Daniel Mason - Der Klavierstimmer Ihrer Majestät

Hörbuchcover: Daniel Mason: Der Klavierstimmer Ihrer Majestät

Daniel Mason - Der Klavierstimmer Ihrer Majestät

Von Christian Kosfeld

Der amerikanische Autor Daniel Mason erzählt in seinem Roman-Debut "Der Klavierstimmer Ihrer Majestät" die fiktive Geschichte des Engländers Edgar Drake, der im Jahr 1886 einen ungewöhnlichen Auftrag erhält.

Daniel Mason: Der Klavierstimmer Ihrer Majestät
Übersetzung: Barbara Heller
Gelesen von Stefan Merki
Bonnevoice Hörbuch Verlag, 12 Stunden

Daniel Mason "Der Klavierstimmer Ihrer Majestät" (Hörbuch)

WDR 3 Buchkritik 27.08.2020 05:51 Min. Verfügbar bis 27.08.2021 WDR 3

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Ein seltsamer Auftrag

Der Klavierstimmer Edgar Drake führt ein beschauliches Leben im London des Jahres 1887. Die Stadt hat er nie verlassen, er arbeitet in seiner kleinen Werkstadt, hat Kunden aus allen sozialen Schichten, lebt glücklich mit seiner Frau Katherine. Da wird er ins Kriegsministerium einbestellt. Dort berichtet man ihm von dem Militärarzt Anthony Carroll, einem hoch gebildeten, außergewöhnlichen Mann, der im Dschungel von Birma einen Stützpunkt aufgebaut hat. Dorthin hat er sich einen wertvollen Erard Flügel kommen lassen. Der soll jetzt überholt werden – von einem Klavierstimmer aus England. 

"'Wir greifen hier vor, Mr. Drake. Aber meiner Ansicht nach deutet die Sache mit dem Erard darauf hin, dass der 'Soldat' immer mehr 'Dichter' sein will. Das Klavier stellt, wie soll ich sagen, eine bedenkliche Ausweitung dieser Strategie dar. Wenn Dr. Carroll wirklich glaubt, man könne den Frieden befördern, indem man Musik an einen solchen Ort bringt, dann kann ich nur hoffen, dass er auch genug Schützen dorthin bringt, die den Frieden verteidigen…Sagen Sie selbst, Mr. Drake: einen einheimischen Fürsten mit Rezitationen und Reimen zu beeindrucken, ist eine Sache, aber um die Lieferung eines Flügels in unser entlegenstes Fort zu ersuchen eine ganz andere.' 'Ich verstehe nicht viel von militärischen Dingen', erwiderte Edgar Drake."

Der britische Klavierstimmer liebt seinen Beruf, Tasten-Instrumente und ihre Geschichte. Und so hört man Exkurse über ihre Entwicklung und den genialen Klavierbauer Stephane Erard aus Straßburg, der in Paris und später in London seine Instrumente baute. Drake bekommt Unterlagen über den Arzt Carroll, der mit ungewöhnlichen Methoden versucht, Kontakt zu dem Volk der Shan aufzubauen. Und Drake macht sich schließlich auf die wochenlange Reise nach Birma. Daniel Masons Roman-Debut erinnert manchmal an Jane Campions Neuseeland-Epos "The Piano", in anderen Teilen auch an Joseph Conrads Erzählung "Herz der Finsternis". Drake reist aus der europäischen in die asiatische Welt, und taucht in sie ein. Etwa auf einem Markt in Mandalay.

Eintauchen in eine andere Welt

"Drakes Blick kehrte zum Schiff zurück, aber er konnte es kaum mehr erkennen, alles war nur noch Basar. Gewürze flossen aus den Säcken auf das Deck. Dazwischen bahnten sich Mönche ihren Weg und baten singend um Almosen. Eine Betel kauende Frau rief ihm auf Birmanisch etwas zu, und ihr Lachen vermischte sich mit dem Tappen der Füße. Kinder rannten vorbei. Edgar betrachtete die Betel-Frau. Ihre Zunge hatte die Farbe von Pflaumen. Vögel sangen in winzigen Käfigen, die an den Bäumen hingen. Ein Bettler kam heran. Seine blitzenden Augen schienen durchsichtig. Der Mann griff singend in die Luft und holte die Sonne vom Himmel."

Immer tiefer dringt der Klavierstimmer auf seiner ungewöhnlichen Mission in das Hinterland Birmas vor, hört von der Hoch-Kultur der birmanischen Shan, von Banditen und dem gefürchteten Kriegermönch Twet Ngu Lu. Er trifft auf seiner Reise auf Mönche und Händler, einfache Soldaten, die schöne Dienerin Khin Myo und die britische koloniale upper-class. Bei einem Dinner mit Militärangehörigen erfährt Drake, dass Carroll umstritten ist, nicht zuletzt wegen des gefährlichen Transportes des Erard Flügels.

"Der Colonel wandte sich an Edgar. 'Die Verstärkungstruppen für meinen Posten kamen zwei Tage zu spät, weil sie dem Klavier Geleitschutz geben mussten. Hat man das Ihnen im Kriegsministerium nicht gesagt, Mr. Drake?' 'Nein'. Edgar schlug das Herz bis zum Hals, und ihm war schwindlig... 'Bitte, Colonel, Mr. Drake ist angemessen informiert worden.' 'Er dürfte gar nicht hier sein. Das ist doch alles völlig verrückt!' Gesichter wandten sich den beiden Männern zu. Der Klavierstimmer sah, wie sich ihre Münder bewegten, aber er hörte nicht mehr zu."

Viel Spannkraft über 12 Stunden

Daniel Mason hat mit "Der Klavierstimmer ihrer Majestät" einen historischen Roman geschrieben, mit anschaulichen Passagen über die birmanische Kultur, spannenden Abenteuer-Episoden und einer zarten Liebesgeschichte. Stefan Merki, Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele und versierter Hörbuchsprecher, taucht in die Geschichte ein, treibt die Handlung mit viel Spannkraft über 12 Stunden voran, gestaltet die exotischen Szenen lebendig und anschaulich. Etwa, wenn Drake die hohe Kunst des Puppenspiels und des Tanzes erlebt, bei einem sogenannten "Pwe", einer stundenlangen Darbietung. Ein sehr unterhaltsames, lohnendes Hörbuch.

"Sie begannen zu spielen, leise erst, wie ein vorsichtiges Ins-Wasser-Gleiten. Schließlich setzte auch das Bambusinstrument ein, und seine Melodie stieg über dem pwe waing auf. 'O Gott', flüsterte Edgar, 'was ist das für ein Klang?' 'Aaah', sagte Nash Burham, 'ich wusste, dass Ihnen die Musik gefallen würde' 'Nein, nicht die Musik... das heißt, doch, aber diesen Klang habe ich noch nie gehört, dieses Klagende.' 'Das ist ein hneh, eine Art birmanische Oboe'. 'Es klingt wie ein Trauergesang.'
Das Mädchen auf der Bühne begann zu tanzen, ganz langsam erst, sie beugte die Knie, wiegte den Oberkörper hin und her, hob die Arme mit jedem mal höher und schwenkte sie schließlich oder, genauer gesagt, die Arme schwenkten sich selbst, denn im Schein der Kerzen schienen sie sich von den Schultern zu lösen. Leise drang die Musik aus dem Dunkel am Rande des pwe waing auf die freie Fläche und in den Körper des tanzenden Mädchens."

Stand: 21.08.2020, 15:22