser mit Seraphina Wallens auch noch eine ziemlich interessante Figur kennen. Seraphina, mit Künstlernamen Fessonia, ist eine Influencerin der besonderen Art, sie verdient ihr Geld mit beruhigenden Geräuschen, wie sie ihrer Mutter Beatrice, verrät.

"A.S.M.R., erklärt Fifi, noch ehe Bee nachfragen kann, 'Autonomous sensory meridian response. Ich mache Geräusche, die Leute beruhigen'.
'Jetzt komme ich nicht ganz mit. Du machst Geräusche?' Fifi nickt. Geduldig erklärt sie ihrer Mutter, die darüber völlig das Tee-Ei vergisst, dass sie immer noch mit dem Daumen und Zeigefinger der rechten Hand offenhält, dass jeden Tag tausende Menschen auf der ganzen Welt zuhören, wie sie vorsichtig in ein Mikrofon flüstert, pustet, mit der Bürste darüberfährt, dem Finger darauf klopft oder daran kratzt."

Wachstum und Veränderung

Trotz verschiedener sehr interessanter erzählerischer Momente ist die Lektüre zuweilen etwas mühsam. Ständig hat man das Gefühl neu einzusteigen und niemals richtig an zu knüpfen an eine zusammenhängende Geschichte, da in jedem der 22 Kapitel ein völlig anderes Setting aufgebaut wird.

Funktioniert eine konsistente und packende Erzählhandlung doch nicht ohne eine Identifikationsfigur, ohne eine Heldin oder einen Helden? Erzähltheorie und Erzählen ist doch etwas ganz Unterschiedliches. Der titelgebende Hummer übrigens taucht nur ganz am Rande auf, er ist ein Symbol dafür, dass Wachstum und Veränderung letztlich nur mit einem Kraftakt von statten geht. Der Hummer muss seinen Panzer immer wieder ablegen.