Buchcover: "Die Auflösung des Hauses Decker" von Angelika Meier

"Die Auflösung des Hauses Decker" von Angelika Meier

Stand: 13.11.2021, 14:45 Uhr

Nach dem Tod des Vaters will die Tochter nur schnell das Haus ihrer Kindheit auflösen. Eine tragikomische Geschichte über einen Neuanfang und ein absolut merkwürdiger Roman. Eine Rezension von Corinne Orlowski.

Angelika Meier: Die Auflösung des Hauses Decker
Diaphanes, 2021.
272 Seiten, 24 Euro.

"Die Auflösung des Hauses Decker" von Angelika Meier

Lesestoff – neue Bücher 16.11.2021 04:38 Min. Verfügbar bis 16.11.2022 WDR Online Von Corinne Orlowski


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Überfordert mit der Hausauflösung

Nach dem Tod ihres Vaters kehrt Odra Decker in ihr Elternhaus an der Ruhr zurück. Der Vater hat sie hier allein großgezogen und ihr nun ein mehrstöckiges, renovierungsbedürftiges Haus, Baujahr 1893, hinterlassen. Darin eine umfangreiche Bibliothek und eine Kunstsammlung mit unzähligen Bildern der klassischen Moderne und afrikanischen Objekten.

Völlig handlungsunfähig holt sich Odra Hilfe von dem ihr gänzlich unbekannten Josef von Házy, der sich als 40-jähriger Hochstapler aus München entpuppt.

"Ich wollte sie fragen, ob es ihr nicht schwerfalle, das Haus aufzulösen, aber dies erschien mir, obgleich es doch der ganz natürliche Gesprächsanschluss gewesen wäre, als ungebührliche Frage, vielleicht ahnte ich da schon, dass es hier ein wenig problematischer sein könnte, das Elternhaus auszuräumen als normalerweise, und sie möglicherweise nicht einfach mit dem üblichen unsentimentalen Seufzer darauf reagieren könnte."

Odra Decker blüht auf

Eigentlich soll Josef nur drei Monate bleiben und alles für den Verkauf vorbereiten, doch es kommt anders. Er zieht in die kleine verwinkelte Einliegerwohnung unter dem Dach mit den hässlichen Möbeln.

Aus seiner Perspektive erfährt man nach und nach mehr über das merkwürdige Haus und der noch merkwürdigeren, medikamentenabhängigen Odra, die jetzt 50 Jahre alt ist, herzkrank und eine gescheiterte Künstlerin, die Bargeld liebt. Mit Josef an ihrer Seite blüht sie auf.

"Ein wenig entrückt folgte ich mit den Augen ihren schönen fließenden Bewegungen, ungläubig bezaubert angesichts ihrer Verwandlung, ja ihrer Metamorphose von dem fahlkranken Wesen, das noch vor zwei Wochen katatonisch bewegungsunfähig wie eine fossilisierte Larve, ins Leere starrend auf der Fernsehpritsche gelegen hatte."

Feste, Reisen und eine Hochzeit

Auf einmal werden Feste gefeiert, Reisen nach Bad Oeynhausen, Quedlinburg oder ins dänische Sønderborg unternommen, um, entschuldigen Sie den Spoiler, kurzerhand verheiratet ins Haus zurückzukehren. Ja, Angelika Meier hat sichtlich Freude daran, ihre Leserinnen und Leser vor den Kopf zu stoßen.

Alle wichtigen Informationen versteckt sie in Zeitsprüngen und Rückblenden. So tanzt man sich lesend durch den Roman – vor und zurück durchs marode Decker-Haus die steile Treppe hinauf und runter. Doch das will sich einfach nicht auflösen lassen, obwohl sich Josef sichtlich Mühe gibt.

"Im kühlen Flur ließ ich die Tasche von der Schulter gleiten, lauschte in die Stille und glaubte, das Haus in feindlicher Abwehr atmen zu hören. Über mich den Kopf schüttelnd gab ich mir einen Ruck, lief durchs ganze Haus und öffnete überall die Fenster."

Meiers Anspielungen auf Kafka

Angelika Meier schafft mit ihrem mittlerweile vierten Roman "Die Auflösung des Hauses Decker" eines: zu irritieren und verwundern à la Kafka. Und das gelingt ihr amüsant und anspielungsreich.

Schon bei der Namensgebung der Protagonistin Odra Decker kann man nicht anders, als an Kafkas rätselhafte Gestalt Odradek aus "Die Sorge des Hausvaters" zu denken. Die Figur wird meist als eine Leerstelle gedeutet, die die Frage nach dem Sinn aufwirft. Und so ist auch Odra eine widersprüchlich-vieldeutige Frau in dieser so heiteren und zugleich todtraurigen Geschichte.

Weiß man, dass Meier Literaturwissenschaftlerin ist und über Derrida und Wittgenstein promoviert hat, ahnt man auch, warum sie so akademisch, so lustvoll umständlich schreibt. Für diesen unheimlichen Roman gilt was Kafka sagt: "Das Ganze erscheint zwar sinnlos, aber in seiner Art abgeschlossen."