"Der Mann mit den Facettenaugen" von von Wu Ming-Yi

Stand: 20.05.2022, 07:00 Uhr

Der wichtigste taiwanesische Autor erstmals auf Deutsch: Wu Ming-Yis magisch-realistischer Roman über Verlust und Verständigung, in dem Mythologie auf Klimawandel trifft. Ein Buch, wie man es nocht nicht gelesen hat.
Eine Rezension von Corinne Orlowski.

Wu Ming-Yi: Der Mann mit den Facettenaugen
Aus dem Chinesischen von Johannes Fiederling.
Matthes & Seitz, 2022.
317 Seiten, 25 Euro.

"Der Mann mit den Facettenaugen" von Wu Ming-Yi Lesestoff – neue Bücher 20.05.2022 05:16 Min. Verfügbar bis 20.05.2023 WDR Online Von Corinne Orlowski

Download

Wayowayo, mitten im Pazifischen Ozean, ist ein Paradies, eine Insel der Mutigen, ein Hort der Träume. Doch es herrscht dort ein Gesetz: jeder zweitgeborene Sohn muss hinaus aufs offene Meer. Ein Todesurteil. Und das Schicksal des 15-jährigen Atile’i. Aber als hervorragender Schwimmer und Navigator tut er alles, um zu überleben. Und tatsächlich. Er strandet auf einer merkwürdigen Insel, die sich bewegt. Ein gigantischer Müllstrudel, zusammengesetzt aus unzähligen Dingen.

"Auf dem Ozean ist es nachts nicht so stockfinster, wie die meisten Menschen glauben. Das Licht der Sterne und des Mondes fällt durch die Wolkendecke, und auch aus dem Meer dringt zuweilen plötzlich ein wundersames Glimmen nach oben, das einen regelrecht blenden kann. Am Rand der Insel sitzend blickte Atile’i staunend auf das geheimnisvolle Schauspiel hinab und fragte sich, was die Zukunft wohl noch für ihn bereithielt."

Atile’is Irrfahrt führt ihn nach Taiwan, wo die Müllinsel auf die Ostküste trifft und wie ein Tsunami nichts als Zerstörung hinterlässt. Hier findet ihn Alice.

Die Schriftstellerin hat ihren Mann und Sohn bei einem Kletterunfall verloren und ist drauf und dran, ihrem Leben selbst ein Ende zu setzen.

"Nachdem sie ihn aus seiner misslichen Lage befreit hatte, redete sie unentwegt auf ihn ein, doch er verstand nicht ein Wort. Er probierte seinerseits ein paar Sätze, doch sie verstand ihn ebenso wenig. Also imitierte er für sie den Vogelgesang, den er sich angeeignet hatte, während er verschüttet dalag, um sich von seinen Schmerzen abzulenken. Er drückte ihr so seine Verbundenheit aus."

Es beginnt eine berührende Suche nach Verständigung – und Alice schöpft neuen Lebensmut. Wenn Atile’i seine Gesichtsmimik um das Spiel der Flöte ergänzt, versteht Alice ihn, zu ihrem eigenen Erstaunen, sofort. Sie nimmt ihn mit in die mythische Berglandschaft, in der wundersame Schmetterlinge leben und Bäume laufen können, der Ort, wo ihre Familie verschollen ging. Hier begegnen sie einem geheimnisvollen Menschen.

"Mir fiel auf, dass seine Augen ganz anders waren als unsere. Nicht bloß zwei einfache Augäpfel, sondern aus unzähligen Augen zusammengesetzte Facettenaugen. Augen wie Wolken, Berge, Flüsse, Feldlerchen und Muntjaks in einem. Es war, als läge in jedem Auge eine eigene Landschaft, die sich im Verbund zu einem großen Panorama zusammenfügten, wie ich es noch nie gesehen hatte."

Der Mann mit den Facettenaugen kann zwar zusehen, aber nicht ins Geschehen eingreifen. Er ist wie ein Lesender, der unterschiedliche Sichtweisen in sich vereint. Durch ihn kommt Alice zu einer folgenschweren Erkenntnis.

Zärtlich beschreibt Wu Ming-Yi nicht nur die Lebenswege von Alice und Atile’i. Es treten auch mehrere indigene Figuren auf, ein deutscher Ingenieur und eine norwegische Meeresbiologin. Ihre Schicksale sind miteinander verwoben. Sie kommen abwechselnd zu Wort. All die durch sie transportierten Facetten verdeutlichen: der Mensch verliert nicht nur zur den Bezug zur Natur, sondern zerstört auch ihren Reichtum.

"Der Mensch glaubt, er sei zum Überleben nicht auf das Gedächtnis anderer angewiesen, er glaubt, Blumen und Blüten seien nur dazu da, seinen Augen zu schmeicheln; er glaubt, nur er könne Trauer empfinden, glaubt, ein Stein, der ins Tal fällt, sei ohne jede Bedeutung. In Wirklichkeit bedeutet jede noch so kleine Bewegung eines jeden Lebewesens eine Veränderung im Ökosystem."

"Der Mann mit den Facettenaugen" ist ein Roman, wie man ihn noch nicht gelesen hat. Er klingt und flirrt auf seine ganz eigene, beeindruckende Weise. Wu ist Wissenschaftler und Umweltaktivist, und ja, er hat eine Message. Aber es gelingt ihm diese literarisch virtuos umzusetzen, ganz in der Tradition magisch-realistischen Erzählens. Das ist eindringlich und bewusstseinserweiternd und von Johannes Fiederling wunderbar übersetzt. Den Müllstrudel, der Atile’i überleben lässt, gibt es übrigens wirklich, er ist mittlerweile so groß wie Mitteleuropa.