Petros Markaris - Das Lied des Geldes

Buchcover: Petros Markaris - Das Lied des Geldes. Ein Fall für Kostas Charitos.

Petros Markaris - Das Lied des Geldes

Von Stefan Berkholz

Der griechische Kriminalschriftsteller Petros Markaris vergegenwärtigt in seinem 13. Fall mit dem Athener Kommissar Kostas Charitos den Ausverkauf Griechenlands durch ausländische Investoren, Glücksritter und Spekulanten.

Petros Markaris: Das Lied des Geldes. Ein Fall für Kostas Charitos.
Aus dem Neugriechischen von Michaela Prinzinger.
Diogenes Verlag, 2021.
311 Seiten, 24 Euro.

Petros Markaris: Das Lied des Geldes

WDR 3 Buchkritik 17.09.2021 05:18 Min. Verfügbar bis 17.09.2022 WDR 3 Von Stefan Berkholz


Download

Mühsame Ermittlungen

"'Es ist ja oft so, dass uns unbescholtene Bürger, die plötzlich ein Verbrechen begehen, als wäre es ein Spiel, am meisten zu schaffen machen', sage ich. 'Hier haben wir es mit so einem Fall zu tun.'"

So klagt der Kommissar Kostas Charitos, als sich seine Ermittlungen immer noch im Kreise drehen und er einfach nicht weiterkommt. Ausländische Investoren zählen diesmal zu den Mordopfern, es kommt zu diplomatischen Verwicklungen und Rechtfertigungen auf höchster politischer Ebene. Der Kommissar eilt von einem Ministerium zum nächsten, mühsam gestalten sich die Ermittlungen. Desillusion und Ohnmacht mischen sich bei ihm mit düsteren Erkenntnissen.

"Schon wieder die Investitionen, sage ich mir. Wozu erfinden die mächtigen Länder tagtäglich neue Waffensysteme, von Raketen bis hin zu Kampfflugzeugen, wo doch Investitionen die wirksamste Waffe sind! Auf einmal wird mir bewusst, dass der gesuchte Mörder die effektivsten Soldaten der mächtigen Länder ausschaltet: die Investoren."

Momente aus dem Familienleben

Zwischen die Ermittlungen und Kombinationen montiert Markaris auch in diesem Fall wieder Szenen aus einem intakten griechischen Familienleben. Charitos‘ Enkel ist mittlerweile sieben Monate alt, sonnig und strahlend; Kostas selbst ist endlich befördert worden und nennt sich nun "Vizekriminaldirektor"; und sein alter Freund, der Kommunist Lambros Sissis, der längst Teil der Familie geworden ist, erzählt erstmals von seinen politischen Aktivitäten, dem Aufbau einer "Bewegung der Armen", die alle einschließen soll: Obdachlose, Migranten, arbeitslose Mittelständler. Auf einer Kundgebung hält Sissis eine Rede:

"Vergesst die Unterscheidung in Links und Rechts. Heute verläuft die Trennungslinie zwischen Reich und Arm. Ihr könnt sagen, das war schon immer so. Ja, aber früher war die Linke der Rettungsring für die Armen, Schwachen und Verfolgten. Heute ist die Linke tot und die Armen müssen schwimmen lernen, da sie keinen mehr haben, der sie vertritt und für ihre Rechte einsteht. Die Armen selbst sind die Bewegung. Unsere Kundgebungen haben unter anderem das Ziel, den Armen das Schwimmen beizubringen."

Neues Bild von Kommunisten

Charitos‘ eigensinnige und mitunter auch anstrengende Ehefrau Adriani ist auf einmal sehr angetan von den Aktivitäten des alten Kommunisten. Mit ihrem Mann, beide aus ganz anderen Welten stammend, ist sie sich einig.

"Lambros hat mein Weltbild völlig verändert. Ich habe die Kommunisten von klein auf gehasst. Jetzt aber habe ich einen klugen, verständnisvollen Linken kennengelernt, der das Herz auf dem rechten Fleck hat."

Wirtschaftskriminalität im Anarchistenviertel

Ein Schauplatz ist diesmal das ehemalige Athener Anarchistenviertel Exarchia. Dort zahlt ein chinesischer Investor (und Spekulant) Fantasiepreise selbst für heruntergekommene Wohnungen oder gar Ruinen. Rausgeworfenes Geld, vermutet der Kommissar. Ganz im Gegenteil, klärt ihn Koulakos, der Leiter der Abteilung für Wirtschaftskriminalität, auf und erläutert ihm das Prinzip der Chinesen.

"Zum einen ist er damit als Käufer im Vorteil, denn je höher der Preis, desto weniger Interessenten können finanziell mithalten. Zum anderen treiben die steigenden Immobilienpreise auch die Mieten in die Höhe. Viele müssen ausziehen, weil sie die Miete nicht mehr bezahlen können. Das wiederum erhöht die Anzahl Wohnungen, die zum Verkauf stehen – und die schließlich vom neuen Besitzer zu teuren Ferienwohnungen gemacht werden. Wir Griechen glauben ja immer noch, dass man über Nacht reich wird, und mit Airbnb-Übernachtungen wird man es tatsächlich."

Ein Lesevergnügen auf Augenhöhe

Markaris erzählt wieder so munter wie gehabt und Michaela Prinzinger hat für die flüssige Übersetzung aus dem Neugriechischen gesorgt. Wir erfahren viel über das (noch immer) intakte griechische Familienleben, allerlei über verstopfte Straßen in Athen, bekommen Einblicke in diplomatische Verwicklungen und politische Schachzüge auf höchster Ebene.

Der Leser bleibt immer auf Augenhöhe, nimmt an den Ermittlungen, Spekulationen und Kombinationen teil, bleibt dem Täter (oder den Tätern) auf der Spur. Schließlich hilft mal wieder ein Zufall, um die Mordserie aufzuklären. Damit schließt sich auch ein Kreis zu Sissis‘ politischen Aktivitäten. Und am Ende hält der überführte Mörder einen Vortrag.

"Was heute um uns herum passiert, ist eine Farce, Herr Kommissar. Eine Farce, bei der das Finanzsystem Regie führt und die Politiker als Schauspieler auf der Bühne stehen. Und wie für jede Theatervorstellung bezahlt man auch hier den Eintrittspreis."

Chronik der gesellschaftlichen Entwicklung Griechenlands

Petros Markaris ist ein Seismograph des Ausbeutungssystems der Gegenwart. Er bleibt in seinem 13. Fall so rebellisch und antikapitalistisch wie zu Beginn, die Wirtschaftsverbrechen interessieren den studierten Volkswirtschaftler besonders.

In Markaris‘ seit 1995 (auf Deutsch erst seit 2000) veröffentlichten Kriminalromanen lässt sich wie in einer Chronik die gesellschaftliche und politische Entwicklung Griechenlands ablesen. Und das Lebensgefühl in einem Land voller Sonne wird wie nebenbei vermittelt. Markaris trägt mit seinen Kriminalromanen auch zur Völkerverständigung bei. Dafür erhielt er 2014 bereits das Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.

Stand: 16.09.2021, 16:40