Nastassja Martin - An das Wilde glauben

Hörbuchcover: Nastassja Martin - An das Wilde glauben

Nastassja Martin - An das Wilde glauben

Von Monika Buschey

Ein Kampf zwischen einer Frau und einem Bären. Die Anthropologin Nastassja Martin überlebt schwer verletzt und analysiert schreibend die Gesetze der Natur und des Lebens.

Nastassja Martin: An das Wilde glauben
Aus dem Französischem übersetzt von Claudia Kalscheuer.
Speak Low Verlag, Berlin 2021.
1 MP3 CD, 18 Euro.

Nastassja Martin: An das Wilde glauben (Hörbuch)

WDR 3 Buchkritik 01.07.2021 05:07 Min. Verfügbar bis 01.07.2022 WDR 3


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Eine schicksalhafte Zusammenführung

"Ein Bär – genauso desorientiert wie ich – ist auch auf diesen Höhen unterwegs, wo er ebenfalls nichts zu suchen hat. Er ist fast wie ein Bergsteiger unterwegs. Tatsächlich, was treibt er da in dieser nackten Landschaft, ohne Bären, ohne Fische, während er doch in aller Ruhe im Wald beim Fische fangen sein könnte. Wir treffen aufeinander … eine Unebenheit des Geländes verbirgt uns voreinander, es herrscht Nebel, der Wind weht nicht in die richtige Richtung. Als ich ihn sehe, steht er schon vor mir. Er ist genauso überrascht wie ich. Wir sind zwei Meter voneinander entfernt, es gibt keine Ausweichmöglichkeit, weder für ihn, noch für mich."

Für Nastassja Martin ist die Begegnung in der Wildnis – wie folgenschwer auch immer – kein Unfall, der bitter zu beklagen wäre. Sondern eine Fügung, eine Unausweichlichkeit: Die schicksalhafte Zusammenführung zweier Lebenslinien – die eines Menschen und eines Raubtiers.       

 Die Gesetze der Natur

"Wir stoßen zusammen, er wirft mich um, meine Hände greifen in sein Fell, er beißt in mein Gesicht, dann in den Kopf, ich spüre, wie meine Knochen krachen, ich sage mir, ich sterbe, aber ich sterbe nicht."

Ein Moment der Wahrheit, erschütternd, folgerichtig und entscheidend für ihr weiteres Leben. Nastassja Martin ist Anthropologin.

In die russische Wildnis ist sie gereist, um den letzten Angehörigen vom Volk der Ewenen nahe zu sein, die inmitten der Wälder leben, fern der Zivilisation. Innig vertraut mit den Gesetzen der Natur.      

"Heute Morgen sage ich mir, ich müsste vor allem mit dem Wollen aufhören. Sofort verstehen, gesund werden, sehen, wissen, vorhersehen wollen. In der Tiefe der eisigen Wälder findet man keine Antworten. Man lernt zuerst, seinen Verstand anzuhalten, und sich vom Rhythmus erfassen zu lassen: Dem des Lebens, das sich organisiert, um in einem Wald im Winter zu überleben."

Erklärungsversuche

Nastassja Martins Aufzeichnungen sind alles andere als eine Abenteuergeschichte. Sie hat den Anspruch, das zu ergründen, was alle Lebewesen verbindet. In ein schwarzes Buch hinein notiert sie ihre Träume:       

"Ich bin wieder allein im Zimmer. Ich habe Schmerzen, vor ein paar Stunden habe ich Blut gebrochen. Ich bin zweifellos bei 9,9 auf der Skala und man sieht es mir an, das Morphin rettet mich vor dem Zusammenbruch. Die Deckenbeleuchtung erlischt, der Schmerz flaut ab und unter meiner Haut breitet sich eine sanfte Wärme aus. Ich mache es mir bequem. In dieser Nacht schreibe ich, dass man an die Raubtiere glauben muss, an ihr Schweigen, an ihre Zurückhaltung, man muss an das Wilde glauben."

Während qualvoller Nächte zunächst in russischen, dann in französischen Krankenhäusern, gepeinigt von Schmerzen, versucht sie in immer neuen Anläufen, sich das Erlebte zu erklären.    

"Der Bär verkörpert eine Grenze. Das Ereignis Bär und seine Folgen verlangen von mir, mich ein für alle Mal von der Gewalt zu lösen, mit der ich auf der Welt bin. In der Begegnung zwischen dem Bären und mir, zwischen seinem Kiefer und meinem Kiefer liegt eine unerhörte Gewalt, in der sich diejenige ausdrückt, die ich in mir trage."

Wo Heilung geschehen kann

Sie studiert die Mythen und Geschichten der Antike und findet eine Entsprechung in der Weisheit der Menschen, denen ihr Forscher-Interesse, auch ihre Freundschaft gilt. Was der zivilisierten Welt als das Irrationale erscheint, Träume, die Einbindung in den Rhythmus der Natur – davon will Nastassja Martin mehr erfahren. Kaum genesen kehrt sie zum Entsetzen der Mutter in die Wildnis zurück. 

"Es gibt noch Geheimnisse, die ich noch nicht zu Ende ergründet habe. Ich habe das Bedürfnis, zu denen zurück zu kehren, die sich mit Bären-Problemen auskennen, die in ihren Träumen mit ihnen reden, die wissen, dass nichts zufällig geschieht und dass Lebensbahnen sich immer aus bestimmten Gründen kreuzen."

Die Mutter versteht: Heilung kann nur da geschehen, wo die Wunde geschlagen wurde.

"Wenn man aus seiner Asche wiedergeboren wird, ist alles erlaubt."

Fürs Leben gezeichnet - und bereichert

Bettina Hoppe die die Geschichte vorliest, tut es auf eine zupackende Weise. Keinen Satz, kein Wort dieser aufregenden Welt- und Selbsterkundung möchte man verlieren, und ihre Stimme gibt dem Text zusätzlich Lebendigkeit und Kraft. Fürs Leben gezeichnet, dennoch versöhnt und bereichert, kehrt die Autorin nach Hause zurück. 

"Es wird nur noch eine einzige, mehrstimmige Geschichte geben, […] über alles, was uns durchweht und was uns konstituiert. Ich setze mich wieder an meinen Tisch. Ich lege meine Feldnotizbücher griffbereit neben mich. Es ist Zeit. Ich beginne zu schreiben."     

Stand: 27.06.2021, 17:01