Kristina Milz, Anja Tuckermann - Todesursache: Flucht – Eine unvollständige Liste

Kristina Milz, Anja Tuckermann - Todesursache: Flucht – Eine unvollständige Liste

Kristina Milz, Anja Tuckermann - Todesursache: Flucht – Eine unvollständige Liste

Von Monika Buschey

Gedichte, Essays, Erfahrungsberichte – es geht darum, den vielen Geflüchteten der letzten Jahre, ob sie ihr Ziel erreicht haben oder nicht, ob sie leben oder gestorben sind, einen Namen zu geben und ihre Geschichte zu erzählen.

Kristina Milz, Anja Tuckermann
Todesursache: Flucht – Eine unvollständige Liste

Gelesen von 50 verschiedenen Stimmen
Der Diwan Hörbuchverlag
ISBN 978-3-941009-56-1
2 mp3 CDs

Todesursache: Flucht (Hörbuch)

WDR 3 Mosaik | 21.02.2019 | 05:40 Min.

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Wie so oft, wenn das Erschrecken zu groß ist, reagiere Menschen mit mehr oder weniger beklommenem Blick in eine andere Richtung: Man möchte es nicht mehr sehen, das Elend der Geflüchteten und sich die Frage nach einer Mitverantwortung nicht stellen müssen. Kristina Milz und Anja Tuckermann haben ein Buch geschrieben, das hinter die Zahlen der Statistik blickt. Sie stellen Menschen vor, die die Flucht gewagt haben und angekommen sind, und sie erzählen die Geschichten derer, die im Meer ertrunken, in der Wüste verdurstet oder in einer deutschen Gefängniszelle verbrannt sind. Im Diwan Hörbuchverlag - dem Buch folgend - sind auf zwei CDs 50 Stimmen zu hören: Berichte, Analysen, Geschichten, Gedichte.

Es geht nicht um die Zuweisung von Schuld

"Schon wieder ein Grab im ewigen Grabfeld meiner Haut
Will kein Grab mehr graben/ Will nicht mehr auf ihnen laufen, stolpern
auf der Suche nach den Meinen.
Von Adam Zameenzad"

Es geht nicht um die Zuweisung von Schuld, nicht um Anklage. Kristina Milz und Anja Tuckermann, eine Historikerin und eine Autorin, unternehmen den Versuch einer Darstellung. Daraus mag dann jeder seine Schlüsse ziehen. Die beiden haben jede Menge Material zusammengetragen, das in der Summe die Flüchtlingstragödie von vielen Seiten aus beleuchtet. Analytische Texte, Erfahrungsberichte, Geschichten, die von den Beweggründen einer Flucht erzählen und von ihrem Verlauf. Auf einer langen Liste sind diejenigen aufgeführt, die während der Flucht ihr Leben verloren.

Die Würde des Menschen

Anja Tuckermann & Kristina Milz

Anja Tuckermann & Kristina Milz

Seit 1993 beobachtet UNITED for Intercultural Action den Tod von Asylbewerbern, Flüchtlingen und Migranten, die ein besseres Leben in Europa suchen. Auf dem Weg zur Festung Europa, in Haft oder in Registrierungslagern, während der Abschiebung oder zurück im Herkunftsland sterben viele Geflüchtete und Migranten. Mit dieser Liste der zu Tode gekommenen Geflüchteten will die UNITED aufmerksam machen auf die Rolle unserer Gesellschaften beim Schutz von Menschen, die vor Krieg, Verfolgung, Armut oder Naturkatastrophen fliehen und die schwerwiegenden Mängel in unserem Asyl- und Einwanderungs-System hervorheben.

Der Satz aus dem deutschen Grundgesetz, dass die Würde des Menschen unantastbar sei, gibt die Richtung vor. Den Toten ist ein würdiger Platz im Gedächtnis der Lebenden zugedacht, indem ihre Namen genannt, ihre Geschichten erzählt werden.

"1. Mai 2018: Fareidun Salam Eisis, männlich, 38 Jahre alt, ein Kurde aus dem Irak ist in Apolda aus dem Fenster des Wohnheims für Geflüchtete gesprungen, nachdem Security-Leute seine Zimmertür abgeschlossen hatten, und gestorben. Dies ist seine Geschichte: Vor zehn Jahren floh Fareidun aus der Kurdenregion im Irak nach Deutschland und wohnte acht Jahre lang in zwei verschiedenen Flüchtlingsheimen in Apolda. Fareidun war im Irak zum Christentum konvertiert und deshalb in Gefahr geraten."

Ich will mich nicht erinnern.

Geschichten von bedrückender Eindringlichkeit, unabhängig davon, ob die Flucht gelingt oder nicht, ob ein Beobachter erzählt oder der Geflüchtete selbst:

"Nicht mehr. Zehn Tage auf dem Meer. Ich will mich nicht erinnern. Vom Libanon nach Ägypten und dann nach Italien. Ich will nicht daran denken. Einer ist bei uns gestorben. Da waren auch schwarze Männer, die waren ganz unten, zehn Tage ohne Licht. Ich war mit meiner Mutter in der Mitte, bei uns übergibt sich einer über mich. Ich konnte nichts machen, weil er seekrank war. Das war schlimm, ich will nicht daran denken. Nicht mehr. Wenn mir einer sagt: ich gebe dir zwei Milliarden, geh zurück und komm noch einmal so nach Deutschland, wie du gekommen bist, dann sage ich: nein."

Der Leiche von Amir Agib ging es gut

Der Stimme eines Geflüchteten folgt die eines Journalisten. In der Süddeutschen Zeitung schildert Heribert Prantl das Schicksal eines Sudanesen, dem die Sorgfalt des Landes, von dem er sich Rettung versprochen hatte, erst zu Teil wurde, nachdem er tot war.

"Der Leiche von Amir Agib ging es gut. Die Leiche stand unter der Obhut der Staatsanwaltschaft und fand Betreuung nach den Richtlinien für das Straf- und Bußgeld-Verfahren. Die Gerichtsmedizin in München inspizierte und obduzierte den Leichnam, die Rechtsmedizin in Frankfurt wiederholte die Totenschau, um ja nichts zu versäumen, wie der Sprecher der dortigen Staatsanwaltschaft sagte. Soviel juristische Sorgfalt war dem Amir Agib vor seinem Tod auf dem Abschiebeflug in den Sudan nicht wiederfahren. Wenigstens sein Leichnam durfte also nun erleben, wie gewissenhaft deutsche Behörden arbeiten können."

Krieg und Ausbeutung

Die Autorinnen versäumen es nicht, auf die Ursachen für die Flucht so vieler Menschen hinzuweisen. In vielen Fällen tragen die westlichen Industrienationen die Schuld oder wenigstens eine Mitschuld an Krieg und Ausbeutung. Und noch immer, so weisen sie nach, gelten Menschen mit dunkler Haut weniger als Weiße. Soziologen, Journalisten und Wissenschaftler kommen zu Wort, eine Vertreterin des Kirchenasyls, Juristen und ehrenamtliche Helfer. Im Nachwort zitiert Kristina Milz ein paar Zeilen aus einem Gedicht von Mascha Kaleko, die in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts von Deutschland aus nach Amerika geflohen ist.

"Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel tast ich todentlang
Und lass mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;
– Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der andern muss man leben."

Stand: 20.02.2019, 14:19