Buchcover: "Die Kunst des Fallens" von Danielle McLaughlin

"Die Kunst des Fallens" von Danielle McLaughlin

Stand: 27.09.2022, 12:00 Uhr

Schein und Sein – Danielle McLaughlins Roman "Die Kunst des Fallens" erzählt davon, wie leicht ein Leben aus den Fugen geraten kann. Eine Rezension von Andrea Gerk.

Danielle McLaughlin: Die Kunst des Fallens
Aus dem Englischen von Silvia Morawetz.
Luchterhand Verlag, 2022.
368 Seiten, 22 Euro.

Höhepunkt und Krise zugleich

Nessa McCormack ist eine Frau in den besten Jahren, auf dem Höhepunkt ihrer Karriere: Sie bereitet eine Ausstellung über den erst vor kurzem verstorbenen Robert Locke vor, einen Bildhauer, den sie noch persönlich kannte. Zugleich ist Nessa aber auch eine Frau in der Krise. Die pubertären Launen ihrer Tochter Jennifer zerren an ihren Nerven, genau wie die Tatsache, dass ihr Mann fremdgegangen ist, noch dazu ausgerechnet mit der Mutter von Mandy Wilson, der besten Freundin ihrer Tochter:

"Es gab Nächte, in denen sie Sachen in den Garten hinter dem Haus geschafft hatte, Gegenstände, die sie am Abend ausgesucht hatte: Dekorationsstücke, Servierteller, eine Muschel, die sie aus dem Urlaub mitgebracht hatten. Sie war bis ans Ende ihres Grundstücks gegangen, wo Philip sie nicht hören konnte, und hatte sie gegen den rostigen Zaun seiner Mutter geschmettert."

Streit um eine Skulptur

Es brodelt also heftig unter der eigentlich schönen Oberfläche, die noch mehr erschüttert wird, als eines Tages eine eigenwillige Frau in der Galerie auftaucht – Melanie Doerr – und behauptet, dass sie die eigentliche Schöpferin einer Gipsskulptur sei, die das Hauptstück der geplanten Ausstellung sei:

"'Es ist ganz einfach', sagte Melanie Doerr. 'Ich verlange, dass meine Mitarbeit daran anerkannt wird. Ich verdiene, dass mein Name neben dem von Robert Locke genannt wird. (…) Ich war Roberts Inspiration und habe ihm assistiert, habe manchmal für ihn Modell gesessen, ohne mich gäbe es die Gipsskulptur nicht.'"

"Die Kunst des Fallens" von Danielle McLaughlin

Lesestoff – neue Bücher 27.09.2022 04:15 Min. Verfügbar bis 27.09.2023 WDR Online Von Andrea Gerk


Download

Ein Ringen um die Wahrheit

Doch so einfach scheint es nicht zu sein. Nessa hat als Expertin für Lockes Werk noch nie von Doerr gehört und auch dessen Erben, seine Frau und die Tochter, behaupten, die Frau nie gesehen zu haben. Doch die gibt nicht auf und so beginnt ein nervenaufreibendes Ringen um die Wahrheit auf ganz unterschiedlichen Ebenen.

Denn auch im Konflikt mit ihrem untreuen Ehemann stellt sich bald heraus, dass Nessa selbst kein unbeschriebenes Blatt ist, hatte sie doch ein Verhältnis mit dem Mann ihrer besten Freundin, die vor vielen Jahren Selbstmord begangen hat. Als auch noch deren Sohn auftaucht und mit ihm alte Tagebücher, die lang Verdrängtes ans Licht bringen, scheint nichts mehr wie zuvor:

"Nessa wollte zurück zu den Tagen, als Mandy Wilson noch ein kleines Mädchen war, das mit Jennifer spielte, und Cora Wilson bloß Mandys unscheinbare Mutter und nicht jemand, der mit Nessas Mann geschlafen hatte; sie wollte zurück zu einer Zeit, in der die Gipsskulptur für etwas Geniales, Schönes in ihrem Leben stand und nicht für etwas, worüber sie sich ständig herumstreiten musste."

Fragen, über die es sich nachzudenken lohnt

In unaufgeregtem, lakonischen Ton lotet Danielle McLaughlin die Abgründe aus, die unter der Oberfläche des scheinbar ganz normalen Alltags lauern. Was man gemeinhin für die Gegenwelt unseres Alltags hält - die Welt der Kunst – erweist sich im Lauf der Geschichte als nicht viel weniger banal und kleingeistig, wenn McLaughlins Protagonistinnen sich darüber streiten, wer dem genialen Künstler – der sie alle nur ausgenutzt hat - am nächsten stand.

Es geht also um Schein und Sein oder um Wahrheit und Lüge, die hier oft nur wie zwei Seiten derselben Medaille erscheinen. "Die Kunst des Fallens" ist ein Text, der unter seiner scheinbar schlichten Oberfläche einen zunächst, unmerklichen, fast unheimlichen Sog erzeugt und viele Fragen aufwirft, über die es sich nachzudenken lohnt.