Patricia Melo - Gestapelte Frauen

Buchcover: "Gestapelte Frauen" von Patricia Melo

Patricia Melo - Gestapelte Frauen

Von Eva Karnofsky

Eine junge Strafverteidigerin untersucht die sich häufenden Frauenmorde in der brasilianischen Urwaldprovinz Acre. Ein lebensgefährlicher Job, wie sich herausstellt. Und eine Konfrontation mit ihren eigenen Dämonen.

Patricia Melo: Gestapelte Frauen
Aus dem Portugiesischen von Barbara Mesquita.
Unionsverlag, Zürich 2021.
252 Seiten, 22 Euro.

Patricia Melo: "Gestapelte Frauen"

WDR 3 Buchkritik 11.08.2021 04:06 Min. Verfügbar bis 11.08.2022 WDR 3


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Eine Studie über Frauenmorde in Brasilien

Amir schien ein Traummann zu sein – intelligent, gutaussehend, charmant. Bis er die namenlose Ich-Erzählerin ohrfeigte. Sie meidet ihn seitdem, denn auf prügelnde Männer reagiert sie allergisch: Ihr Vater hat, als sie gerade einmal vier Jahre alt war, ihre Mutter erschlagen. Sie war dabei, kann sich aber an nichts erinnern.

Ein neuer Auftrag kommt der jungen Strafverteidigerin in dieser Situation gerade recht. Sie soll für eine Studie über Frauenmorde in den abgelegenen brasilianischen Bundesstaat Acre reisen. Dadurch entkommt sie dem aufdringlichen Amir – und es geht obendrein um ihr Lebensthema.

"Wir sollten Informationen und Statistiken für das Projekt der Hauptgesellschafterin der Kanzlei zusammentragen. Sie plante ein Buch darüber, wie der Staat Mörder produziert, indem er asymmetrische Geschlechterverhältnisse billigt.
'Wir schreiben über den autorisierten massenhaften Mord an Frauen', erklärte sie. 'Zehntausend ungelöste Fälle von Frauenmorden liegen bei den Gerichten.'"

Keine Gerechtigkeit vor Gericht

Schon im ersten Gerichtsverfahren, dem sie als Beobachterin beiwohnt, findet die junge Anwältin die These ihrer Chefin bestätigt, dass Frauen nur selten Gerechtigkeit vor Brasiliens Gerichten erfahren. Es geht um ein fünfzehnjähriges indigenes Mädchen, das von drei weißen Studenten aus reichen Familien ermordet worden ist. Die Anwältin gibt wieder, was eine der Angeklagten dazu ausgesagt hat:

"Aber das Indiomädchen war verdammt noch mal zu wild, Mann, selbst noch mit gefesselten Händen fing es an, um sich zu treten. Und dann kam Abelardo mit einem Messer aus der Küche, nicht um es zu töten, auch nicht, um es zu foltern, nur um ihm einen Schreck einzujagen. Aber Crisântemo hatte Angst, dass bei dem Jux am Ende noch der Wohnzimmerteppich schmutzig würde, darüber wäre seine Mutter sehr wütend geworden, und so endeten sie in der Scheune, wo Txupira an einen dieser Fleischerhaken gehängt wurde, um 'sich zu beruhigen'. Und so vergewaltigten, folterten und töteten sie Txupira schließlich. Aber sie hatten nicht vorgehabt, sie zu töten."

Auf der Suche nach Beweisen

Die drei Männer werden freigesprochen. Gemeinsam mit der Staatsanwältin und einer engagierten Lokaljournalistin beginnt die junge Anwältin, nach weiteren Beweisen zu suchen, um die drei doch noch hinter Gitter zu bringen.

Das gestaltet sich äußerst spannend und die drei Frauen riskieren dabei ihr Leben. Die Recherchen führen die Anwältin auch in Txupiras Heimatdorf mitten im Urwald. Sie probiert dort einen halluzinogenen Kräutertrank der Schamanen aus und wird im Traum zur kämpferischen Amazone:

"Ich bin die Killerin, ich bin eine Icamiaba, eine Amazone, ich ziehe umher und jage Sexterroristen, Männer mit sexuellem Kontrollverlust, psychopathische Ehemänner, neurotische Verlobte, sie rennen, die Feinde, klettern auf Bäume, verstecken sich im Gebüsch, in Löchern, in Tierhöhlen, in Gullys, ich verfolge sie, ich finde sie, hahahahahahahahaha, ich töte Alceu und töte Wendeson und töte Marcelo und töte meinen Vater."

Ein schonungslos realistisch geschriebener Roman

Die junge Anwältin beginnt, das Trauma der Ermordung ihrer Mutter zu bewältigen, fördert Unglaubliches über den Tod Txupiras zutage und erlebt schließlich noch ihr blaues Wunder mit Amir. Den hochspannenden Plot um die Anwältin aus Sao Paolo hat  die Autorin erfunden – alles, was sie über Frauenmorde in Brasilien schreibt, ist jedoch bittere, gründlich recherchierte Realität.

Das Nachwort benennt die Quellen. Patricia Melos sehr flüssig und schonungslos realistisch geschriebener Roman ist nicht nur etwas für Brasilien-Interessierte - sein Thema ist universell. Thriller-Fans kommen ebenfalls auf ihre Kosten.

Stand: 08.08.2021, 14:04