Eva Menasse - Dunkelblum

Buchcover: Eva Menasse: "Dunkelblum"

Eva Menasse - Dunkelblum

Von Holger Heimann

Keiner will darüber reden, was ist in der österreichische Kleinstadt Dunkelblum während der Naziherrschaft geschehen ist. Aber ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende lässt sich die dunkle Vergangenheit nicht länger verbergen.

Eva Menasse: Dunkelblum
Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2021
524 Seiten, 25 Euro

Eva Menasse: "Dunkelblum"

WDR 3 Buchkritik 20.09.2021 05:07 Min. Verfügbar bis 20.09.2022 WDR 3


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Die wichtigste Regel in Dunkelblum

Georg Horka ist der personifizierte Schrecken von Dunkelblum. Wenn Kinder in der fiktiven österreichischen Kleinstadt im Burgenland an der Grenze zu Ungarn nicht gehorchen, dann raunen die Älteren: "Wart nur, wennst nicht brav bist, dann kommt der Horka." Die Drohung wirkt noch immer, obschon der brutale Schläger in den 60er Jahren plötzlich spurlos aus Dunkelblum verschwunden ist.

Die Zeitläufte kamen ihm lange entgegen, während der Naziherrschaft konnte er seine Lust am Quälen und Demütigen ausleben. Nach dem Einmarsch der Russen wurde der Obernazi keineswegs zur Rechenschaft gezogen, sondern verbreitete als Polizeichef weiter Schrecken. Die wichtigste Regel in Dunkelblum lautet seither: wegschauen. So gärt und schwelt das dunkle Vergangene.

Eine schuldbeladenen Stadtgemeinschaft

Eva Menasse spannt einen weiten Erzählbogen vom Zweiten Weltkrieg bis in die Wendezeit von 1989 als Grenzen durchlässig werden. Dramaturgisch geschickt erzählt sie davon, wie das Verdrängte nachwirkt.

"In Dunkelblum wissen die Einheimischen alles voneinander, und die paar Winzigkeiten, die sie nicht wissen, die sie nicht hinzuerfinden können und auch nicht einfach weglassen, die sind nicht egal, sondern spielen die allergrößte Rolle: Das was nicht allseits bekannt ist, regiert wie ein Fluch."

Aus vagen Vermutungen und Verdachtsmomenten, lange geheim Gehaltenem, unzuverlässigen Erinnerungen und verzweigten Recherchen formt Menasse ein komplexes Bild einer beschädigen, schuldbeladenen Stadtgemeinschaft und ihrer verborgenen Wahrheiten.

Mit der Ruhe in Dunkelblum ist es vorbei

Angestoßen wird die nachgerade detektivische Aufklärungsarbeit von außen: Studenten aus Wien legen den jüdischen Friedhof in Dunkelblum frei, ein älterer Besucher aus Amerika stellt Nachforschungen zu seiner Herkunft an und will zugleich dem Schicksal der jüdischen Bevölkerung des Ortes während der Nazizeit auf die Spur kommen.

Als auf einer Wiese eine Leiche gefunden wird, rücken Journalisten an. Mit der beschaulichen Ruhe im Ort ist es vorbei und auch mit dem eingeübten Beschwichtigungsrefrain: "Man hat immer so viel zum Tun g’habt, man hat sich nicht kümmern können." Auf einer Bürgerversammlung, bei der über die Wasserversorgung des Ortes diskutiert wird, eskaliert die Lage.

"Einige Zuhörer grölten, andere trommelten auf die Tische, aber es verebbte schnell, weil sie hören wollten, was der noch zu sagen hatte.
Dagegen habts ihr nämlich schon immer was gehabt, rief Toni Malnitz: gegen Klarheit, Offenheit, Menschlichkeit, Ehrlichkeit, das hat hier halt leider überhaupt keine Tradition. Du hast doch selber mitgestimmt, Toni, brüllt Koreny dazwischen.
Auf der Basis von Lug und Betrug, brüllt Toni zurück: Wo man in Dunkelblum mit dem Fingernagel kratzt, kommt einem eine Schandtat entgegen."

Die Situation gerät außer Kontrolle

Der einmal in Gang gesetzten Dynamik stellen sich die Dunkelblumer Honoratioren umsonst entgegen. Dem überforderten und immer beschwichtigenden Bürgermeister Koreny entgleitet zunehmend die Kontrolle.

Der hochangesehene Alois Ferbenz, ehemals stellvertretender Gauleiter in Graz und Doktor der Rechtswissenschaften, der seit jeher über Wohl und Wehe im Ort bestimmte, entlarvt sich in einem Interview als sturer Altnazi und sorgt so für noch größeren Medienrummel. Menasse stellt ihn als Typen geradezu aus.

"Die Ferbenz-Sätze handelten von Schmarotzern, die in der Natur eben alle Zeit bekämpft würden, selbst wenn sie Menschen seien. Sie sind keine Menschen, sie sind Schmarotzer, und weil sie das sind, rottet man sie aus! Es waren diese und ähnliche Sätze, die sogar in andere Sprachen übersetzt wurden. Aber vor allem handelte seine entfesselte Rede von den schmalen Händen Adolf Hitlers, Künstlerhände seien das gewesen, Hände ersten Ranges. Ferbenz schwärmte von Hitlers erstrangigen Händen, vergoss ein paar Altmännertränen über seine blauen Augen, die schönsten, die er je gesehen, es war wie eine Zeitschleife."

Ein komplexes Beziehungsgeflecht

Der Roman erschöpft sich keineswegs im zuweilen leicht überdeterminierten Gegenüber von unverbesserlichen Nazis und Aufklärern von außerhalb. Das Personal ist bei weitem umfangreicher und vielschichtiger.

In dem weitverzweigten Beziehungsgeflecht der Kleinstadt werden auch die zahlreichen Nebenfiguren zu einprägsamen Gestalten. Die interessantesten Stadtbewohner sind dabei gerade jene, die weniger eindeutig als Opfer oder Täter markiert sind. Menasse lässt sie alle zu Wort kommen. Allmählich wird so das Bild des Ortes und seiner Vergangenheit kompletter.

Eine beständige Annäherung an die Wahrheit

Je weiter die Handlung voranschreitet, umso größer wird der Wissensvorsprung, den die Leser vor den einzelnen, auf ihre persönlichen Erfahrungen und engen Horizonte beschränkten Protagonisten haben. Aber es bleiben blinde Flecken und Rätsel. Das ist gewollt.

Denn die ganze Wahrheit bis in alle Verästelungen individueller Biografien hinein lässt sich nicht rekonstruieren. Möglich ist nur eine beständige Annäherung. Eben diese Anstrengung unternimmt der Roman, ohne dass er selbst angestrengt wirkt, subtil und spannungsreich.

Stand: 18.09.2021, 14:00