Matthias Göritz - Parker

Matthias Göritz - Parker

Matthias Göritz - Parker

Von Anja Hirsch

Macht und Intrigen, Politik und Liebe: Matthias Göritz schreibt einen Thriller über die schleswig-holsteinische Landeshauptstadt Kiel.

Matthias Göritz
Parker

C.H. Beck Verlag, München 2018
299 Seiten
22 Euro

Die Macht der Rhetorik

Wer gut reden kann, hat nicht nur Deutungshoheit, sondern auch Macht. Das weiß Parker, der Rhetorik lehrt, ganz genau. Der auf Hamburg-Altonas Bolzplätzen sozialisierte Rede-Profi jettet schon länger zwischen New-York, Shanghai und Seoul herum, um an Goethe-Instituten ins Ausland verschickte Wirtschafts- oder Diplomatenfachkräfte zu coachen. Sogar in Obamas Wahlkampf spielte er eine kleine Rolle. Und sein recht erfolgreiches Buch übers moderne Nomadentum macht ihn praktischerweise zum Experten seiner eigenen Lebensform. Überzeugend aufzutreten, ist ihm ein Leichtes.

"Lügen erkennt man im Gesicht. Das Zittern der Haut und die Augen, der konzentrierte Blick oder die angestrengte, gelassene Nichtfokussierung im Raum. Ein Mundzucken, ein Ausweichen. Selbst, wenn man über all die Jahre die Lüge geglaubt hat, die man sich und anderen erzählt. Parker wartete einen Moment lang. Dann sah er sie alle der Reihe nach an. Er spürte, wie ihnen plötzlich hinter ihren scheinbar so sicheren Schlipsen und Hemdkragen, teuren Frisuren, all diesen Fassaden des Erfolgs, mulmig wurde. Sie fühlten sich angesprochen."

Kiel

Parker schätzt Zigarillos und Markenhemden. Nur kann er sich gerade nichts leisten, die Auftragslage ist karg, weshalb er wieder mal eines seiner Rhetorik-Seminare gibt - in Kiel, der perfekte Austragungsort, um endlich die Wende vom Mittelmaß ins große Fach einzuleiten. Tatsächlich umgarnt die Stadt mit ihrem gewitterträchtigen Polittheater Parkers Sinne bald schon mächtig. Da gibt es Eberhard, den väterlichen Strippenzieher im Hintergrund; die junge und überdies sehr hübsche Staatsanwältin Annelie; und den SPD-Genossen Mahler, der gerade minutiös seinen Aufstieg im Polit-Olymp plant, jederzeit ein Zitat auf den Lippen. Aus Kiel will er Silicon Valley machen.

"Wir werden bald Partnerstädte. Kiel, San-Francisco und die ganze Bay Area. Dann gibt es hier bald wieder etwas, das Investoren einlädt. Niedersachsen hat sich unter Schröder und seinen Jüngern ja auch gut erholt. Okay, nicht das Wendland, Atomtod macht Wangen rot‘, aber sonst? Wir, Sie und ich, könnten das anpacken. Mit Kraft, Schnauze – und den richtigen Kontakten."

Geldnot und ein gebrochenes Herz

Parker ist die noch fehlende Schachfigur in Mahlers Kampagne - was sich gut trifft. Denn Parker hat nicht nur Geldnot, sondern auch ein gebrochenes Herz und also einen bohrenden Schmerz, von dem er sich nur allzu gerne ablenken lassen möchte. Doch der Autor hat mit seinem ebenso hochreflektierten wie testosterongesteuerten Parker ganz anderes vor.

Matthias Göritz

Matthias Göritz

Wie Matthias Göritz hier Privates und Politisches engführt und gleichzeitig Parker bis in die Eingeweide hinein prüft, ist meisterhaft. Jede Figur hat hier ihren eigenen Ton, von Mahler mit seiner ranschmeißerischen Art bis hin zum kleinsten Bauernopfer dieses herrlichen Schmierentheaters.

Dass dieser Roman aus der spannenden Randperspektive des bald ziemlich arg involvierten Beraters einen Sog entfacht, ist der klugen Blickführung geschuldet. Durch Parker gefiltert, wird das Manipulative im Verhalten der Anderen nicht nur gesehen, sondern kommentiert und führt weit übers Politische hinaus.

Nur ist Parker eben gar nicht so unabhängig wie er gerne wäre. Er will mitmachen um jeden Preis, was ihm bald gehörig die Sicht verstellt.

"Einen Moment lang sah er sich in den Spiegelscheiben des Kleiderschranks an. Mit leichtem Bartschatten, die zwei oberen Knöpfe seines Hemdes geöffnet, sah er aus wie ein Mann auf einer Mission. Er spürte, wie es sich warm in ihm ausbreitete, ein Glücksgefühl, das ihm bis in die Mundwinkel stieg. Er musste lächeln und nickte seinem Spiegelbild zu. Als er den Hörer in die Ladestation steckte, klingelte es wieder. Oh, störe ich? Hier ist Anneli."

Der Gebrauch der Macht

Es geht längst nicht mehr nur darum, wie verführbar wir sind - und ob. Dass Politiker über Skandale stolpern, ist ja eine Binsenweisheit. Viel eher geht es darum, ob wir Gebrauch von der Macht machen und welche Folgen das hat; in privaten wie öffentlichen Beziehungen. Dass beide Beziehungsformen erstaunlich ähnlich funktionieren, ist nur eine von vielen Erkenntnissen dieses ebenso hellsichtigen wie unterhaltsamen Romans.

Matthias Göritz: "Parker"

WDR 3 Buchrezension 28.08.2018 04:26 Min. WDR 3

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Stand: 28.08.2018, 11:47