Max Frisch - Tagebuch 1946-1949

Hörbuchcover:  Max Frisch Tagebuch 1946-1949

Max Frisch - Tagebuch 1946-1949

Von Jutta Duhm-Heitzmann

"Tagebuch 1946-1949" nannte der Schweizer Schriftsteller Max Frisch ein Buch, das viel mehr ist als der Titel vermuten lässt: eine Sammlung  meisterhafter literarischer Miniaturen über alle möglichen Facetten seines Lebens. Auszüge aus diesem "Tagebuch" sind nun auch als Hörbuch erschienen, gelesen von Michael von Burg.

Max Frisch Tagebuch 1946-1949
gelesen von Michael von Burg.
Der Audio Verlag, Berlin 2021.
2 CDs, 15 Euro.

Max Frisch Tagebuch 1946-1949 (Hörbuch)

WDR 3 Buchkritik 01.04.2021 05:27 Min. Verfügbar bis 01.04.2022 WDR 3


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Die Sehnsucht nach dem Reisen

"Wie klein unser Land ist."

Der Stoßseufzer eines Schweizers. Er steht am Baseler Münster, sieht auf die eigene Stadt und hat plötzlich Sehnsucht nach Ferne und Weite, nach der Welt.

"Unser Verlangen nach den großen und flachen Horizonten (...)  nach Wolken über dem offenen Meer; unser Verlangen nach Wasser, das uns verbindet mit allen Küsten dieser Erde; unser Heimweh nach der Fremde."

Dieses Bedürfnis auszubrechen aus den beengenden Tälern des eigenen Landes hat den Schriftsteller Max Frisch sein Leben lang angetrieben. Wann immer es sich ergab, reiste er, und natürlich machte er sich dabei Notizen, über Orte und Menschen und über die Gedanken, die einem so kommen beim grübelnden Betrachten:

"Warum reisen wir? Auch dies, damit wir Menschen begegnen, die nicht meinen, dass sie uns kennen ein für allemal; damit wir noch einmal erfahren, was uns in diesem Leben möglich sei – Es ist ohnehin schon wenig genug."

Es beginnt im zertrümmerten Frankfurt

Doch was Max Frisch "Tagebuch" nennt ist viel mehr als die gesammelten Berichte über seine Reiseerlebnisse, die es natürlich auch gibt und das nicht zu knapp. Die Zeit umfasst die Jahre 1946 – 49, direkt nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Mai 1946 steht der Schriftsteller in den Ruinen des zerstörten Frankfurt: das Goethehaus ist verschwunden, die Stadt versinkt förmlich in ihrem eigenen Schutt. Beschreibungen und Impressionen - dann aber der träumerische doch durchdringende Blick über den Moment hinaus:

"Das Gras, das in den Häusern wächst, der Löwenzahn in den Kirchen, und plötzlich kann man sich vorstellen, wie es weiterwächst, wie sich ein Urwald über unsere Städte zieht, langsam, unaufhaltsam, ein menschenloses Gedeihen, ein Schweigen aus Disteln und Moos, eine geschichtslose Erde, (...) Atem der Jahre, die niemand mehr zählt."

Aus flüchtigen Momenten zeitlose Erzählungen machen

Der Autor der großen Romane "Stiller", "Homo Faber" oder "Mein Name sei Gantenbein" ist auch ein Meister literarischer Miniaturen, offen für Szenen, die mehr sind als Momentaufnahme: Flüchtige Situationen gerinnen zu zeitloser Geschichte, so wie sich in einer einzigen Szene die Leiden aller Kriege verdichten, die Kinder um ihre Jugend bringen. Florenz 1947:

"Ein fünfjähriger Bub, rachitisch, und ein Mädchen mit Spielzeugpistole: sie spielen Händehoch, wobei der Kleine , eher mürrisch und unwillig, sich an die verpisste Mauer stellen muss – nur dass er dann umfallen soll, begreift er nicht; das Mädchen macht es ihm vor – aus der Erfahrung ihres siebenjährigen Lebens."

Keine harten Urteile, mehr fragendes Staunen

Max Frisch reist nach Deutschland und diskutiert mit Studenten; fährt in die Tschechoslowakei und nach Polen und spricht mit Kollegen und Funktionären: ein politischer Zeitgenosse, aufmerksam und kritisch. Er urteilt selten explizit, seins sind das Nachdenken und das Nachklingen, das fragende Staunen.

Auch in Theresienstadt, diesem hübschen kleinen historischen Ort – wenn da nicht das Konzentrationslager wäre. Signale des Todes neben den Grashalmen eines neuen Frühlings.

"Das Ganze, so wie es sich heute zeigt, vermischt die Merkmale einer Kaserne, einer Hühnerfarm, einer Fabrik und eines Schlachthofs."

Fokus auf politischen Texten und Machtstrukturen

Das "Tagebuch 1946 – 1949" ist ein Kompendium, das fast alle für Max Frisch wichtigen Bereiche anspricht: seine Arbeit als Architekt, die politische Lage, die Liebe und natürlich auch die literarische Arbeit. Entwürfe zu Bühnenstücken wie "Graf Öderland" und viele auch selbstquälerische Überlegungen zur seiner Existenz als Schriftsteller sind im Hörbuch allerdings weggelassen.

Der Fokus liegt auf den politischen Texten, die in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg die Grenzen der Zivilisation reflektieren, die Flüchtigkeit menschlicher Existenz angesichts der beharrlichen Kraft der Natur, die Strukturen der Macht. Zwei Züge halten zufällig nebeneinander. In einem sitzen Menschen im Speisewagen, im anderen stehen sie auf einem offenen, vollgepferchten Waggon,

"ohne Vorwurf, ohne Miene, müde und stumpf, als gäbe es nun mal zweierlei Menschen, solche, die sitzen, und solche, die stehen, (...) solche, die es in Ordnung finden, und solche die es nicht ändern können, obschon es nur eine Glasscheibe ist, obschon sie in der Mehrzahl sind...
Warum können sie nicht?"

Ein kluges Staunen, das lange nachhalllt

Das Hörbuch basiert auf einer Produktion des Schweizer Rundfunks, versetzt mit sparsamen Hörspielelementen, gelesen von dem Schauspieler Michael von Burg, klug, warm, mit einer Stimme, die das unablässige, verhaltene Staunen des Autors auffängt. Ein Staunen, das ins Herz der Dinge zielt.

"Der Zufall ganz allgemein: was uns zufällt ohne unsere Voraussicht, ohne unseren bewussten Willen. (...) Aber wir erleben keine, die nicht zu uns gehören. Am Ende ist es immer das Fälligste, was uns zufällt."

Stand: 31.03.2021, 12:28