Buchcover: "Nervensystem" von Lina Meruane

"Nervensystem" von Lina Meruane

Stand: 02.03.2023, 12:00 Uhr

Die Familienmitglieder einer Astrophysikerin sprechen miteinander nur über ihre Krankheiten. Lina Meruanes origineller Roman "Nervensystem" verbindet Leiden mit Planeten und plädiert für einen gelasseneren Umgang mit Krankheit. Eine Rezension von Tobias Wenzel.

Lina Meruane: Nervensystem
Aus dem chilenischen Spanisch von Susanne Lange.
AKI, 2023.
285 Seiten, 24 Euro.

"Nervensystem" von Lina Meruane

Lesestoff – neue Bücher 02.03.2023 05:43 Min. Verfügbar bis 01.03.2024 WDR Online Von Tobias Wenzel


Download

Angst vor der Abgabefrist

"Sie ging ans Fenster und bewunderte sie. Die strahlenden Sternbilder, das pulverisierte Universum der Physik, das sie nicht einfangen konnte in dieser Doktorarbeit, an der sie seit Jahren schrieb."


Die Hauptfigur in "Nervensystem", eine namenlose Frau in der Stadt eines Landes, das man als die USA erkennt, hofft krank zu werden, um Aufschub für die Abgabe ihrer Doktorarbeit in Astrophysik zu bekommen. Denn sie hat eine Schreibkrise. Dann wird sie tatsächlich krank und bekommt ein Taubheitsgefühl in den Fingern. Ist es nur ein eingeklemmter Nerv oder gar Krebs? Mit "Nervensystem" hat Lina Meruane zum dritten Mal einen Roman über Krankheit geschrieben.

"In meinen vorigen Romanen war die jeweilige Hauptfigur krank und alle anderen Figuren gesund. Aber danach hatte ich das Gefühl, dass das nicht dazu passt, wie ich schon lange über das Thema denke: Wir alle und unsere Körper kämpfen unaufhörlich gegen die Möglichkeit, krank zu werden. Deshalb wollte ich, dass alle Figuren meines neuen Romans krank sind oder kurz davor, krank zu werden, dass sie alle irgendwie leiden. Ich wollte, dass sie von ihrer Krankheit ausgehend miteinander kommunizieren."

Unappetitliche Gesprächsthemen

Vater und Mutter der Astrophysikerin diskutieren etwa darüber, warum ihr Sohn so viele Knochenbrüche hatte. Der Partner der Astrophysikerin, ein forensischer Anthropologe, der die Gebeine von Opfern staatlicher Gewalt untersucht, wird durch eine Explosion schwer verletzt und kann, passend zur gestörten Kommunikation ihrer kriselnden Beziehung, kaum sprechen.

Die Astrophysikerin selbst wiederum spricht mit ihrem Vater, einem Arzt, am Telefon über mögliche Ursachen ihres Taubheitsgefühls. Lina Meruane ist in Chile als Tochter zweier Ärzte aufgewachsen:

"Mein Bruder und ich mussten uns beim Essen sehr viel Unappetitliches anhören. Wir haben gesagt: 'Papa, bitte hör auf, von dieser Herzoperation zu sprechen! Wir essen gerade ein Steak!' Einmal auf einer Reise ist eine muslimische Frau an uns vorbeigelaufen, die, abgesehen von den stark geschminkten Augen, komplett verschleiert war. Da habe ich zu meinem Vater gesagt: 'Sieh mal, was für eine schöne Frau!' Und er hat bei ihr sofort eine Schilddrüsenüberfunktion diagnostiziert. Ich war sprachlos und dachte: Selbst diese schöne Frau mit den großen Augen könnte krank sein."

Denken in Systemen


Der menschliche Organismus, die Familie, das Universum – Lina Meruane denkt in diesem Roman in Systemen. Alles hängt mit allem zusammen. Im Vorübergehen entlarvt sie das individualistische Denken unserer Zeit als auf absurde Weise realitätsfern.

Die Übersetzerin Susanne Lange findet im Deutschen immer die passenden Worte für die fein ausgearbeiteten Sätze, mit denen Meruane selbst im kranken Körper Schönheit ausmacht. Etwa im Nervensystem der Mikrowelt Körper, das in der Makrowelt einem Himmel voller Blitze gleicht. Als die Beziehung der Astrophysikerin zu ihrem Freund in die Brüche geht und die Doktorarbeit, die ihr Vater jahrelang mit dem Geld für seine Rente finanziert hat, gescheitert ist, sagt der Vater zu seiner Tochter:

"Ich kann nicht für dich aufkommen, was wirst du tun?, was willst du tun? Sie betrachtet ihn mit entleerten Augen, als hätte sie sich in sich selbst verloren, würde dort ertrinken. Mit dir durchbrennen?, und sie zieht die Brauen hoch, zu einem anderen Planeten?, und sie zögert, ihre Stimme sind viele Stimmen, ihre Frage ist nervös nebulös. Kurzschluss von Sternschnuppen." 

Gegen das Streben nach Perfektion

"Nervensystem" ist ein herausragend gut geschriebener Roman, das kluge und berührende Porträt einer Familie über den originellen Umweg ihrer Krankheiten und ein Plädoyer gegen das Streben nach totaler Gesundheit und Perfektion.

"In dem Maße, in dem wir akzeptieren, dass wir nicht perfekt sind, dass wir verletzlich sind, von Unsicherheit umgeben, sind wir besser auf die Situation der Krankheit vorbereitet, ohne das als eine zu große gesellschaftliche oder moralische Bürde zu empfinden."