Michael Römling - Pandolfo

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Michael Römling - Pandolfo

Von Jutta Duhm-Heitzmann

Pandolfo ist ein junger Mann, dessen Erlebnisse die Zeit der italienischen Hochrenaissance aufblühen lässt bis verheerende Eroberungskriege ihr ein Ende setzen.

Michael Römling
Pandolfo

Gelesen von Frank Stöckle
2 MP3-CDs
Hörverlag Audiobuch
ISBN 978-3-95862-505-1

Das gleichnamige Buch ist im Rowohlt Verlag erschienen

Italien Ende des 15. Jahrhunderts. Die großen und reichen Städte wie Venedig, Mailand, Florenz, Padua oder Mantua haben die Macht im Norden des Landes unter sich aufgeteilt. Doch nun gerät das fein austarierte Gefüge ins Wanken durch die Eroberungsgier anderer Länder, allen voran Frankreich. In dieser Zeit des Umbruchs spielt Michael Römlings Roman „Pandolfo“. Der Autor hat viele Jahre lang in Italien gelebt und die Renaissance zum Spezialgebiet seiner Studien gemacht. Das merkt man seinem Werk in jeder Zeile an. Der Schauspieler Frank Stöckle hat es als Hörbuch eingelesen.

Ein wacher und intelligenter Beobachter seiner Zeit

"Bernardino Bellapianta rettete mein Leben am Tag des heiligen Servatius im tausendvierhundertdreiundneunzigsten Jahr nach der Geburt unseres Erlösers. Ich selbst erinnere mich nicht an diesen Tag, und das wäre auch zu viel verlangt, schließlich hatte mir gerade jemand mit einem Hammer ein beachtliches Loch in den Schädel gehauen."

Und damit ist auch schon der Ton angeschlagen, der sich durch das ganze Buch zieht: spöttisch, selbstironisch und doch verlässlich genau in seinen historischen Zuordnungen. Denn der junge Mann Pandolfo, der da seine eigene Geschichte erzählt, entpuppt sich als wacher und intelligenter Beobachter seiner Zeit – aber erst nachdem dieser Bernardino Bellapianta ihn bewusstlos unter einem Haufen vergammelter Abfälle entdeckt und in sein Haus gebracht hat. Nach drei Tagen und drei Nächten wacht Pandolfo auf – ohne jede Erinnerung.

"Ich sah einen Himmel voller Sterne. Eine einleuchtende Erklärung hätte sich angeboten: Ich war tot. Doch der Schlag auf den Kopf hatte meinen Verstand derart getrübt, dass mir der Unterschied zwischen tot und lebendig nicht so ohne weiteres gewärtig war. Wie in einem Nebel trieb ich dahin und wunderte mich zunächst nicht über meinen Zustand. Mein Gedächtnis war ein Buch mit leeren Seiten."

Michael Römling "Pandolfo" (Hörbuch)

WDR 3 Buchrezension 05.12.2019 06:00 Min. Verfügbar bis 04.12.2020 WDR 3

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Wer ist er? Wo kommt er her? Warum der mörderische Angriff?

Michael Römling

Michael Römling

Pandolfo weiß es nicht. Während seiner allmählichen Genesung stellt sich nur heraus, dass er ein begnadeter Zeichner ist – zum Entzücken seines Retters. Der kann einen Künstler wie ihn gebrauchen, um Muster für die Stoffe aus seiner Seidenweberei zu entwerfen.

"Daraus fertigen meine Schneider Satteldecken, Altartücher, Baldachine, Wandbehänge und liturgische Gewänder. Je weniger die Leute etwas brauchen, desto mehr Geld legen sie dafür hin.“ Wieder betrachtete er das Blatt. Nach einiger Zeit ging ein leuchten über sein Gesicht. „Ein treffliches Geschenk für Sultan Bajazid,“ sagte er."

Geheimnisumwittert & hochbegabt

Bernardino Bellapianta ist ein geheimnisumwitterter Mann: eine Waise, einst zusammen mit seinem Zwillingsbruder Giancarlo vor einer Klosterkirche gefunden. Beide entpuppten sich als hochbegabt: Bernardo als genialer Handelsmann, Giancarlo als ein ebenso genialer Erfinder. Mit der Zeit hat Bernardino einen solchen Reichtum angehäuft, dass er sich ein riesiges Haus im besten Viertel der Stadt bauen konnte.

"Gegenstand maßloser Bewunderung und hasserfüllten Neides. Dieser Mann, dessen Leben in einer Holzkiste vor der Klosterpforte von Santa Maria di Lantasio begonnen hatte, maßte sich an, die alteingesessenen Mailänder Familien bis aufs Blut zu reizen, indem er ihnen einen Prachtbau vor die Nase setzte, der ihre seit Jahrhunderten von einer Generation zur nächsten weitervererbten Residenzen in den Schatten stellte."

Der Ruin unseres Landes

Nicht nur das: sie sind auch seine Schuldner, haben sich Geld geliehen, um ihren aufwendigen Lebensstil aufrecht zu erhalten. Und: um Kriege zu führen. Die italienischen Städte haben sich zwar immer bekämpft, aber auch Bündnisse geschlossen gegen gemeinsame Feinde (sofern sie sich nicht auf deren Seite schlugen). Die Angriffe der türkischen Osmanen konnten sie bisher erfolgreich abwehren. Aber nicht den eroberungsgierigen französischen König Franz I. Alles endete

"als am Horizont das Unwetter heraufzog, das den Ruin unseres Landes ankündigte und schließlich auch uns in seinen Strudel zu reißen drohte....Anfang September legte sich die Gewissheit wie eine bleierne Wolke über das Land: Das französische Heer wälzte sich über die Alpen."

Ein Netz politischer Intrigen

Pandolfo erlebt diese Zeit an der Seite von Bernardo Bellapianta, seinem väterlichen Freund – eine ähnliche Konstellation wie in Umberto Ecos Historienroman "Der Name der Rose" zwischen William von Baskerville und seinem Adlatus Adson. Nur dass Bellapianta an einem Netz politischer Intrigen mitspinnt, in dem er sich schließlich selbst verfängt. Und er Pandolfo – der seine Erinnerung schließlich wiedererlangt - auch nicht ganz so selbstlos unterstützt hat wie es anfangs schien.

"Nicht mein Schicksal war es, das ich ihm vorwarf, sondern die Tatsache, dass er eine Seite hatte, die ich lieber nicht an ihm gekannt hätte. (...) Am Ende war es nicht nur unsere lange und enge Verbundenheit, die den Ausschlag gab, sondern Bernardino Bellapiantas Reue."

Historische Details mit neugierigen Helden

Es ist ein pures Vergnügen, wie Michael Römling die wüsten, spannenden historischen Ereignisse vor den Augen des jungen Künstlers ablaufen lässt: farbig, respektlos, detailtrunken.

Franz Stöckle

Franz Stöckle

Man merkt, wie genau und lange sich der Autor mit dieser Zeit beschäftigt hat, nicht nur mit den historischen Details, mit der Kultur der Renaissance, die damals eine Hochblüte erlebte, sondern auch mit dem alltäglichen Leben, dem Schmutz, den Gerüchen, den gesellschaftlichen Regelsystemen. Franz Stöckle als Sprecher widmet sich dem wachen. neugierigen Helden mit erkennbarer Sympathie. Sein Leseton wirkt manchmal etwas zurückgenommen, doch das tut dem Roman vielleicht besser als eine zu vehemente Überbetonung der ohnehin üppigen und phantastischen Verstrickungen. Bis zum klug-versöhnlichen Ende.

"So werden wie Bernardino Bellapianta, das hieß großzügig werden, unvoreingenommen und neugierig auf alles, loyal gegenüber allen, die man liebte, egal, ob man mit ihnen zusammen in einer Holzkiste vor irgendeiner Tür abgelegt worden war oder sie vor der eigenen Tür schwer verletzt gefunden hatte. So war er gewesen, Bernardino Bellapianta."

Stand: 03.12.2019, 13:33