Nicolas Mathieu - Rose Royal

Buchcover: Nicolas Mathieu - Rose Royal

Nicolas Mathieu - Rose Royal

Von Dirk Fuhrig

Die Melancholie der starken Frau - der neue Roman des französischen Schriftstellers Nicolas Mathieu.

Nicolas Mathieu: Rose Royal
Aus dem Französischen von Lena Müller und André Hansen.
Hanser Berlin, 2020.
95 Seiten, 18 Euro.

Nicolas Mathieu: "Rose Royal"

WDR 3 Buchkritik 12.08.2020 05:42 Min. Verfügbar bis 12.08.2021 WDR 3

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"Die Hässlichkeit überforderter Männer"

Rose ist eine Frau um die 50. Sie fühlt sich noch attraktiv, hält regelmäßig Diät. Ihre zwei Kinder sind längst aus dem Haus und rufen nur zweimal im Jahr an. Die Männer hat sie nach der Scheidung und weiteren desillusionierenden Erfahrungen eigentlich hinter sich gelassen. Der letzte war wegen eines Streits vor dem Fernseher ausgerastet: 

"Nur einmal, als er die Abendnachrichten schaute und Rose gerade telefonierte, hatte er ihr gesagt, sie solle die Klappe halten, weil er kein Wort mehr verstehen könne. Es folgte ein wirrer Streit, im Hintergrund der Fernseher, und Rose spürte, dass Thierry gleich ausholen würde. Sie hatte so ein Zucken in seinem Gesicht gesehen, die Hässlichkeit überforderter Männer. (…) Thierry hatte sich dann doch damit begnügt, abzuhauen und die Tür zuzuknallen."

Opfer sexeller Gewalt

Die Gewalt stand bei ihren Männern immer im Raum, selbst wenn sie nur selten wirklich ausbrach. Auch sexuelle Übergriffe während der Pubertät haben nicht verhindert, dass sie letztlich diese zumindest vordergründig starke, unabhängige Frau wurde. Sicherheit gibt ihr ein Revolver, den sie im Internet bestellt hat:

"Ein herrlicher Schauder lief Rose die Schultern, den Hals und die Brust hinunter. Diese Anschaffung war ohne Zweifel ein Wendepunkt. Sie fragte sich, warum sie so lange gewartet hatte, schließlich hatten schwierige Beziehungen mit Männern ihr ganzes Leben geprägt. Wenn sie darüber nachdachte, fing das schon mit ihrem Vater an. Liebe und Angst, von Anfang an. Dann die Cousins und das Grapschen. Und als sie etwa dreizehn war, ging es richtig los, zuerst ihre Beine, dann ihr Po, ihre Brüste, die ganze Palette."

Rose in Abhängigkeit von Luc

Rose lebt in Nancy. Nach der Arbeit als Sekretärin trinkt sie sich die Abende schön, am Tresen des "Royal". Dort lernt sie, die eigentlich ganz gut allein klarkommt, den Bauunternehmer Luc kennenlernt. Und trotz ihrer schlechten Erfahrungen lässt sie sich doch noch einmal zu einer Beziehung hinreißen, verführt auch von seinem dicken SUV und der Villa - dafür gibt sie ihr bisheriges Leben, das bescheiden, aber selbstbestimmt war, auf. Das kann natürlich nur schief gehen.

"Er ließ sie spüren, dass sie an einem seidenen Faden hing. Ihre Abhängigkeit, ihre Leibeigenschaft war so groß, dass ein Wort von ihm genügte, um sie zu vernichten. Lange Zeit hatte sie für diese subtile Gewalt keine Worte gehabt. (…) Es waren eher Anspielungen, Schweigen, Abwesenheiten. Es brauchte nur eine kleine Meinungsverschiedenheit, und Luc verschwand. Sie saß dann tagelang allein zu Hause, mit niemand, neben dem sie schlafen oder mit dem sie hätte essen können. Luc hatte sie wie einen herrenlosen Hund bei sich aufgenommen. Und wie einen Hund setzte er sie wieder aus."

Nicolas Mathieu ist ein Meister des französischen Provinzromans. Schon in seinem herausragenden Buch "Wie später ihre Kinder", für das er 2018 den Prix Goncourt bekam, hatte er den Landstrich zwischen der einstiegen lothringischen Residenzstadt Nancy und den Vogesen liebevoll in Szene gesetzt. Auch in "Rose Royal" taucht er in die trostlos-sympathische Atmosphäre seiner Heimatregion ein. Die Leben seiner Figuren treiben so dahin, glückliche Beziehungen sind höchst unwahrscheinlich und werden nur durch die gemeinsame Leidenschaft für regel- und übermäßigen Alkoholgenuss zusammen gehalten. Guter Sex liegt lange zurück. Auch in diesem neuen Roman spielt die soziale Herkunft eine Rolle. Rose kommt aus eher bescheidenen Verhältnissen, Luc kann sich 5-Sterne-Hotels leisten, in denen Rose mit schichtenspezifischen Unsicherheiten zu kämpfen hat.

"In diesem Zimmer fühlte sie sich recht wohl, aber das übrige Hotel mit seinen endlosen Fluren, exklusiven Angeboten und vornehmen Gästen schüchterte sie ein. Sie kannte sich mit der Etikette nicht aus, fürchtete sich vor den Umgangsformen. Ständig konnte sie in ein Fettnäpfchen treten oder sich verlaufen. Musste man im Bademantel zum Schwimmbad gehen?"

Starke Frau mit großer Traurigkeit

"Rose Royal" ist eine Hymne auf eine starke Frau, der es irgendwann mit den Männern reicht  - aber auch ein tief ernüchterndes Buch. "Eine große Traurigkeit überkam sie"  - dieser Satz könnte als Motto für den gesamten Text stehen. Nicolas Mathieu gelingt es auch hier wieder, den Frust an der Gleichförmigkeit der Existenz in wunderbar lakonische Sätze zu packen.

Der Schluss kommt sehr abrupt und mit einer überraschenden Wendung. Nach knapp 100 Seiten ist dieser Kurzroman, der eher eine Novelle ist, bereits zu Ende. Das ist sehr effektvoll, aber eigentlich möchte man mehr über diese Rose und ihr so scheinbar alltägliches, aber doch so individuell geschildertes Schicksal erfahren.

"Rose Royal" ließe sich als feministisches Buch lesen, so wie die - zum Teil selbst gewählte - Abhängigkeit vieler Frauen von Männern thematisiert wird. Schließlich nimmt Rose mit dem Kauf ihrer Pistole die Dinge ja ziemlich handfest in die eigene Hand. Aber Nicolas Mathieu vermeidet jede plakative Eindeutigkeit. Sein Bild der gesellschaftlichen Verhältnisse ist komplex - und gerade dadurch so lebensnah, nachvollziehbar und "wahr".

"Rose Royal" ist ein packendes, hochaktuelles Sittenbild, so fernab von "metoo" wie Lothringen von Paris  - und doch mittendrin in der Gegenwart und den Diskussionen über Rollenbilder. Genau beobachtet, mitreißend, sprachlich herausragend. Das gilt auch für die Übersetzung von Lena Müller und André Hansen. "Rose Royal" ist eines der beeindruckendsten Bücher dieses Sommers.

Stand: 11.08.2020, 15:25