Buchcover: "Mehr als ein Wunder" von Marischa

"Mehr als ein Wunder" von Marischa

Stand: 12.01.2022, 07:00 Uhr

Du wirst das schaffen, sagte die Mutter zu ihrer Tochter, als sie aus der Todeskolonne aussortiert wurde. Das Buch "Marischa – Mehr als ein Wunder" bewahrt ihre berührende und zugleich erschütternde Überlebensgeschichte des Holocausts vor dem Vergessen. Eine Rezension von Dorothea Breit.

Marischa: Mehr als ein Wunder
Herausgegeben von Antje Leetz,
Wallstein Verlag, 2021.
165 Seiten, 20 Euro.

"Marischa - Mehr als ein Wunder" von Antje Leetz

Lesestoff – neue Bücher 27.01.2022 05:27 Min. Verfügbar bis 27.01.2023 WDR Online Von Dorothea Breit


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Leben hinter Stacheldraht

Judenfeindlichkeit war alltäglich während der 1920er Jahre in der polnischen Industriestadt Łódź. Maria erlebte zwar nie direkte Angriffe, die Mutter ließ sie trotzdem nicht mit den anderen Kindern auf der Straße spielen. Die Familie war nicht religiös, lebte in einfachen, aber unbeschwerten Verhältnissen. Bis der Krieg kam. 

1939 marschieren die Deutschen in Polen ein, besetzen auch Łódź. Der ältere Bruder verteilt als Student linke Protestschreiben und wird verhaftet. Die jüdische Bevölkerung in das Armenviertel der Stadt verfrachtet, das nunmehr Ghetto heißt.

"Es passierte, dass sie aus Langeweile oder welchen Gründen auch immer auf Menschen schossen, die gerade aus dem Haus kamen. Es war wirklich gefährlich dort auf die Straße zu gehen. Man kann sich schwer vorstellen, wie es ist, wenn man plötzlich hinter Stacheldraht lebt."

Nur noch Mutter und Tochter

Maria König hat lange geschwiegen. Als sie fast hundert Jahre alt ist und ihre Freundin Antje Leetz sie ermuntert, darüber zu sprechen, erleichtert es sie doch, das Unvorstellbare mitzuteilen. Das überfüllte Ghetto, das Sterben der Menschen an Auszehrung, Krankheiten und Typhus, manche nehmen sich das Leben.

Der Vater wird abgeholt. Kurz darauf stirbt der jüngere Bruder. Doch Maria findet Arbeit, verdient ein bisschen Geld. Vier Jahre halten die Mutter und sie im Ghetto durch. Die Kontrollen, das Spießrutengehen, die Selektionen.

"Zum Schluss hatten wir für sie und mich nur noch einen Wintermantel. Auch andere Sachen haben wir uns geteilt. Und wenn ich was brauchte, hat sie es so arrangiert, dass sie angeblich nichts brauchte. (...) Das überschattet sehr das Bild, das ich von meiner Mutter in der Kindheit hatte."

Überleben in Auschwitz

Die Mutter ist entkräftet, als sie nach der Liquidierung des Ghettos 1944 nach Auschwitz kommen.

"Da sagte sie zu mir, und wahrscheinlich wusste sie, dass sie das nicht mehr schafft, da sagte sie zu mir noch: "Du wirst das schaffen." Das waren ihre letzten Worte. Und ihr war klar, dass sie nach links geht und ich nach rechts. Dass wir nicht zusammenbleiben."

Einige Mädchen werden aus der Kolonne, die Richtung Gaskammer zieht, herauskommandiert. Man braucht sie noch zum Arbeiten. Maria überlebt.

Sich ohne Worte verstehen

Kurz nach der Befreiung 1945 lernt sie in Frankfurt am Main Adi kennen. Er kommt aus Bergen-Belsen, sie aus Theresienstadt. Gemeinsamkeiten. Eine große Liebe. Sie heiraten, versuchen den Neuanfang in den USA, kehren jedoch nach zwei Jahren wieder zurück. Der "American Way of Life" entspricht ihnen nicht als überzeugte Sozialisten. Sie entscheiden sich für die DDR, wo sie großzügige Unterstützung von Freunden finden und Möglichkeiten zu arbeiten und zu studieren. 

"Adi verstand mich ohne Worte, weil er einen ähnlichen Lebensweg hatte. Wir haben nur selten darüber gesprochen. (...) Ich hatte eine Familie, ich hatte einen Mann und ein Kind. Ich habe gearbeitet und wir waren miteinander glücklich. (...) Aber jetzt ist Adi nicht mehr da, es gibt niemanden mehr, der mich ohne Worte versteht."

Anrührend und erschütternd

Umso mutiger war es von Maria König, Marischa, dass sie ihre Geschichte Antje Leetz anvertraut hat, die sie vor dem Vergessen bewahrt. Die Herausgeberin des Buchs erhielt den Text in der mündlichen Sprache.

Marischas sanfte Stimme klingt im Ohr beim Lesen, altersweise und lebensklug, und entfaltet ihren eigenen literarischen Reiz. Eine anrührende Lebensgeschichte und zugleich ein erschütterndes Zeugnis des bis heute unfassbaren Verbrechens, das von Deutschland ausging.

Zum Nachdenken regt auch das differenzierte und vielschichtige Bild an, das Maria König von ihrem Leben in der ehemaligen DDR – in Chemnitz, Leipzig und Berlin – zeichnet.