Johan Harstad - Max, Mischa und die Tet-Offensive

Johan Harstad - Max, Mischa und die Tet-Offensive

Johan Harstad - Max, Mischa und die Tet-Offensive

Von Holger Heimann

Was bedeutet Heimat? Max verliert als Teenager die Welt rund um Stavanger, die er kennt, und versucht, im US-amerikanischen Exil verzweifelt Halt und Geborgenheit zu finden.

Johan Harstad
Max, Mischa und die Tet-Offensive

Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein
Rowohlt, Frankurt a.M. 2019
1248 Seiten
34 Euro

Über 1200 Seiten fangen sich die Welt

Es gibt Bücher, die sind als Kammerspiel angelegt, und es gibt andere, die wollen die ganze Welt einfangen. Zu der zweiten Kategorie zählt der über 1200 Seiten dicke Großroman von Johan Harstad. Der Norweger hat einen Familien- und Gesellschaftsroman geschrieben, der zugleich eine Coming-of-Age-, eine Liebes- und Auswandergeschichte erzählt. Er führt die Leser von Norwegen in die Vereinigten Staaten, aber auch nach Vietnam, Kanada und Australien. Sechs Jahre hat Harstad an dem Buch gearbeitet.

"Ich habe lange versucht, es bei rund 400, 500 Seiten zu belassen. Aber es wuchs, obwohl ich viel gestrichen habe, es kam immer noch mehr hinzu. Meine Lektorin sagte: „Lass es so lang werden, wie es sein muss. Nur eines solltest du dabei immer im Kopf behalten: Je umfangreicher es ist, umso mehr muss jeder einzelne Absatz seine Berechtigung haben.“ Dieser Satz wurde zu einem Mantra für mich."

Johan Harstad - Max, Mischa und die Tet-Offensive

WDR 3 Mosaik 07.10.2019 04:50 Min. Verfügbar bis 06.10.2020 WDR 3

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Max

Langatmig wirkt das Buch nie. Und noch einen Vorzug hat der Wälzer. Man findet sich – nach den bei der Länge naturgemäß notwendigen Lesepausen – immer wieder rasch zurecht in dem weiten Erzählkosmos mit seiner Vielzahl von Geschichten, die manchmal enger, manchmal nur lose miteinander verknüpft sind. Hauptfigur und Ich-Erzähler ist Max, der in den 80er Jahren im norwegischen Stavanger heranwächst, wo die meisten Väter wochenlang auf Bohrinseln im Meer arbeiten und Max und seine Freunde im Wald am Stadtrand den Vietnamkrieg nachspielen.

"Er hofft, sein ganzes Leben dort zu verbringen. Aber mit 13 Jahren wird er durch seine Eltern in eine Art Exil gezwungen, in die USA, weil sein Vater dort einen neuen Job als Pilot bekommt."

Die Schwierigkeiten des Ankommens

Johan Harstad

Johan Harstad

Max verweigert sich anfangs dem neuen Leben. Aber nach und nach lässt er die Schwierigkeiten des Ankommens hinter sich. Zusammen mit seinem engsten Freund Mordecai will er zunächst Schauspieler werden, als der Roman im Herbst 2012 einsetzt, ist er jedoch längst ein gefeierter Theaterregisseur. Trotzdem ist Max am Boden.

"Der Tag beginnt. Nichts zu machen. Nichts zu machen, nichts zu ändern, nichts und wieder nichts. Das ist das Schlimmste, kein einziger Morgen ohne diese allumfassende Enttäuschung: noch ein Tag. Der jedes hundserbärmliche Mal wieder von vorn beginnen muss."

Mischa

Dass sich für Max alles so zäh anfühlt, das Leben ohne Sinn erscheint, ist Mischa zuzuschreiben. Die sieben Jahre ältere und enorm erfolgreiche Malerin aus Toronto, die aussieht wie die Schauspielerin Shelley Duvall auf dem Buchcover, hat sich von Max getrennt. Dieser schmerzlichste Einschnitt am Ende einer Reihe von Verlusten ist es, der Max zum Erzähler werden lässt.

"Ich werde von jedem von euch erzählen. Denn ich schreibe das alles für euch, für uns, für mich. Ich schreibe es, bevor es mir abhandenkommt, wie es euch vielleicht längst abhandengekommen ist, weil früher oder später alles zu Dreck wird."

Schreiben bewahren, festhalten

Max will durch das Schreiben bewahren, festhalten, was einmal zu seinem Leben gehört hat, damit es nicht im Vergessen versinkt.

"Ihm wird klar, dass er, seit er Stavanger verlassen hat, keine andere Heimat hat als die Geschichte seines Lebens. Diese Geschichte aufzuschreiben, bedeutet für ihn, so etwas wie einen Zufluchtsort zu erschaffen. Deswegen muss der Roman so lang sein. Es sind all die Teile, lange und kurze Geschichten, die sich zu einem Leben verflechten."

Onkel Owen

Zu dem, was erzählt werden muss, gehört für Max auch die Freundschaft zu seinem Onkel Owen. Die von Max kompilierten Tagebücher Owens fügen sich dabei zu nichts weniger als einem zweiten Auswandererroman. Der Jazzmusiker ist schon früher aus Norwegen in die USA emigriert. Um die Staatsbürgerschaft zu erhalten, hat er sich freiwillig zum Kampfeinsatz in Vietnam gemeldet. Spätestens nach der sogenannten Tet-Offensive der nordvietnamesischen Armee ist die Stimmung in den USA jedoch umgeschlagen und die Sinnlosigkeit des Krieges offenbar geworden. Owen zahlt auch deshalb einen hohen Preis für seine Zeit in Vietnam.

"Er verliert Norwegen, als er freiwillig in die USA emigriert. Aber er verliert auch die USA, wie die meisten Rückkehrer aus Vietnam, denn sie kamen in ein komplett anderes Land zurück, und sie waren nicht willkommen."

Heimat

Über Jahre leben Max, Mischa und Owen gemeinsam in New York in einer riesigen Wohnung im berühmten Apthorp-Haus. Sie brauchen einander, denn sie sind alle drei heimat- und haltlos. Aber sie haben sich zugleich unabhängig voneinander ein neues Zuhause erschaffen – in der Kunst. Auch davon erzählt Johan Harstad in seinem berückend vielschichtigen Roman – von einem existenziellen Mangel, der zu künstlerischer Produktivität und kreativem Reichtum umgewandelt werden kann.

Stand: 07.10.2019, 10:00