Joseph Melzer - Ich habe neun Leben gelebt

Buchcover: Joseph Melzer - Ich habe neun Leben gelebt

Joseph Melzer - Ich habe neun Leben gelebt

Von Gisa Funck

37 Jahre lang blieb die Autobiografie des jüdischen Verlegers Joseph Melzer unbeachtet liegen. Jetzt ist sie erschienen und zeichnet auf bewegende Weise einen außergewöhnlichen Lebensweg nach.

Joseph Melzer: Ich habe neun Leben gelebt.
Westend Verlag, Frankfurt/Main 2021.
326 Seiten, 24 Euro.

Joseph Melzer: Ich habe neun Leben gelebt

WDR 3 Buchkritik 16.04.2021 05:15 Min. Verfügbar bis 16.04.2022 WDR 3


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Genug Stoff für mehrere Romane

"Wenn man eine Biografie schreibt, sollte man ganz bei der Wahrheit bleiben. Andernfalls sollte man Romane schreiben."

So lautet der allererste Satz in der Autobiografie des 1984 verstorbenen Verlegers Joseph Melzer. Und doch liest sich sein Schicksal dermaßen dramatisch und abenteuerlich, dass es eigentlich genug Stoff für gleich mehrere Romane abgeben würde.

Landwirtschaftslehre statt Literaturstudium

Gehörte der 1907 in Galizien geborene Joseph Melzer als Jude doch früh zu den Verfolgten des 20. Jahrhunderts. Schon als Kind musste er mit seinen Eltern im Ersten Weltkrieg Richtung Westen fliehen. Zusammen mit seinem Vater erreichte er dann 1919 Berlin.

Und wie schon sein Vater war auch Joseph Melzer früh von der deutschen Literatur begeistert und wollte eigentlich unbedingt studieren. Aber dafür fehlte seiner verarmten Familie das Geld. Also ging der Junge bereits mit 14 von der Schule ab und machte eine Landwirtschaftslehre bei den damals populären Zionisten. Zu einem Anhänger der von Theodor Herzl ausgerufenen jüdisch-nationalistischen Bewegung aber wurde Joseph Melzer nie: 

"Es waren letztlich die Nazis, die mich in die Arme der Zionisten getrieben haben. So wuchs ich auf, ohne eine realistische Wahl zu haben. Die Zionisten mochte ich nicht, aber die Deutschen mochten mich nicht."

Flucht nach Palästina und der Weg nach Paris

Schon an dieser frühen Stelle des Buches wird klar: Der Literatur-Autodidakt Joseph Melzer war ein unbequemer Intellektueller, der den ideologischen Heilsversprechen des 20. Jahrhunderts misstraute und schnell zwischen alle Fronten geriet.

Vom Aufstieg Hitlers war er entsetzt und floh bereits 1933 nach Palästina, weil er früher als viele andere deutsche Juden ahnte, welche Bedrohung von der Nazi-Hetze ausging. Doch in Palästina angekommen, musste er bitter feststellen, dass auch viele jüdische Einwanderer sich höchst brutal gegenüber den Palästinensern verhielten:

"Die Juden verwandelten sich in ein Volk der Technokraten und Soldaten und reproduzierten all’ die Fehler und Sünden der Kolonialisten."

Desillusioniert vom Zionismus kehrte Melzer 1936 nach Europa zurück und ließ sich wie viele deutsche Emigranten damals in Paris nieder. Eine Zeit, die er rückblickend als die schönste seines Lebens bezeichnete. Endlich konnte er als Buchhändler nächtelang mit anderen Literaten wie etwa Joseph Roth im Café sitzen und debattieren.

Aus der Gefangenschaft zurück nach Palästina

Dann aber lief 1939 sein polnischer Pass aus. Melzer musste nach Warschau reisen und wurde hier vom Kriegsausbruch überrascht. Auf der Flucht vor den Deutschen geriet er in russische Gefangenschaft und landete schließlich als Zwangsarbeiter im sibirischen Gulag. Das dunkelste Kapitel seiner Biografie.

Aber auch diese Vernichtungshölle überstand der Überlebenskünstler mit viel Glück und Geschick, so dass er mit Frau und Kindern 1948 dann ein zweites Mal nach Palästina ausreisen konnte, das jetzt Israel hieß. Aber auch diesmal kam Joseph Melzer nie wirklich im gelobten Land der Zionisten an:

"Im Inneren meines Herzens sehnte ich mich nach Deutschland zurück, nach der deutschen Sprache, nach der deutschen Kultur, nach der deutschen Landschaft, nach dem deutschen Wetter und dem deutschen Unwetter. Die brennende Sonne in Israel machte mich krank."

Rückkehr nach Westdeutschland

Gegen den Willen seiner Ehefrau kehrte Melzer 1958 dann nach Westdeutschland zurück, ins Land der Nazi-Täter, und gründete in Köln den Joseph Melzer-Verlag, der sich auf jüdische Literatur spezialisierte. Höchst verdienstvoll brachte er als erster deutscher Verleger überhaupt eine Ludwig Börne-Gesamtausgabe heraus. Damit aber fand er ebenso wenig Anklang beim verdrängungsfreudigen Lesepublikum wie mit den meisten anderen jüdischen Titeln seines Verlags.

Jahrelang lavierte Melzer am Rande der Pleite entlang. Bis er 1969 den Hasardeur Jörg Schröder als Geschäftsführer einstellte, der ihm dann ausgerechnet mit dem Erotik-Klassiker "Die Geschichte der O" einen Bestsellererfolg bescherte. Es war die letzte Volte im Volten-reichen Leben des Buchhändlers und Verlegers, in dessen Biografie sich beispiellos die Verheißungen und Abgründe des 20. Jahrhunderts widerspiegeln.

Das Leben eines Intellektuellen mit unbestechlichem Blick

Am Ende trennte sich Melzer von Jörg Schröder im Streit, der daraufhin den legendären 68er-Verlag März gründete, letztlich aber zeitgleich wie Melzer pleiteging. Was genau damals zum Bruch zwischen beiden geführt hat, lässt sich im Nachhinein nicht mehr eindeutig sagen.

Fest aber steht: Joseph Melzer war ein faszinierender Selfmade-Intellektueller, der nie an jüdischer Selbstkritik sparte – und der mit seinem unbestechlichen Blick heute geradezu erschreckend hellsichtig wirkt.

Stand: 15.04.2021, 07:24