Louise Michel - Die Pariser Commune

Buchcover: Louise Michel - Die Pariser Commune

Louise Michel - Die Pariser Commune

Aus erster Hand berichten die Aufzeichnungen der Barrikadenkämpferin Luise Michel über den dramatischen Aufstieg und das bittere Ende der Pariser Commune.

Louise Michel: Die Pariser Commune
Aus dem Französischen von Veronika Berger.
Mandelbaum Verlag, Wien 2020.
414 Seiten, 28,00 Euro.

Louise Michel: "Die Pariser Commune"

WDR 3 Buchkritik 26.02.2021 04:47 Min. Verfügbar bis 26.02.2022 WDR 3


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Die Entstehung der "Commune"

Im Winter 1870 lag Frankreich am Boden, der Krieg gegen den norddeutschen Bund war verloren, und Paris durch deutsche Truppen eingekesselt. Typhus, Hunger und Kälte trieben die Pariser Bevölkerung an den Rand der Verzweiflung. 40000 Menschen fanden während der Belagerung den Tod. Dies war der Nährboden für einen Aufstand, der sich schon seit Monaten abzeichnete.

So vereint sich der Protest in einer revolutionären Bewegung, die nicht etwa den Kampf gegen die deutschen Invasoren suchte, sondern die eigene, verhasste Regierung, die nach Versailles geflohen war, zum Teufel wünschte. Politische Heißsporne, Sozialreformer und verarmte Handwerker nannten sich "Commune", die die Verwaltung in eigene Hände nehmen und Paris zum Ausgangspunkt einer großen französischen Revolution machen wollten. Eine von ihnen war Louise Michel, die heute als leuchtende Ikone der Commune gilt. Die Zeitschrift Le Voleur beschreibt sie bei ihrem Gerichtsprozess wie folgt:

"Eine Frau von sechsunddreißig Jahren, größer als der Durchschnitt. Sie trägt schwarz, ein Schleier versteckt ihre Züge vor der Neugier des zahlreichen Publikums. Ihr Auftritt zeigt Einfachheit und Sicherheit, ihr Gesicht verbirgt keinerlei Überspanntheit."

Eine Chronik der Revolution und ihrer letzten Tage

Louise Michel war Zeugin der Straßenkämpfe, sie kämpft auf den Barrikaden und entgeht nur knapp dem Tod. In ihren Aufzeichnungen verdichtet Michel eigene Gedichte, Briefe von Politikern und Kämpfern zu einer leidenschaftlichen Revolutions-Chronik.

Die letzten Tage der Commune werden mit dem Augen der Aktivistin zu einem Drama, das in aufwühlenden und schockierenden Momentaufnahmen die verheerende Schlacht um Paris nachzeichnet. Manche der im Buch abgebildeten Schwarzweißfotos aus jenen Tagen erinnern an Städte aus dem Zweiten Weltkrieg: Man sieht ausgebrannte Häuser, die Straßen sind übersät von Trümmern.

"Das Rathaus brannte wie eine Laterne! Gegenüber spiegelte sich die rächende Flamme als windgepeitschte Feuerwand auf dem Boden, in den Blutlachen wider, die unter den Kasernentoren auf die Straßen, auf alle Wege herausrannen."

Der Häuserkampf nach der Kapitulation

Nach der formellen Kapitulation von Paris, und der kurzzeitigen Besetzung durch deutsche Soldaten, haben die offiziellen französischen Truppen freie Hand gegen die Pariser Commune vorzugehen.

Aus wenigen Gefechten entflammt ein verbissen geführter Häuserkampf zwischen der Pariser Commune und regulären französischen Verbänden, der mit großer Grausamkeit geführt wurde. Pardon wird nicht gegeben.

"Es werden alle Register gezogen. Man überzeugt die Soldaten, dass sie ihre Kameraden rächen müssen. Denen, die aus preußischer Gefangenschaft freigekommen sind, sagt man, die Commune würde mit den Preußen gemeinsame Sache machen, und die Gutgläubigen baden in Blut."

Michel engagiert sich als Pädagogin an Schulen

Louise Michel beschreibt aber nicht nur den Barrikadenkampf, das Wirrwarr der politischen Machtkämpfe innerhalb der Commune, sondern reflektiert auch ihr persönliches Engagement an Pariser Schulen. Hinter den Barrikaden wird gelehrt, geforscht, debattiert und Kinder unterrichtet. Ihren Traum von einer besseren Gesellschaft lebt die glühende Pädagogin Louise Michel vor allem im Klassenzimmer.

"In der Hilfsorganisation war mein Platz auf einem Schemel, zu Füßen der Madame Goudchaux, die unter ihrem weißen Haar einer Marquise von früher ähnelte und ab und zu lächelnd einen Tropfen kalten Wassers auf meine Träume warf. Warum war ich dort überall privilegiert?
Ich weiß es nicht. Vielleicht stimmt es, dass Frauen den Aufstand lieben. Wir sind nicht besser als die Männer, aber uns hat die Macht noch nicht korrumpiert."

Eindrucksvolles Zeitdokument einer blutigen Revolution

Mit dem Pathos der Kommunardin, ihrem Zorn auf das konservative Regime und dem Traum von einer besseren Gesellschaft legt Louise Michel Zeugnis ab. Ihre Darstellung der Pariser Commune, die in einem Blutbad endete, ist ein packendes Zeitdokument. Geradezu sinnlich erfahrbar wird der existenzielle Kampf zwischen Besitzenden und Besitzlosen, die Paris zum Schauplatz einer Sozialrevolte machen.

Die "Commune" gilt heute als blutiges Fanal der großen Revolutionen des 20. Jahrhunderts, in denen sich unverrückbare Ideologien zu einem Flächenbrand ausgeweitet und die Welt aus den Angeln gehoben haben. Louise Michels Erinnerungen rücken dieses historische Drama noch einmal eindrucksvoll ins Bewusstsein.

Stand: 22.02.2021, 16:08