Stefan Merki liest Erzählungen von Franz Kafka, Stefan Laux spielt Klavierwerke von Erik Satie

Kafka & Satie

Stefan Merki liest Erzählungen von Franz Kafka, Stefan Laux spielt Klavierwerke von Erik Satie

Von Christian Kosfeld

Mit diesem Hörbuch erlebt man eine überraschende, einleuchtende Verbindung von Kafka und Satie, als hätten sie füreinander geschrieben und komponiert.

Kafka & Satie
Stefan Merki liest Erzählungen von Franz Kafka,
Stefan Laux spielt Klavierwerke von Erik Satie

Hörkultur
ISBN 978-3-906935-34-8

Manchmal begegnen sich ja Menschen und stellen fest, dass sie wie füreinander geschaffen sind. Und manchmal fügen sich auch völlig unabhängig entstandene Kunstwerke zu einer überraschenden Synthese. Der Schauspieler Stefan Merki und der Pianist Stefan Laux haben gemeinsam ein Programm entwickelt, in dem sie Texte und Musik von zwei großen, eigentümlichen, rätselhaften Künstlern kombinieren: von Franz Kafka und Erik Satie. Deren Erzählungen und Musikstücke sind tatsächlich zur gleichen Zeit am Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden, wenn auch in gänzlich unterschiedlichen Sphären. Oder vielleicht doch nicht? Im Verlag "Hörkultur" ist jetzt die CD erschienen, die – angemessen schnörkellos "Kafka & Satie" heißt.

Wie füreinander geschrieben und komponiert

Musik: Erik Satie "Gnossienne Nr 5"

Das Bild zeigt eine schwarz-weiß Aufnahme von Erik Satie. Er hat eine Halbglatze, einen Bart und eine runde Brille und schaut nachdenklich in die Kamera.

Erik Satie

Wer weiß, vielleicht sind sich die beiden ja begegnet, irgendwo in Paris auf der Straße? Vielleicht haben sie sich angeschaut und kurz gegrüßt? Oder sie haben sich in einem Cabaret, in einem Varieté oder Café gesehen? Vielleicht hat Franz Kafka, als er 1910 mit Max Brod in Paris war, dem 20 Jahre älteren Erik Satie eine Tür aufgehalten, und der ihm freundlich zugenickt? Die Gedankenspiele sind reizvoll, aber müßig. Doch beim Hören der CD "Kafka & Satie" stellt sich fast der Eindruck ein, als hätten Kafka und Satie füreinander geschrieben und komponiert. Die 15 Erzählungen und Musikstücke sind sich in ihrem Charakter sehr ähnlich: überraschend, sonderbar, dabei schnörkellos, schlicht.

"Der Ausflug ins Gebirge.
Ich weiß nicht, rief ich ohne Klang. Ich weiß ja nicht. Wenn niemand kommt, dann kommt eben niemand. Ich habe niemandem etwas Böses getan. Niemand hat mir etwas Böses getan. Niemand aber will mir helfen. Lauter Niemand. Aber so ist es doch nicht. Nur, dass mir Niemand hilft. Sonst wäre lauter Niemand hübsch. Ich würde ganz gern, warum denn nicht, einen Ausflug mit einer Gesellschaft von lauter Niemand machen. Natürlich ins Gebirge, wohin denn sonst. Wie sich diese Niemands aneinander drängen. Diese vielen quer gestreckten und eingehängten Arme, diese vielen Füße, durch winzige Schritte getrennt. Versteht sich, dass alle im Frack sind. Wir gehen so lala. Der Wind fährt durch die Lücken, die wir und unsere Gliedmaßen offen lassen. Die Hälse werden im Gebirge frei. Es ist ein Wunder, dass wir nicht singen!"

Musik: Erik Satie "Meditation"

Ein stimmungsvolles Ganzes

 Franz Kafka in einer seiner letzten Aufnahmen, 1923

Franz Kafka

Bei Kafka und Satie verbindet sich gleichermaßen das Ernste, Tiefe, Existentielle mit dem Komischen, Absurden. Auf dieser CD wechseln sich Sprecher Stefan Merki und Pianist Stefan Laux ab. Dennoch fügen sich die Werke zu einem einleuchtenden und stimmungsvollen Ganzen. Kafkas 15 kurze Erzählungen, darunter berühmte wie "Erstes Leid" oder "Eine kaiserliche Botschaft", entstanden zur gleichen Zeit wie Erik Saties Klavierstücke. Zu hören sind die Gnossiennes, die Gymnopédien, Walzer, eine Description automatique und Meditationen. Das aufwendig gestaltete Booklet liefert biographische Hintergründe, es sind verschrobene Spielanweisungen und Kurz-Texte von Erik Satie abgedruckt, dazu kommen Bilder, Tagebucheinträge und Briefstellen von Kafka.

Musik: Erik Satie "Gnossienne Nr 7"

"Die Bäume
Denn wir sind wie Baumstämme im Schnee, scheinbar liegen sie glatt auf und mit kleinem Anstoß sollte man sie wegschieben können. Nein, das kann man nicht. Denn sie sind fest mit dem Boden verbunden. Aber sieh: sogar das ist nur scheinbar."

Eine literarisch-musikalische Synthese

Stefan Merki

Stefan Merki

Der Schweizer Stefan Merki spielte an vielen großen Häusern wie dem Deutschen Schauspielhaus Hamburg, den Münchner Kammerspielen, wirkte in zahlreiche Film- und Hörspielproduktionen mit.

Er gestaltet meisterhaft die kurzen Erzählungen, findet für jede eine besondere Haltung, einen eigentümlichen Tonfall.

Das wirkt nie manieriert, sondern entwickelt sich aus den – klug ausgewählten – Texten, die zwischen Komik und Tragik wechseln.

Stefan Laux

Stefan Laux

Pianist Stefan Laux hat sich einen Namen vor allem als Liedbegleiter gemacht.

Seine Satie-Interpretationen klingen schlicht, unprätentiös, er lauscht den Tönen und Klängen nach, und es gelingt ihm, die Klavierstücke wie Echos auf die Kafka-Texte von Stefan Merki wirken zu lassen.

Mit diesem Hörbuch ist eine überraschende, ausgezeichnete literarisch-musikalische Synthese gelungen.

"Kleine Fabel
Ach, sagte die Maus. Die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte. Ich lief weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah. Aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe. "Du musst nur die Laufrichtung ändern", sagte die Katze und fraß sie."

Musik: Erik Satie aus: Descriptions automatiques "Sur un vaisseau"

Hörbuch: "Kafka & Satie"

WDR 3 Buchrezension 28.03.2019 06:03 Min. Verfügbar bis 27.03.2020 WDR 3

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Stand: 27.03.2019, 14:30