Martin Walser - Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte

Martin Walser - Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte

Martin Walser - Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte

Von Martin Krumbholz

Konfusion in Herzensdingen: Ein Mann schreibt einer Unbekannten, die ihm attestieren soll, ihn zu lieben, obwohl er sich weder für die Ehefrau noch für die Geliebten entscheiden kann. Martin Walser zeigt sich als hintergründiger Humorist.

Martin Walser
Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte

Rowohlt, Reinbek 2018
110 Seiten
18 Euro

Der ältere, verheiratete Mann, und die begehrte, jüngere Frau

Auch in diesem, jüngsten Buch variiert Martin Walser, der Doyen der Liebesgeschichten-Gegenwartsliteratur, eine bekannte, erprobte Konstellation. Da ist der ältere, verheiratete Mann, und da ist die begehrte, jüngere Frau. Entscheiden will oder kann der Mann sich nicht, zum Leidwesen der betroffenen Frauen. Er nennt sich diesmal Justus Mall, gibt als Berufsbezeichnung an: „Philosoph“; seine Stelle als Justizbeamter im Ministerium hat er verloren. Warum, das wird man erst gegen Schluss des Romans erfahren. Jedenfalls ist er weder Privatdozent noch Professor. Philosoph, das heiße ja zum Glück „alles und nichts“, sagt er selbst. Es gibt also die ältere Liebe und die neue, die Ehefrau und die Geliebte, eine so missvergnügt wie die andere. Und Justus Mall führt aus:

"Ich bin beiden treu. Wie es mehr als eine Art Liebe gibt, gibt es auch mehr als eine Art Treue. Aber: Jede will mich nur lieben, wenn ich auf die andere verzichte. Da ich das nicht kann, ziehen sich beide von mir zurück. Jede wartet auf etwas, das sie Entscheidung nennt."

Das Dilemma seines Lebens

Schriftsteller Martin Walser (2012)

Martin Walser

So weit, so bekannt. Neu an der Konstellation dieses Romans, der sich als "Blog" ausgibt, ist die Erfindung einer dritten Frau, die "unbekannt" ist, was im Klartext heißt: die (noch) gar nicht existiert. Diese Adressatin soll sich angesprochen fühlen und dem Verfasser versichern, dass sie ihn ohne Wenn und Aber liebe, das heißt ohne diese Liebe an die Bedingung zu knüpfen, dass sie gewissermaßen exklusiv sei. Man kann dieses Konstrukt naiv nennen oder utopisch oder poetisch, wie auch immer: Es ist eben der alte Walser-Topos, der sich wieder einmal eine neue Form sucht. Nicht der „Blog“ ist das Neue, sondern die Projektion einer überirdisch selbstlosen Figur, die den Ich-Erzähler "aus dem Dilemma seines Lebens" erlöst, wie er es nennt.

Ein Rezensent hat festgestellt, es gebe in diesem jüngsten Buch des alten Mannes sogar so etwas wie Humor; aber diese Errungenschaft ist durchaus nicht so neu: Ironie ist ja nun einmal eine Spielart des Humors, mit der Walser schon immer operiert hat. Ironisch sind viele Einzelheiten des Textes, ironisch ist aber auch schon die Erweiterung des Dreiecks zu einem Viereck, das ohne weiteres zu einem Fünf- und Sechseck potenziert werden könnte: Erlöst wird der Protagonist nicht werden, so oft er es auch versucht.

"Liebe Unbekannte, es ist zwar grotesk, aber ich gestehe es trotzdem: Sie, nur Sie, könnten mich … befreien! Falls es Sie gäbe. Ihr Ohnmächtiger."

Der Regelverstoß

Martin Walser

Martin Walser

Die Operation ist grotesk, das gibt er selbst zu. Es sei denn, es würde sich tatsächlich eine Leserin finden, die die ihr angetragene Rolle annimmt und sich bereitfindet, den Schreiber zu lieben, obwohl er seinerseits sich nicht bereitfindet, sich von seiner ersten Frau zu trennen. Was die existierende Geliebte, die sich nach Amerika verdrückt hat und ihn „a disgusting pretender“, einen abscheulichen Heuchler nennt, nicht tut. Der Roman aber ist der utopische Raum, in ihm ist möglich, was im Leben verboten ist, zum Beispiel, das Berühren einer fremden Person einen "religiösen Akt" zu nennen. Ein Regelverstoß dieser Art ist nämlich der Grund dafür, dass der Protagonist seinen Job verloren hat.

Er hat, um es schnöde zu sagen, während eines Opernbesuchs an der Bar im Foyer eine fremde Frau begrapscht. Natürlich würde er es anders nennen. Er habe mit der Fingerspitze frohlockend auf den Schenkel der Fremden getippt. Was für Justus Mall eine „Geste der Anbetung“ oder eben ein "religiöser Akt" ist, heißt in der wirklichen Welt schlicht und einfach "Grapschen" oder auch sexueller Übergriff. Es findet alsbald ein Interview beziehungsweise Verhör statt.

"Wie sehr ihn dieses Verhör aufregte, zeigen seine Formulierungen. Die Welt sei nicht mehr alles, was der Fall ist, sondern alles, was Frau ist! Wo du hinschaust, lächelt, lacht, grinst dir eine Frau entgegen und streckt dir etwas hin, ihre Haare, ihre Brüste, ihre Beine. Er finde das, sagt er, nicht furchtbar, sondern herrlich. Aber er möchte auch reagieren dürfen. Er möchte sagen dürfen, dass er sich andauernd verführt fühle."

Ein unmögliches Begehren

Sagen darf man das zweifellos, und auch sich verführt fühlen darf man. Was man nicht darf, ist, ohne Erlaubnis tippen, klopfen oder grapschen. Und natürlich weiß Walser das. Es geht ihm, vermuten wir mal, nicht darum, einen Übergriff zu verteidigen, auch nicht um ein kulturgeschichtliches Rollback. Er benötigt den Regelbruch seines Protagonisten, um ihn in die "splendid isolation" zu bringen, aus der heraus er Unmögliches begehrt. Für ein unmögliches Begehren ist die Literatur der naturgegebene Schauplatz. Das hat der Schriftsteller Martin Walser mit diesem humoristischen Spätwerk nicht zum ersten Mal unter Beweis gestellt.

Martin Walser: Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte

WDR 3 Mosaik | 12.06.2018 | 05:04 Min.

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Stand: 09.06.2018, 14:57