Pascal Mercier - Das Gewicht der Worte

Pascal Mercier - Das Gewicht der Worte

Pascal Mercier - Das Gewicht der Worte

Von Dirk Fuhrig

Fehldiagnose zerstört ein Leben: Roman über Ärzte, das Recht auf Selbsttötung - und die Faszination von Literatur.

Pascal Mercier
Das Gewicht der Worte

Hanser, München 2020
573 Seiten
26 Euro

Pascal Mercier: "Das Gewicht der Worte"

WDR 3 Buchkritik 04.03.2020 05:22 Min. Verfügbar bis 04.03.2021 WDR 3

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Simon Leyland ist Übersetzer und Verleger.

Als junger Mann nahm er sich vor, alle Sprachen der Länder zu lernen, die ans Mittelmeer grenzen - auch so seltene wie Sardinisch oder das dem Arabischen verwandte Maltesisch. Es ist ihm nicht ganz gelungen, aber immerhin übersetzt er Bücher aus dem Italienischen unter anderem ins Deutsche und Englische.

"Dem Übersetzer bleibt nichts verborgen, er spürt auch den Abstand zwischen Autor und Text, er spürt selbst denjenigen Abstand, der dem Autor verborgen bleibt. Ich spüre ihn, meine ich, sogar in der schreibenden Hand."

Die Bedeutung von Texten und die Liebe zu Büchern

Der Roman beginnt als Reflexion über die Bedeutung von Texten und über die Liebe zu Büchern. Ein Verlag in Triest und ein mit Literatur vollgestopftes altes Haus im Londoner Stadtteil Hampstead sind die Orte, zwischen denen sich Simon Leyland hin und her bewegt. Er ruft sich Erinnerungen wach an Straßen, Geschäfte, Gebäude, die im Laufe der Jahre verschwunden sind. Vor allem aber an seine früh verstorbene Frau Livia. Noch einschneidender als Livias Tod ist für ihn aber ein anderes Ereignis:

"Da schiebt ein fahrige Hand einen Stoß Bilder in den falschen Umschlag, und nun übernimmt ein fataler Irrtum die Regie über mein Leben."

Nur noch wenige Monate

Weil die radiologische Aufnahme seines Gehirns vertauscht wurde, stellt der Chefarzt seinem Patienten eine tödliche, eine aussichtslose Diagnose. Leyland glaubt, dass ihm nur noch wenige Monate bleiben, und verkauft daher seinen Buchverlag, der ihm alles bedeutet hat. Nun wird der Roman zu einer Anklageschrift gegen den Hochmut vieler Mediziner:

"Ärzte mögen es nicht, wenn die Patienten sie zur Rede stellen - wenn sie Zweifel äußern und ausführliche Begründungen hören wollen in einer Sache, die für sie das Wichtigste ist: ihr Leben und ihre Gesundheit. Ich habe auch souveräne Ärzte erlebt, denen es selbstverständlich war, sich Fragen und Zweifeln zu stellen. Aber sie waren die Ausnahme. Die meisten waren in ihrem Anspruch auf Autorität und in ihrer Eitelkeit verletzt und ließen es die Patienten spüren."

Ein Plädoyer für selbstbestimmtes Sterben

Simon Leyland und auch seine Tochter Sophia, die eigentlich selbst Ärztin werden wollte, entwickeln einen Hass auf „die weiße Kaste“. Da Simon Leyland dabei war, sich ein Mittel zu besorgen, um sich beim Fortschreiten der Krankheit umzubringen, wird aus der Ärzteschelte ein Plädoyer für selbstbestimmtes Sterben - verdeutlicht an einem Mann, der als Mörder verurteilt wird, weil er seine Ehefrau, die es so wollte, von jahrelangem Siechtum erlöst hat:

"Einmal muss er laut in den Saal gerufen haben: "Non sono un assasino!" Er hatte recht, der Mann, dachte ich, als ich das las, und mein Gefühl war ganz mit ihm. […] Es war nicht nur, dass er sich vom Gefühl her heftigst gegen das Wort „omicidio“ wehrte als ein Wort, das mit ihm absolut nichts zu tun hatte. Der Mann lief nicht nur gegen ein böses, grausames Wort Sturm […]. Der Mann wehrte sich auch gegen einen Irrtum, gegen einen begrifflichen, gedanklichen Fehler […]. Er hatte sich in keiner Weise schuldig gemacht. Vielmehr hatte er all seinen Mut zusammengenommen, um dem Wunsch seiner geliebten Frau nach einem Ende des Leidens zu entsprechen."

Das "Gewicht der Worte"

Pascal Mercier über "Das Gewicht der Worte"

Pascal Mercier

Sterbehilfe ist kein Mord - so die Überzeugung des Protagonisten und der weiteren Figuren in diesem Roman. Aber die Justiz - in diesem Fall im katholischen Italien und im prinzipienreiterischen Großbritannien - ist blind für die Verzweiflung der Angehörigen. Zur Anklage gegen die Ärzteschaft kommt der Vorwurf gegen die Unfähigkeit der Richter und Staatsanwälte. Was als Hymne auf die Literatur begonnen hat, wird damit immer mehr zu einer Suada gegen Autoritäten in Medizin und Justiz. Pascal Mercier fügt in seinen Roman auch teils ausführliche Briefpassagen und Zitate ein. Diese ineinander verschränkten Erzählebenen sollen den Eindruck eines komplexen Romanwerks erwecken.

In Wahrheit mengt der Autor in diesem Buch jedoch so viele unterschiedliche Formen und Inhalte zusammen, dass es schwer fällt, den Überblick zu behalten. Zu den Reflexionen über Euthanasie und Verbrechen kommen Anmerkungen zur Frauenfrage in der arabischen Welt, zu Armut und Reichtum und viele weitere Aspekte. Am Ende des zerfasernden Texts setzt sich Simon Leyland an die eigentliche Herausforderung seines Lebens: Selbst einen Roman zu schreiben:

"Mit einem Mal wurde ihm klar, dass es in dieser Erzählung um mehr ging als darum, eigene "Worte" zu finden. Die Aufgabe war noch viel größer, viel aufregender, auch beängstigender: sein eigenes "Erleben" zu finden."

Anders als sein Protagonist findet Pascal Mercier weder die rechten Worte noch einen wirklich packenden Stil: viele Beschreibungen erscheinen vordergründig, Formulierungen sind umständlich und gesucht; selten originär oder originell. Das "Gewicht der Worte" behauptet, ein verästeltes Sprachkunstwerk zu sein, es wirkt aber eher aufgebauscht und konturlos - leichtgewichtig.

Stand: 03.03.2020, 13:05