"Lektionen" von Ian Mc Ewan

Stand: 29.09.2022, 12:00 Uhr

Roland Baines hatte große Lebenspläne, doch fast alle haben sich zerschlagen. Im kritischen Blick auf Vergangenheit und Gegenwart sucht er nach den Gründen – und kann zuletzt mit sich selbst Frieden machen.
Eine Rezension von Jutta Duhm-Heitzmann.

Ian Mc Ewan: Lektionen
Aus dem Englischen von Bernhard Robben.
Diogenes Verlag, 2022.
720 Seiten, 32 Euro.

Das richtige Leben?

Es beginnt mit einem Ende:

"Er war ein erwachsener Mann, ein Dichter, zumindest sah er sich gerne als solcher, der sich, verkatert und mit Fünf-Tage-Bart, aus den Untiefen eines kurzen Schlummers erhob und vom Schlafzimmer ins Zimmer des schreienden Babys taumelte."

Roland Baines, Mitte dreißig und plötzlich alleinerziehender Vater eines sieben Monate alten Sohnes. Seine Frau Alissa hat ihn verlassen: sie liebe ihn, habe aber das falsche Leben gelebt. Nun hockt er in ihrem leicht verkommenen Haus und versucht, sein eigenes – richtiges?-  Leben in den Griff zu bekommen. Auch durch Rückblicke auf seine Kindheit und Jugend: Kurz nach Ende des 2. Weltkriegs geboren, in Nordafrika aufgewachsen, die Ehe der Eltern verdruckst unglücklich, er in der englischen Heimat ins Internat abgeschoben und dort mit 14 von seiner Klavierlehrerin verführt.

Eine Beziehung so irreal, so nahe dem Wahnsinn und sexuell so aufgeladen, dass es an Hörigkeit grenzte. Er entfloh ihr kurz vor seinem 16. Geburtstag, ihre letzten Worte im Ohr:

"Also schön. Zu schade. Du wirst dein Leben lang nach dem zu suchen, was du hier hattest. Das ist eine Prophezeiung, kein Fluch, denn wünschen tue ich dir das nicht."

"Lektionen" von Ian McEwan Lesestoff – neue Bücher 29.09.2022 05:39 Min. Verfügbar bis 29.09.2023 WDR Online Von Jutta Duhm-Heitzmann

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Ziellos, aber mit irrealen Vorstellungen

Sie behielt recht: nie wieder fand Roland Baines die Befriedigung, die er mit ihr erlebte hatte – ohne sich wirklich klarzumachen, was ihn für immer deformiert hat: ein Missbrauch. Er mäanderte durch die Welt, ohne Ziel und ohne Plan, mit vagen und, wie sich herausstellte, ziemlich irrealen Vorstellungen von sich und seinen Begabungen.

Er hätte ein glänzender Pianist werden können - später verdiente er sein Geld als Klavierspieler in einer Hotelbar. Er sah sich als Schriftsteller und Lyriker – und blieb doch ein zweitklassiger Journalist. Er heiratete schließlich – doch seine Frau verließ ihn.

"Die selbsterschaffene Hölle war ein interessantes Konstrukt. Niemanden blieb es erspart, sich wenigstens einmal im Leben eine solche zu erschaffen (..) Die Ehe, eine Maschine für zwei, bot zahllose Möglichkeiten (...). Jeder kannte Beispiele zuhauf, und Rolands eigene Maschine war eine ziemlich ausgetüftelte Konstruktion."

Beherrschenden Themen der Gegenwart reagiert

Scheitern auf allen Ebenen – und eine Steilvorlage für den Autor McEwan, an den Lebensstationen seines Protagonisten entlang die Konflikte der Zeit Revue passieren zu lassen: Kolonialismus und bedrohte Demokratien, Ost-West Konflikte und der Zerfall europäischer Gesellschaften, Klimawandel und Corona.

Ian McEwan, wie Roland Baines 1948 geboren, hat als Autor schon immer auf die beherrschenden Themen der Gegenwart reagiert, über psychische Abhängigkeiten und sexuelle Verwerfungen geschrieben, über Pubertät und Midlife Crisis, Terroranschläge und politische Verhakungen bis hin zu den Folgen Künstlicher Intelligenz und den Auswirkungen des Brexit.

Eine Summe der eigenen Lebenserfahrungen

"Lektionen" aber ist anders, weniger spektakulär, viel stiller und nachdenklicher: eine Summe der eigenen Lebenserfahrungen – darunter auch das Wissen, welchen Preis künstlerische Arbeit kosten kann. So wie bei Alissa, Roland Baines’ Ehefrau, die eine berühmte Schriftstellerin wird, aber den Verlust von Mann und Sohn nur durch Härte ertragen kann.

"Wie du mich erdrückt hast, mir mit deiner Bedürftigkeit in Augen, Ohren, Mund gelegen hast. (...) Wie sollte ich da atmen? (...) Ich konnte mich nicht rühren. Konnte nicht denken. Um mich daraus zu befreien, habe ich den höchsten Preis gezahlt, nämlich Lawrence."

Leicht und tief analytisch zugleich

"Lektionen" ist ein kluges Buch, glänzend geschrieben, leicht und tief analytisch zugleich. Mit seinen über 700 Seiten etwas lang geraten, aber es gibt auch viel zu erzählen über die Erfahrungen seines Protagonisten -  und seines Autors.

Die Geschichte endet in der unmittelbaren Gegenwart, und zeigt Ronald Baines weich und menschlich mitfühlend im Kreise seiner Familie: ein Mann, der sich dem Ende stellt – altersmild und ja, immer noch ein bisschen zynisch. Doch er genießt

"das Gefühl, sich vom Boden der eigenen Existenz zu lösen, davonzuschweben, von sich selbst befreit zu sein, von den Lasten der Vergangenheit und Zukunft, zum puren Sein reduziert oder erhoben, herrlich unbelastet wie kleine Kinder."