Fernanda Melchor - Paradais

Buchcover: "Paradais" von Fernanda Melchor

Fernanda Melchor - Paradais

Von Tobias Wenzel

In einer Luxuswohnanlage münden die Sexphantasien eines jungen Mannes in ein brutales Verbrechen. Fernanda Melchors Roman "Paradais" ist eine literarisch gelungene Zumutung.

Fernanda Melchor: Paradais
Aus dem mexikanischen Spanisch von Angelica Ammar.
Verlag Klaus Wagenbach, 2021.
144 Seiten, 18 Euro.

Fernanda Melchor: "Paradais"

WDR 3 Buchkritik 14.09.2021 05:10 Min. Verfügbar bis 14.09.2022 WDR 3


Download

Das Böse im Innern

(O-Ton Fernanda Melchor)
"Diese geschlossenen Wohnanlagen mit privatem Wachschutz kommen mir wie der Versuch vor, die Gewalt und das Böse auszusperren. Aber ich habe mir gedacht: Wie wäre es, wenn ich eine Geschichte schriebe, in der sich das Böse innerhalb der Wohnanlage befände. Das Böse verkörpert durch einen jungen Mann, der Franco Andrade heißt."

Aus Vorstellungen wird ein reales Verbrechen

Diese Geschichte hat Fernanda Melchor mit ihrem Roman "Paradais" geschrieben. "Paradise", eine fiktive geschlossene Luxuswohnanlage im Südosten Mexikos am realen Fluss Jamapa: Abend für Abend treffen sich hier Franco, ein junger übergewichtiger Bewohner von "Paradise", und der 16-jährige Polo, der schlecht bezahlte und behandelte Gärtner der Anlage.

Am Flussufer betrinken sich die beiden, während Franco unaufhörlich davon redet, dass er Sex mit Marián haben werde, einer verheirateten Bewohnerin der Anlage, die sich überhaupt nicht für ihn interessiert. Franco ist besessen von Marián und steigert sich in seine Sex- und Gewaltphantasien hinein. Bis aus Vorstellung ein reales und brutales Verbrechen wird.

"Der Dicke war an allem schuld, das würde er ihnen sagen. An allem war Franco Andrade schuld, mit seiner Versessenheit auf Señora Marián. Polo hatte nur getan, was der Dicke ihm gesagt hatte, seine Befehle ausgeführt. So verrückt war der nach der Frau, Polo hatte das Gefühl, der Typ redete seit Wochen von nichts anderem, als dass er sie um jeden Preis vögeln wollte; ohne Ende dieselbe Leier, wie eine gesprungene Schallplatte, und wie er dabei vor sich hin stierte, die Augen blutunterlaufen vom Alkohol, Käsepulver an den Fingern, die das Schwein erst sauber schleckte, wenn er die ganze Megatüte Chips in sich hineingemampft hatte."

Eine literarisch äußerst gelungene Zumutung

Der Roman "Paradais" ist aus der Warte Polos geschrieben. In Bandwurmsätzen lässt die Autorin den aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Polo das Geschehen rekapitulieren. Ein Gedankenschwall als Verteidigungsrede eines Jugendlichen, der doch viel mehr Komplize ist, als er sich selbst eingesteht.

Die mexikanische Autorin macht uns Leser zu Richtern, die sich das Geschehene über die ungefilterte rohe Sprache Polos und die von ihm transportierten grausamen Bilder vorstellen müssen. Das dürfte für einige Leser eine Zumutung sein. Allerdings ist es als Rollenprosa eine durchaus schlüssige und literarisch äußerst gelungene Zumutung. Schon in ihrem voriger Roman "Saison der Wirbelstürme" hat Melchor eine sprachliche Form gewählt, die der Brutalität der Geschichte entspricht.

(O-Ton Fernanda Melchor)
"Ich schreibe ein wenig, um das 16-jährige Mädchen zu beeindrucken, das ich war, diese leidenschaftliche Leserin, die richtig heftige Geschichten mochte. Jedes Mal, wenn ich ein neues Buch schreibe, frage ich mich: Würde das der 16-jährigen Fernanda gefallen? Ja, natürlich, sag ich mir. Dann ist ja alles gut."

Ehrlicher Blick auf die mexikanische Realität

In "Paradais" spiegelt Melchor einmal mehr die im machistischen Mexiko besonders ausgeprägte Gewalt gegen Frauen wider. Im Roman sind Frauen nicht nur für Franco vor allem Lust-Objekte. Die soziale Ungleichheit des Landes tritt in diesem Buch deutlich zutage und zeigt sich schon in den beiden Hauptfiguren.

Polos Zukunftsaussichten sind so trostlos, dass er davon träumt, für ein Drogenkartell zu arbeiten. Im Roman wird das Kartell nicht beim Namen genannt. Es ist nur von den "anderen" die Rede. Dadurch wirkt das Kartell noch bedrohlicher. Melchor spielt in "Paradais" auf die mexikanische Realität an, in der ganze Dörfer´und Kleinstädte in die Hände der Kartelle geraten sind.

(O-Ton Fernanda Melchor)
"In Mexiko arbeiten hunderttausende junge Männer und Frauen in der organisierten Kriminalität, weil man ihnen ein festes Einkommen, ein Motorrad und ein Radio verspricht. Diese Menschen werden zu Kanonenfutter. Genau dazu werden sie engagiert."

Die Frage nach der Schuld

Im Roman ist Polo erst einmal das Kanonenfutter des reichen Franco. In der stimmungsvollsten Szene dieses beeindruckenden, von Angelica Ammar hervorragend übersetzten Buchs durchschwimmt Polo Jamapa, den Fluss, an dem das Unheil mit den Sexphantasien Francos und dem Plan einer perfiden Tat seinen Lauf genommen hat:

"Man durfte sich nie auf die trügerische Stille verlassen, die an der Oberfläche herrschte, erst recht nicht während der Regenzeit, wo sich auch der geübteste Schwimmer in den Ästen eines von der Strömung mitgerissenen Baums verfangen und in einem Wimpernschlag ertrinken konnte, erst recht, wenn man allein ins Wasser ging, mitten in der Nacht und von Schuldgefühlen verfolgt – aber warum denn Schuld?"

Stand: 12.09.2021, 14:40