Buchcover "Der Passagier" von Cormac McCarthy.

"Der Passagier" von Cormac McCarthy

Stand: 23.11.2022, 12:00 Uhr

"Der Passagier" von Cormac McCarthy erzählt von Geschwisterliebe und Wahnsinn, von Erbschuld und der Unergründlichkeit der Welt. Ein Buch voller Rätsel und Schönheit. Eine Rezension von Holger Heimann.

Cormac McCarthy: Der Passagier
Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl.
Rowohlt Verlag, 2022.
526 Seiten, 28 Euro.

"Der Passagier" von Cormac McCarthy

Lesestoff – neue Bücher 23.11.2022 05:27 Min. Verfügbar bis 23.11.2023 WDR Online Von Holger Heimann


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Die Welt der Wissenschaft

Sechzehn Jahre nach seinem Weltbestseller "Die Straße" ist Cormac McCarthy wieder da. Mit dem aktuellen Roman "Der Passagier" begibt er sich dabei auf überraschendes, neues Terrain. Es ist nicht die Welt der modernen Cowboys, wie etwa in seiner berühmten Border-Trilogie, sondern die der Wissenschaft. Geblieben ist ein McCarthy-typisches, düster-bedrohliches Szenario.

Im Mittelpunkt steht Bobby Western, ein begabter, allerdings gescheiterter Physiker. Er ist ein Lebensmüder, der das Risiko sucht. Statt eine akademische Karriere zu verfolgen, war er als Rennfahrer unterwegs und ist mittlerweile Tiefseetaucher. Der Roman führt gleich zu Beginn unter Wasser und taucht ein in ein veritables Thrillersetting:

"Langsam schwamm er über den Sitzen durch den Passagierraum, seine Druckluftflaschen schleiften an der Decke entlang. Die Gesichter der Toten nur Zentimeter entfernt. Alles, was aufschwimmen konnte, hing an der Decke. Stifte, Kissen, Styropor-Kaffeebecher. Papierblätter, auf denen die Tinte zu hieroglyphischen Schlieren zerlief."

Ein Mann auf der Flucht

Bobby ist rasch klar, dass hier etwas nicht stimmt. Das Flugzeug, dass da auf dem Meeresgrund liegt, ist nahezu unbeschädigt. Es fehlt nicht nur der Flugeschreiber, sondern auch ein Passagier. Während sein Companion bald darauf unter mysteriösen Umständen bei einem Tauchgang stirbt, erhält Bobby Besuch von zwielichtigen Männern, die ihn zu dem Wrack befragen, seine Wohnung wird durchsucht und verwüstet, die Finanzbehörde konfisziert sein Eigentum.

Doch McCarthy verfolgt den Krimiplot keineswegs konsequent, an einer Auflösung ist er nicht interessiert. Sein Held ist ein Mann auf der Flucht. Doch weit mehr als die amerikanischen Behörden setzt ihm die Familienvergangenheit zu. Der Vater war einer der Konstrukteure der Atombombe.

Seine jüngere Schwester Alicia, eine wunderschöne, genialische Mathematikerin, hat sich umgebracht. Die Geschwister verband eine Zuneigung, die über das Erlaubte hinausging.

"Es gab siebenunddreißig von ihren Briefen, und obwohl er sie alle auswendig kannte, las er sie immer wieder. Alle bis auf den letzten. Er hatte sie gefragt, ob sie an ein Leben nach dem Tod glaube, und sie hatte geantwortet, sie schließe so etwas nicht aus. Es könne sein. Sie bezweifle lediglich, dass es das für sie geben könne. Wenn es einen Himmel gebe, beruhe er dann nicht auf den sich windenden Leibern der Verdammten?"

Von Wahnvorstellungen verfolgt

Alicia litt seit ihrer frühen Kindheit an einer paranoiden Schizophrenie, die letzten Wochen ihres Lebens verbrachte sie in einer psychiatrischen Klinik namens Stella Maris. Es ist der Titel des zweiten, noch nicht publizierten Romans, der mit "Der Passagier" korrespondiert. Die junge Frau, die an den Grenzen ihrer Erkenntnisfähigkeit verzweifelte, wurde von Wahnvorstellungen heimgesucht.

Im "Passagier" erleben wir sie immer wieder im Gespräch mit ihren Fantasien, allen voran einem Zwerg, der ihr zusetzt, aber auch als ihr Beschützer auftritt.

"Hör zu, Süßerchen, flüsterte er. Du wirst nie erfahren, woraus die Welt besteht. Sicher ist nur eins, nämlich dass sie nicht aus der Welt besteht. Während du dich irgendeiner mathematischen Beschreibung der Realität näherst, geht dir das Beschriebene zwangsläufig verloren. ... Die Welt wird dir das Leben nehmen. Aber vor allem und zu guter Letzt weiß die Welt gar nicht, dass es dich gibt."

Lässige Dialoge und rätselhafte Sätze

Den größten Raum nehmen im Roman zahlreiche Kneipengespräche zwischen Bobby und seinen klugen, redegewandten Freunden ein, die wie er vom Leben nichts mehr erwarten. Es sind Dialoge, in denen der bekannte, lässige McCarthy-Sound gut hörbar ist, aber ihr Stoff ist zuweilen harte Kost. Es geht auch hier um nicht weniger als eine Welterklärung – oszillierend zwischen Philosophie und Physik.

"Der Passagier" ist ein disparates Buch. Cormac McCarthy kümmert sich weder um Erzählökonomie noch um einen stringenten Plot. Womöglich füllt der zweite Roman "Stella Maris" die Lücken, die "Der Passagier" lässt.

Es könnte aber auch sein, dass McCarthy sich in diesem Alterswerk, seinem vielleicht letzten Romanprojekts, frei von jeglichen Konventionen gemacht hat. Seinen Lesern fordert er damit einiges ab. Wer durchhält, der wird allerdings immer wieder belohnt mit coolen Wortwechseln und schönen, rätselhaften Sätzen, über die sich lange nachsinnen lässt.