Marlene Streeruwitz' neuer Roman "Flammenwand"

Marlene Streeruwitz - Flammenwand

Marlene Streeruwitz' neuer Roman "Flammenwand"

Von Werner Köhne

Mit poetischer Wahrnehmung zeichnet Marlene Streeruwitz die aktuellem Kampflinien zwischen Frau und Mann nach – "Flammenwand" heißt ihr neuer Roman.

Marlene Streeruwitz
Flammenwand

S. Fischer, Frankfurt a.M. 2019
414 Seiten
22 Euro

Die unerklärliche Schicksalsmacht Liebe

Eine Frau, ein Mann und die alte Geschichte um die unerklärliche Schicksalsmacht Liebe. Marlene Streeruwitz weigert sich, uns einmal mehr diese sattsam dokumentierte Geschichte zu erzählen; dazu weiß sie zu viel vom fragmentarischen Charakter moderner Beziehungen, vom Kopfkino mit all den Bildern, die sich über Sexus und Gefühle legen; dazu steht sie auch zu sehr an vorderster Front des Feminismus, dem sie kraft ihrer Sprache zuarbeitet. In dem handlungsarmen, aber intensiv gestalteten Roman, der uns nun vorliegt, geht es um ein Kerngeschehen: Eine Frau folgt in einem vor Kälte starrenden Stockholm unbeobachtet ihrem Geliebten und reflektiert unterwegs ihre gescheiterte Beziehung zu ihm. Die Gründe für dieses Scheitern werden bald klar:

Während die Frau in das Drama von Hingabe und Selbstverlust hineinschlittert, hält der Mann sie und sich selbst auf emotionale Distanz. Das ergibt schon Zündstoff genug. Aber Marlene Streeruwitz entfaltet dieses Missverhältnis zu einer Geschichte, in der es um Macht und Emanzipation geht. Die Frau sucht sich aus der klassischen Rolle zu befreien. Sie reflektiert ihr Verhalten selbst noch im Zustand sexueller Hingabe; er hingegen zeigt sich als Phänotyp der Stunde: Nicht der klassische Phallus regiert mehr sein Tun, sondern ein scheinbares Sich-Einlassen auf die Bedürfnisse der Frau. Er befriedigt sie mit kontrollierter Hand zwischen ihren Schenkeln. Während sie lustvoll abhebt, bleibt er der, der er auch sonst ist: einer, der sich fast selbstquälerisch im Zaume hat, einer der verzichtet, um siegreich zu sein.

Marlene Streeruwitz: "Flammenwand"

WDR 3 Buchrezension 03.07.2019 05:14 Min. Verfügbar bis 02.07.2020 WDR 3

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Die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz

Marlene Streeruwitz

"Er hatte gewonnen. Er hatte diese Konkurrenz gewonnen. Hatte sie überholt. In ihrem armseligen und angelernten Masochismus zurückgelassen. Er hatte sie überflügelt mit seiner vollkommenen Aufgabe der Lust. In das reine Begehren geflüchtet. Er hatte zeitgemäß gelebt. Den Zeiten gemäß. Begehren auf Begehren aufgetürmt. Hatte sich ins Begehren fesseln lassen. Sie war altmodisch geblieben und hatte sich Erfüllung gewünscht. Lust und Erfüllung. Er war da einfach voraus gewesen. Das war seine Emanzipation. Als Mann nicht der steten Erfüllung unterworfen."

Ein neues Geschlechterspiel

Typisch an diesem Mann ist nicht seine triebhafte Sexualität, die, frei nach Thomas von Aquin, in Tristesse und Kälte endet. Machtzentriert ist er gerade in der Unfähigkeit, sich fallen zu lassen. Die Erzählerin nennt das treffend “Impotenz”. Es ist ein neues Geschlechterspiel, was da gespielt wird um Begehren und Lust. Offensichtlich hat “man” heute aus dem feministischen Diskurs gelernt: Ausgerechnet durch Nachahmung des Femininen gewinnt der Mann seine Macht zurück. Wie Marlene Streeruwitz diesen aktuellen Turnaround im Geschlechterverhältnis auf mehr als vierhundert Seiten entfaltet, ist atemberaubend – zumindest für den, der sich in den Sog ihrer Sprache hineinziehen lässt.

Als Theaterdramaturgin entwickelt sie einen Sinn dafür, innere Vorgänge in einer entfesselten Körpersprache abzubilden. Ihre Syntax ist vorwärtsdrängend und oftmals ohne geregelte Interpunktion. Vorangestellte Adjektive und Nebensätze werden gemieden, weil sie das Wesentliche verschleiern könnten. Der stakkatohafte Wortrausch dokumentiert hier nicht nur das Drama, er ist dieses Drama.

Philosophie reicht ohnehin nicht

Dieser Wortrausch ist es aber auch, der den Verdacht entkräftet, die Autorin benutze ihre Protagonisten lediglich als Diskursträger für ihre feministische Philosophie. Dazu ist ihre Prosa viel zu sinnlich. Philosophie reicht ohnehin nicht hin, um alltägliche Erfahrung mit Sexus und Eros einzufangen.

"Was wussten diese Philosophen vom Wohlgefühl, ein zu enges Höschen zu tragen und in Berlin durch den Tiergarten zu spazieren. Was wussten die über das Abenteuer vom Wasser auf der Haut. Oder wie die Kälte den Busen hart machte. Und singende feine Töne in der Kehle zur Antwort. Zu Fäden gerinnend, von den Brüsten weit kreiselnd um den Nabel gesammelt."

Tradition aus Ekstase und Reflexion

Man merkt dieser Prosa an, dass sie aus der Tradition der ästhetischen Moderne in Österreich schöpft. Sprachskepsis und Sprachflut gingen hier schon in Hugo von Hofmannsthals´ Lord Chandos-Briefen eine explosive Verbindung ein. Autorinnen wie Elfriede Jelinek und Marlene Streeruwitz führen diese Tradition aus Ekstase und Reflexion fort. Auch abseits des feministischen Diskurses entwickelt “frau” einen originären Sinn für poetische Wahrnehmung. Das zeigt gerade dieser Roman von Marlene Streeruwitz eindrucksvoll.

Stand: 01.07.2019, 13:23