Nastassja Martin - An das Wilde glauben

Buchcover: Nastassja Martin - An das Wilde glauben

Nastassja Martin - An das Wilde glauben

Von Andreas WIrthensohn

Die Anthropologin Nastassja Martin befreit sich schreibend von einem schrecklichen Trauma.

Nastassja Martin: An das Wilde glauben
Aus dem Französischen übersetzt von Claudia Kalscheuer.
Matthes & Seitz, Berlin 2021.
139 Seiten, 18 Euro.

Nastassja Martin - "An das Wilde glauben"

WDR 3 Buchkritik 03.05.2021 04:58 Min. Verfügbar bis 03.05.2022 WDR 3


Download

Der Kuss des Bären

Man mag es sich ehrlich gesagt gar nicht vorstellen, wie das gewesen sein muss – als da fernab der Zivilisation irgendwo in den Bergen von Kamtschatka plötzlich dieser Bär auftaucht und sofort zum Angriff übergeht. Mit letzter, verzweifelter Kraft gelingt es Nastassja Martin irgendwie, das Tier mit ihrem Eispickel zu verletzen und in die Flucht zu schlagen. Und doch wird sie dieses schreckliche Erlebnis von nun an nie mehr verlassen. Sie wird für immer denken

"(…) an den Kuss des Bären, an seine Zähne, die sich über mein Gesicht schließen, an meinen krachenden Kiefer, meinen krachenden Schädel, an die Dunkelheit, die in seinem Maul herrscht, an seine feuchte Wärme und seinen stark riechenden Atem, an das Nachlassen des Drucks seiner Zähne, an meinen Bären, der es sich plötzlich auf unerklärliche Weise anders überlegt, seine Zähne werden nicht die Werkzeuge meines Todes sein, er wird mich nicht verschlingen."

Der Beginn einer langen Heilungsgeschichte

Die Anthropologin bleibt schwer gezeichnet zurück, das rechte Jochbein ist zertrümmert, ein Teil des Kiefers fehlt, dazu jede Menge anderer Verletzungen. Damit beginnt der eine Teil der Heilungsgeschichte. Russische und dann französische Chirurgen sorgen in zahlreichen Operationen dafür, dass die äußeren Wunden dieser Begegnung schmerzhaft langsam verschwinden.

Eindringlich schildert Martin diese quälende Rekonvaleszenz, die Schläuche im Hals, das Vernähen der Wunden, das Morphium, das Erschrecken über das entstellte Gesicht. Doch noch wichtiger ist der zweite Teil der Traumabewältigung. Denn Martin weiß genau:

"Wenn ich davonkomme, wird es ein anderes Leben sein."

Der Mythos holt die Realität ein

Das Ereignis, das sich an diesem 25. August 2015 abgespielt hat, lautet nicht: Wildes Tier greift Anthropologin an, Frau wird Opfer einer Bestie oder eines "Problembären", wie das damals hieß, als Bruno durch die bayerischen Alpen streifte und Angst und Schrecken verbreitete.

"Das Ereignis ist: Ein Bär und eine Frau begegnen sich und die Grenzen zwischen den Welten implodieren. Nicht nur die physischen Grenzen zwischen einem Menschen und einem Tier, die bei ihrem Zusammenstoß Breschen in ihrem Körper und ihrem Kopf aufreißen. Es ist auch die Zeit des Mythos, die die Realität einholt."

Die Metamorphose zum Zwischenwesen

Um diese nicht-körperlichen Wunden zu heilen, reist Martin sobald es geht wieder zurück an den Ort des Geschehens, zu dem Volk der Ewenen, das sie über Monate erforscht hat und das ihr nun den Weg in ihre neue Identität weist. Denn für diese Nomaden ist Martin jetzt eine „miedka“, was bedeutet: „vom Bären gezeichnet“. Sie ist fortan halb Mensch, halb Bär, eine Art Zwischenwesen, das eine Metamorphose erfahren hat.

"Ich habe meinen Platz verloren, ich suche ein Dazwischen. Einen Ort, um mich wiederherzustellen. Dieser Rückzug soll der Seele helfen, sich zu erholen. Denn man wird sie ja doch bauen müssen, diese Brücken und Tore zwischen den Welten."

Vergeben um zu heilen

Hilfreich ist dabei das Weltbild der Ewenen. Sie sind Animisten, das heißt, sie sprechen allen Objekten der Natur, also auch Tieren und Pflanzen, eine Seele oder einen ihnen innewohnenden Geist zu. Im Falle Martins bedeutet das: Sie muss dem Bären vergeben, um Heilung zu erfahren. Die lebenskluge Darja aus der Ewenen-Familie, die Martin bei sich aufgenommen hat, geht sogar noch weiter:

"Sie flüstert: Manchmal machen bestimmte Tiere den Menschen Geschenke. Wenn sie sich gut verhalten haben, wenn sie ihr Leben lang gut zugehört haben, wenn sie nicht zu viele schlechte Gedanken genährt haben. Sie senkt den Blick, seufzt leise, hebt den Kopf und lächelt wieder: Du bist das Geschenk, das die Bären uns gemacht haben, indem sie dich am Leben gelassen haben."

Die Bereitschaft zur Grenzüberschreitung

"An das Wilde glauben" ist ein ganz und gar eigenwilliges Buch und verzichtet wohlweislich auf jede Gattungsbezeichnung. Es ist kein ethnologischer Bericht über eine Feldforschung in den Weiten Sibiriens, sondern die eindringliche Schilderung einer Grenzüberschreitung: Die Anthropologin erkundet sich selbst und ihr Verhältnis zur Welt, und zwar indem sie jegliche Distanz gegenüber ihrem Forschungsgegenstand überwindet.

Ja, sie wird Teil dieser anderen Welt und des Naturverständnisses, das dort vorherrscht. Das heißt auch: Beim Lesen bedarf es einer gewissen Bereitschaft, sich auf dieses Eintauchen ins Meta-Physische, in ein anderes, fremd anmutendes Denken jenseits gängiger Muster einzulassen.

Es lohnt sich, denn dieses feinsinnig übersetzte Buch schafft, was wahre Literatur auszeichnet. Als Leserin, als Leser hat man am Ende selbst eine Verwandlung erfahren und sieht die Welt fortan mit anderen Augen. 

Stand: 02.05.2021, 13:59