András Forgách - Akte geschlossen. Meine Mutter, die Spionin

András Forgách - Akte geschlossen. Meine Mutter, die Spionin

András Forgách - Akte geschlossen. Meine Mutter, die Spionin

Von Dirk Hohnsträter

Wenn mit einem Mal alles in einem anderen Licht erscheint: Der ungarische Schriftsteller András Forgách musste erfahren, dass seine Mutter beim Geheimdienst war.

András Forgách
Akte geschlossen. Meine Mutter, die Spionin.

Aus dem Ungarischen von Terézia Mora.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2019
352 Seiten
24 Euro

András Forgách - Akte geschlossen. Meine Mutter, die Spionin.

WDR 3 Buchrezension 29.04.2019 04:47 Min. WDR 3

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Eine linientreue Verfechterin einer Sache

"Sie war eine unbeugsam linientreue Verfechterin einer Sache, in der die Partei, mit der sie auf einer Seite stand, Hilfe benötigte. Sie dachte an die Partei nicht als etwas, das außerhalb von ihr und ihr fremd war, die Partei erfüllte im Gegenteil aus ihrer Sicht in vollem Maße alle drei Komponenten von „Gott, Familie, Vaterland“. Die Partei stand dennoch über ihr und musste vor Angriffen beschützt werden, und manchmal war sie ihr sogar heiliger als die als wahres Heiligtum verehrte Familie."

Ein Plot wie aus einem Geheimdienstthriller: Die geliebte, bewunderte Mutter – eine Spionin, und sie verriet sogar ihre eigenen Söhne. Was wie Genreliteratur klingt, war in Wirklichkeit ein Leben, das Leben des Budapester Schriftstellers András Forgách und seiner Mutter. 2007 hatte der vielfach preisgekrönte Autor eine Familiengeschichte verfasst; sechs Jahre später erfuhr er von der Spitzeltätigkeit seiner Mutter Bruria und musste vollkommen neu ansetzen:

"Es gibt Dinge, die können wir nur verstehen, wenn sie uns selbst widerfahren. Es gibt keine andere Möglichkeit, sie zu erfassen. Nur das Geschehen selbst gibt uns Aufklärung darüber, was in Wirklichkeit geschehen ist. Wenn wir über eine hinreichend mutige und wilde Phantasie verfügen, können wir uns eine Vorstellung davon machen, aber verstehen können wir es erst, wenn es wirklich passiert."

Zwischen Wut und Verzweiflung zerrissen

András Forgách,

András Forgách,

Bruria, die schöne und weltläufige Tochter eines Literaten aus Tel Aviv, ging als Stalinistin und Anti-Zionistin nach Budapest, wo sie 1985 starb. Sie stand im Mittelpunkt der Familie und eines interessanten Freundeskreises. Trotz ihrer kultivierten Art war sie politisch engstirnig, als hätte sie die ideologische Starre gebraucht, um ihrem weltläufigen Leben einen Halt gegeben. Für die Partei bespitzelte sie sogar ihre eigenen Kinder – und nutzte ihren Sohn András, um dem Geheimdienst Zugang zu Budapests Untergrundszene zu verschaffen. Zwischen Wut und Verzweiflung zerrissen, kommentiert Forgách eine Aktennotiz des Führungsoffiziers seiner Mutter:

"Verschwinde aus dem Bild und komm nie wieder zurück. Meine Mutter wird dich sowieso nicht reinlassen. Ich verbiete es ihr, dich einzulassen. Meine teure dumme Mutter. Diese Schönheit. Du kannst anrufen, so viel du willst, wir werden nicht mehr rangehen, das kannst du vergessen. Wir werden deine kleinen Berichte in Fetzen reißen, die Quittungen, die Fotos, die Protokolle, die Auswertungen […]"

Die vielschichtige Wahrheit

Das Buch ist ein Sensationserfolg in Ungarn, es erscheint in 14 Sprachen, und auch die Filmrechte wurden bereits verkauft. Bemerkenswert ist es aber nicht nur wegen seiner ungeheuerlichen Geschichte, sondern mehr noch wegen seiner literarischen Gestaltung. "Akte geschlossen" gliedert sich in drei Teile: der erste ist eine Art fiktionaler Rekonstruktion, der zweite ein Langgedicht, der dritte ein Selbstverständigungstext. Alle drei Abschnitte sind durchsetzt von Dokumenten, arbeiten mit Fußnoten und verschiedenen Schrifttypen. Mit dieser komplexen Struktur versucht Forgách, der vielschichtigen Wahrheit auch formal gerecht zu werden.

"Alles wird verdächtig, besonders die Schönheit, alles wird gewöhnlich: die Großzügigkeit, die Großherzigkeit, die Selbstaufopferung. Alles wird im Vergleich zu etwas anderem wertlos, und man kann darüber nicht reden. Man kann nicht nicht darüber reden."

Alle Register der Sprache und der Form

Forgáchs Buch ist der ungeheuerlichen Enthüllung gewachsen, weil es alle Register der Sprache und der Form zieht, um ihr gerecht zu werden. Umso erfreulicher ist es, dass es mit Terézia Mora eine Übersetzerin gefunden hat, die den Text auf der Höhe seines literarischen Niveaus ins Deutsche zu übertragen vermag.

"Akte geschlossen" ist nichts zuletzt deshalb ein so überzeugendes Buch, weil es literarische Verfahren souverän nutzt, um das Persönliche aufs Allgemeine zu beziehen. Es ist ein Buch über jene einschneidenden Ereignisse, die man zuvor nur bei anderen beobachtet hat und die nun das eigene Leben für immer verändern:

"Lasst es uns herausbrüllen. Lasst uns weinen. Lasst uns uns hinsetzen und darüber reden. Lasst uns noch einmal darüber reden. Lasst uns zehnmal, hundertmal und tausendmal darüber reden. Lasst uns die Akten durchlesen. Warum musste ich auch diese Akten durchlesen? Die eine über ihre Anwerbung, die andere war die Berichtsakte. Lasst uns eine neue Sprache lernen, ein neues Wörterbuch, lasst uns die Welt näher kennenlernen […]"

Stand: 29.04.2019, 09:12