Miku Sophie Kühmel - Kintsugi

Miku Sophie Kühmel - Kintsugi

Miku Sophie Kühmel - Kintsugi

Von Barbara Geschwinde

Die Risse vergolden: das Debüt Miku Sophie Kühmel hat als psychologisches Kammerspiel viel Potenzial, aber auch stilistischen Schwächen.

Miku Sophie Kühmel
Kintsugi

S. Fischer, Frankfurt a.M. 2019
298 Seiten
21 Euro

Die Beziehung zwischen zwei Menschen kann kein Dritter wirklich einschätzen

Gäbe es einen Preis für das schönste Cover dieses Bücherherbstes, wäre Kintsugi wohl der Favorit für den ersten Platz. Auf dem Buchumschlag sind vor hellblauem Hintergrund die Schatten von vier Personen zu sehen, die an einem goldfarbenen See entlang spazieren. In das Bild ragt von einer Seite ein Baumskelett herein. In der Ferne steht ein Haus. Dieses Motiv weist auf das Setting des Romans hin. Der Roman hat vier Protagonisten: Max, Reik, Tonio und Pega. Max und Reik sind seit 20 Jahren ein Paar. Sie möchten mit dem gemeinsamen Freund Tonio und seiner mittlerweile erwachsenen Tochter Pega in einem Wochenendhaus in der Uckermark diesen Jahrestag feiern; der eine Porzellanhochzeit wäre, hätten die beiden je geheiratet. Tonio sinniert über die Beziehung seiner Freunde:

"Die Beziehung zwischen zwei Menschen kann kein Dritter wirklich einschätzen, von draußen sieht alles anders aus, nichts ist, wie es scheint. Da kann man hassen und verachten und Groll hegen, so viel man will. Man kann nichts beurteilen und verheddert sich in falschen Annahmen und weil man so dumm ist, selbst lieben zu wollen, so lieben zu wollen, und man hat sie so sehr beneidet, wird dieses Verlangen immer mitkommen, wohin man geht. Und es bleibt einem nur, zu mosern und darauf zu drängen, dass wenigstens die beiden diesen Schritt gehen, ganz einfach, zwei Ringe und eine Party und dann Glückseligkeit für den Rest ihres Lebens und zwei Grabsteine direkt nebeneinander oder einfach zwei gebuddelte Löcher und ein und verdammt nochmal der gleiche Stein."

Ja, wir haben Probleme

Es ist ein Paukenschlag, als Max und Reik beim Abendessen verkünden, dass sie sich getrennt haben. Reiks Begründung für diese Entscheidung lautet schlicht: er wolle Kinder und Max die Welt. Und Reik betont, dass sich Menschen ständig veränderten und damit auch ihre Beziehungen.

"Ja, wir haben Probleme, ziemliche sogar, auch, wenn einem das immer niemand glauben will. Alle sehen in uns so viel. Wir sind ihnen der Beweis, dass es das geben kann, worauf sie alle hoffen, wir werden gern als Beispiel herangezogen in den Beziehungsstreitigkeiten anderer Paare, unangenehmerweise sogar manchmal, während wir dabei mit am Tisch sitzen. Für sie alle bergen wir das eine Geheimnis, den Schlüssel zum Glück und das mag deswegen keiner hinterfragen."

Die Brüche im Leben

Miku Sophie Kühmel

Miku Sophie Kühmel

Miku Sophie Kühmel lässt alle vier Protagonisten einzeln zu Wort kommen, so dass der Leser aus verschiedenen Perspektiven einen Blick auf die Liebe von Max und Reik werfen kann. Gleichzeitig lernt er dadurch die unterschiedlichen Charaktere kennen; ihre Herkunft und Prägungen, aber auch ihre Lebenswünsche und Konzepte. Da sind Max, der Archäologie-Professor mit einem ausgeprägten Sinn für das Schöne und die Ordnung, und sein Partner Reik, ein chaotischer, aber sehr erfolgreicher Künstler. In ihr Wochenendhaus haben sie die engsten Freunde eingeladen: Tonio, den bisexuellen Klavierspieler und dessen Tochter Pega, mittlerweile eine junge Studentin, die von den drei Männern überwiegend gemeinsam großgezogen wurde.


Unterbrochen werden die langen Passagen, die wie rückblickende innere Monologe daherkommen, durch Dialoge, die entweder um 8 Uhr am Morgen beim Frühstück oder 12 Stunden später beim Abendessen stattfinden. Bei diesem Aufbau des Romans wird schon eines seiner Grundprobleme sichtbar: er wirkt konstruiert. Die Dialoge klingen ausgedacht und nicht wie aus dem echten Leben aufgeschnappt. Der Eindruck des Gewollten ist auch spürbar, wenn die Autorin sehr ausufernd und detailreich die Einrichtung des Hauses beschreibt, was kunstsinnig sein soll, aber artifiziell und überladen ist und dadurch das Lesen sehr zäh macht. Die Absicht dahinter, durch Markennamen einen Charakter zu definieren, ist zu schnell durchschaut.
Dabei ist die Grundidee des Romans gut. Kintsugi heißt eine japanische Kunsttechnik, bei der Porzellanscherben mit Gold wieder zusammengekittet werden. Der Titel steht also als Metapher für Brüche im Leben; eben auch in Beziehungen. Unversehrtheit oder Perfektion gibt es nicht. Risse, die repariert wurden, gehören dazu und können die Schönheit und den Zusammenhalt sogar noch steigern.

"Wir haben dieses Sideboard, hier im Wohnzimmer, auf dem ich die Dinge so passgenau sortiert habe, wie es mir sonst nirgends annähernd gelungen ist. Ein echtes Teegeschirr, mitgebracht von unserer ersten Japanreise. Niemand weiß, dass ich dieses Arrangement einmal mit einem ausholenden Schlag meines rechten Arms abgeräumt habe."

Ein psychologisches Kammerspiel

Anschließend hat der sonst so beherrschte Max die Teeschale repariert. Er glaubt, niemand sonst würde die Gewalteinwirkung erkennen; seine darin offenbarten unterdrückten Aggressionen und die Unzufriedenheit mit seiner Beziehung zu Reik.

Logo Buchpreis 2019

Mit ihrem Roman "Kintsugi" hat Miku Sophie Kühmel einen Platz auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis ergattert. Die junge, gerade mal 28jährige beweist, dass sie das Potenzial hat, ein psychologisches Kammerspiel zu entwerfen.

Dennoch fehlt ihr die Leichtigkeit beim Erzählen. Der ganz große Wurf ist Miku Sophie Kühmel mit ihrem Debüt leider noch nicht gelungen.

Miku Sophie Kümel: "Kintsugi"

WDR 3 Buchrezension 10.10.2019 05:29 Min. Verfügbar bis 09.10.2020 WDR 3

Download

Stand: 07.10.2019, 00:51