Matias Faldbakken - The Hills

Matias Faldbakken - The Hills

Matias Faldbakken - The Hills

Von Thomas Fechner-Smarsly

Im Zustand gehobener Zerrüttung: mit seinen Punkromanen hat der norwegische Konzeptkünstler Matias Faldbakken auch hierzulande ein großes Publikum erreicht, jetzt veröffentlicht er nach langer Pause ein subtiles Kammerspiel.

Matias Faldbakken
The Hills

Aus dem Norwegischen von Maximilian Stadler
Heyne Verlag, München 2018
240 Seiten
22 Euro

Im Zustand gehobener Zerrüttung

"Das Restaurant The Hills stammt aus einer Zeit, in der ein Schwein ein Schwein und eine Sau eine Sau war, pflegt der Maître D‘ zu sagen, mit anderen Worten: aus der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Ich stehe hier, stramm, in meiner Kellnertracht, und könnte so genauso gut vor hundert Jahren oder mehr gestanden haben. Jeden Tag vollbringen erwachsene Menschen extreme Taten, aber ich nicht. Ich warte. Ich bin zu Diensten. Ich bewege mich im Raum umher und nehme Bestellungen auf, schenke ein und räume ab. Wir alle hier in The Hills sind gewissenhaft. Es ist ein Ort der Gewissenhaftigkeit. Gewissenhaftigkeit und Umsorge hängen zusammen, davon bin ich überzeugt."

Der Kellner bleibt namenlos. In seinem alteingesessenen Restaurant in der norwegischen Hauptstadt trifft sich die obere Mittelklasse zum Lunch unter Kronleuchtern, bei dezenter Musik des hauseigenen Pianisten, nachdem man zuvor die Mäntel an der Garderobe abgegeben hat. Der Kellner ist unser ständiger Begleiter in diesem Lokal, das wir im Verlauf der Handlung nicht verlassen werden; und er ist nicht nur ein gewissenhafter Mensch, sondern auch ein sehr genauer Beobachter seiner Umgebung. Wir, die Leser, werden zu Beobachtern seiner Beobachtungen, und damit gewissermaßen zu Beobachtern zweiter Ordnung einer Gesellschaft im Kleinen und ihres Zustands, den man als einen Zustand gehobener Zerrüttung bezeichnen könnte.

Matias Faldbakken - The Hills

WDR 3 Mosaik 02.04.2019 04:20 Min. Verfügbar bis 01.04.2020 WDR 3

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An den Tischen 10 und 13

Ins Zentrum der Handlung geraten bald einige Stammgäste und ihre jeweilige Begleitung, die das Lokal nutzen wie eine Art Wohnzimmer. Geschäftsleute, müssen wir annehmen, allen voran Graham, der aus unerfindlichen Gründen und trotz vollendeter Manieren das "Schwein" genannt wird. Er okkupiert Tisch Nummer 13. An Tisch Nummer 10 nebenan: Tom Sellers – nomen est omen, doch was er verkauft, erfahren wir nicht, nur soviel, dass er offenbar Kunstwerke ebenso scharf einzuschätzen versteht wie die Schwächen seiner Mitmenschen.

Den äußeren Höhepunkt – und natürlich einen Tiefpunkt für unseren umsorgenden Erzähler – stellt eine Auseinandersetzung zwischen den Tischen 10 und 13 dar, bei der nicht zuletzt um die Gunst einer Frau gebuhlt wird, deren Erscheinung selbst den Kellner in einige Verwirrung stürzt.

"Es ist schwer zu sagen, ob sie eine Dame oder eine junge Frau ist. Dame oder Kind. Sie ist eine Art Kindfrau. Sie ist in jeder Hinsicht "erwachsen". Definitiv "erwachsen" im Aussehen sowie in ihren Gewohnheiten, die für ein Kind viel zu kultiviert und nicht zuletzt zu kostspielig sind. Irgendetwas stimmt nicht mit dem Alter der Kindfrau. Sie sieht unverhältnismäßig jung aus. Zugleich wirkt sie so alt und erfahren, dass sie verbraucht und ein wenig erschöpft erscheint. Wie alt ist sie? Sie ist porno-alt."

Prosa voller offener und versteckter Bezüge

Matias Faldbakken

Matias Faldbakken

Ganz selten lässt Matias Faldbakken die alte Boshaftigkeit aufblitzen, die wir aus seinen früheren Büchern kennen. Meist hält er sich geschmackvoll zurück und wahrt die Balance zwischen angedeuteter Satire und einem subtilen Ekel.

Etwa wenn die Tischfehde damit endet, dass ein Stück Fenchelsalami zum ziellosen Geschoss wird, das allerdings die Beteiligten verfehlt. Lediglich eines der modernen Kunstwerke an der Wand – alles Schenkungen hochmögender Gäste – trägt eine Fettecke davon, ehe das Salamistück hinter einem Heizkörper verschwindet.

Mit "The Hills" scheint sich Faldbakken von seinen Trash-Touren durch das gentrifizierte Oslo abgewandt zu haben, um einen deutlich melancholischeren Ton anzuschlagen. Auch wenn er hier und da Anleihen beim Horrorgenre nimmt und die Gourmet-Küche mit einem Hauch Splatter-Ästhetik würzt: Seine Prosa ist insgesamt vielschichtiger und anspielungsreicher geworden, voller offener und versteckter Bezüge, von norwegischen Volksmärchen bis zu Vladimir Nabokov, von Hans Holbein bis zu Isa Genzken.

Dass das Ganze einem klaren Konzept folgt – kein Wunder bei einem Konzeptkünstler wie Faldbakken –, lässt schon der Umschlag erkennen, den der deutsche Verlag dankenswerterweise übernommen hat: unter einem dezent gestalteten, sandfarbenen Schmutzumschlag verbirgt sich ein jägergrünes Cover mit dem Namen des Autors und dem Buchtitel goldgerahmt und in Prägedruck. Das erinnert an gediegene Buchreihen für lederne Clubsessel – und ist doch ein einziger, ironischer Abgesang auf die alteuropäische Kultur.

Stand: 01.04.2019, 11:05