Marguerite Duras - Der Schmerz

Marguerite Duras, Der Schmerz

Marguerite Duras - Der Schmerz

Von Jutta Duhm-Heitzmann

"Der Schmerz": Die lange verschollenen Aufzeichnungen der Schriftstellerin Marguerite Duras über Widerstand und Leid im besetzten Frankreich

Marguerite Duras
Der Schmerz

Aus dem Französischen von Eugen Helmlé
Gelesen von Doris Wolters
5 CDs
Produktion SWR 2
DAV
ISBN 978-3-7424-0640-8

Die französische Schriftstellerin Marguerite Duras, 1914 in Vietnam geboren, war während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg in der Résistance, der französischen Widerstandsbewegung aktiv – ebenso wie viele ihrer Freunde, unter ihnen der spätere Präsident François Mitterrand, ihr damaliger Mann, der Schriftsteller Robert Antelme, und sein bester Freund Dionys Mascolo. Alle trugen zwar Decknamen, doch Antelme wurde 1944 enttarnt und deportiert. Hat er überlebt? Die Autorin führte nach Kriegsende eine Art Tagebuch in jener Zeit des verzweifelten Wartens. Jahrelang hatte sie es vergessen, bis sie es in ihrem Landhaus wiederfand. 1985 veröffentlichte sie es unter dem Titel „Der Schmerz“ - ein schonungslos offenes und erschütterndes Dokument über die Folgen der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Zu den Holocaust-Gedenktagen in diesem Jahr hat die Schauspielerin Doris Wolters es als Hörbuch eingelesen

Es kreist in ihrem Kopf

Sie ist um die dreißig, eigentlich hübsch, aber jetzt erschreckend abgemagert. Sie kann kaum etwas essen, kaum schlafen, kaum mit anderen Menschen reden. Sie kann nur eins: warten. Im Flur ihres Hauses stehen und sich die Rückkehr ihres Mannes ausmalen:

„Er könnte auf direktem Weg zurückkommen, er würde an der Eingangstür läuten “Wer ist da?“ „Ich bin’ s.“ Er könnte auch sofort nach seiner Ankunft in einem Durchgangslager anrufen: „Ich bin zurückgekommen, ich bin im Hotel Lutetia wegen der Formalitäten.“

Oder doch ein anderes Szenario? Sie stellt sich die eine Situation vor, dann eine andere. Es kreist in ihrem Kopf, unaufhörlich, manisch, verzweifelt, hoffnungsvoll.

„Es gäbe vorher keine Anzeichen. Er würde anrufen. Er würde ankommen. Das sind Dinge, die möglich sind. Immerhin kommen welche zurück. Er ist kein Sonderfall. Es gibt keinen besonderen Grund, warum er nicht zurückkommen sollte. Es gibt keinen Grund, warum er zurückkommen sollte.“

Falls sie überlebt haben

Marguerite Duras an ihrem Schreibtisch, ca. 1950

Marguerite Duras ca. 1950

Er – ihr Mann, Robert L., - gehörte wie sie selbst auch einer linken Gruppe der Résistance, des französischen Widerstands an, bis die deutsche Gestapo ihn in Paris gefangengenommen und deportiert hatte. Nun, im Mai 1945, ist der Krieg zu Ende, die Gefangenen kommen zurück. Falls sie überlebt haben. Falls sie nicht wie viele noch im letzten Augenblick erschossen wurden.

„Vielleicht ist er schon seit vierzehn Tagen tot, liegt friedlich in diesem schwarzen Graben. Schon laufen die Tiere über ihn, bewohnen ihn. Eine Kugel im Genick? Im Herz? In den Augen?“

Wie in Trance aber mit eiserner Entschlossenheit geht sie täglich ins Pariser Auffanglager Orsay, wo die meisten Rückkehrer eintreffen. Sie arbeitet für den Suchdienst der Zeitung „Libres“, befragt die Elendsgestalten, nach ihrem Mann, aber auch nach den Schicksalen anderer, benachrichtigt verzweifelte Familien. Und das gegen den arrogant-überheblichen Widerstand der Offiziellen, die dort das Sagen haben, eine Gesellschaftsschicht, die abgetaucht war und plötzlich wieder Oberwasser bekommt.

„Man fragt sich, wo alle diese Leute herkommen, diese tadellosen Kleider nach sechs Jahren Besatzung, diese Lederschuhe, diese Hände, dieser hochmütige, schneidende, immer verächtliche Ton, sei es voller Wut, voller Entgegenkommen, voller Liebenswürdigkeit. D. sagt zu mir: (...). Was Sie da sehen, ist das gaullistische Personal, das seine Plätze einnimmt. Die Rechte hat den Krieg überstanden und sich im Gaullismus wiedergefunden.“

Ein lebender Leichnam

Marguerite Duras, Schriftstellerin

Marguerite Duras

D., ihr neuer Lebensgefährte, war ebenfalls in der Résistance und der beste Freund ihres verschleppten Mannes – ein Problem, das sie später angehen muss. Denn Robert L. kehrt tatsächlich zurück, nein, wird angeschleppt, ein lebender Leichnam:

„Er muss so zwischen siebenunddreißig und achtunddreißig Kilo gewogen haben: die Knochen, die Haut, die Leber, die Eingeweide, das Gehirn, die Lunge, alles inbegriffen – achtunddreißig Kilo, verteilt auf einen Körper von einem Meter achtundsiebzig.“

Der Prozess einer Menschwerdung

Über Wochen hinweg päppeln die Freunde ihn in winzigen Schritten wieder auf. Schonungslos, doch nie anstößig oder gar abstoßend wird der Prozess einer Menschwerdung beschrieben, mit allen erschreckenden körperlichen Begleiterscheinungen. Der französische Intellektuelle Robert Antelme, hier Robert L. genannt, hat der Schriftstellerin später nie verziehen, dass sie diese privatesten, intimsten Vorgänge nicht verschwiegen hat – dabei gehören gerade sie mit zum Erschütterndsten, was in Marguerite Duras „Der Schmerz“ zu lesen oder zu hören ist.

So unwahrscheinlich es klingt: über vierzig Jahre lang hatte sie diese Wort gewordenen Fieber- und Alpträume vergessen. Im Vorwort zu „Der Schmerz“ schreibt sie:

„Ich habe dieses Tagebuch in zwei Heften in den blauen Schränken von Neauphle-le-Château wiedergefunden. Ich habe keine Erinnerung daran, es geschrieben zu haben. ... Wie habe ich diese Sache schreiben können, die ich noch nicht zu benennen vermag und die mich erschreckt, wenn ich sie wieder lese.“

Mit tiefster Hochachtung vor dem Original

Fast alles, was Marguerite Duras geschrieben hat, ist autobiographisch eingefärbt, ihr bekannter Roman „Der Liebhaber“ ebenso wie etwa das Drehbuch zu dem Film „Hiroshima mon Amour“.

Doris Wolters

Doris Wolters

Mit großer Wahrscheinlichkeit hat sie auch diese Aufzeichnungen überarbeitet und literarisiert – doch wenn, dann mit tiefster Hochachtung vor dem Original. Hat sie ergänzt durch andere Geschichten aus der Zeit des Krieges und der Besatzung, Erinnerungen an Widerstand, Folter und Verrat. Umso bewundernswerter, wie die Schauspielerin Doris Wolters diese Texte liest: klar und unpathetisch, mit einer warmen dunklen Stimme, die auch die bittersten Passagen abpuffert ohne sie jemals zu verfälschen. Sie erweckt ein historisches und doch erschreckend zeitgenössisches Dokument zum Leben, ein großes Stück Literatur. Die Autorin selbst schreibt dazu:

„Der Schmerz ist eines der wichtigsten Dinge in meinem Leben. Das Wort „Schrift“ wäre nicht zutreffend (...) Ich stand vor einer phänomenalen Unordnung des Denkens und des Fühlens, an die ich nicht zu rühren wagte und der gegenüber ich die Literatur als beschämend empfand.“

Marguerite Duras: "Der Schmerz" (Hörbuch)

WDR 3 Buchrezension 07.02.2019 05:35 Min. WDR 3

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Stand: 05.02.2019, 16:03