Margaret Atwood - Die Zeuginnen

Margaret Atwood - Die Zeuginnen

Margaret Atwood - Die Zeuginnen

Von Manuela Reichart

Next season: Margret Atwood schreibt ihren Klassiker „Der Report der Magd“ fort –große Literatur ist dabei nicht entstanden.

Margaret Atwood
Die Zeuginnen

Aus dem Englischen von Monika Baark
Berlin Verlag, Berlin 2019
573 Seiten
25 Euro

Margaret Atwood: "Die Zeuginnen"

WDR 3 Buchrezension 16.10.2019 04:44 Min. Verfügbar bis 15.10.2020 WDR 3

Download

Tante Lydia

Alles beginnt in diesem Folgeroman der kanadischen Schriftstellerin mit einem Denkmal, und das gilt einer brutalen Figur aus dem Vorgängerbuch, der sogenannten Tante Lydia. Einer Frau, die wesentlich beigetragen hat zum Erhalt des antifeministischen Unrechtsstaates, der im Mittelpunkt von „Der Report der Magd“ stand. Sie war diejenige, die die Mägde erzog oder besser gesagt: abrichtete zu rechtlosen Gebärmaschinen, die in kinderlose Familien gebracht wurden, wo sie allmonatlich unter Aufsicht der Ehefrau vom Herrn des Hauses vergewaltigt wurden.

"Mein Denkmal ist wie die meisten Denkmäler überlebensgroß, es zeigt mich als jüngere, schlankere Frau und besser in Form, als ich es seit Langem bin. Ich stehe kerzengerade da, meine steinernen Lippen sind zu einem festen, aber wohlwollenden Lächeln geformt."

Die Magd Desfred

Margaret Atwood hält ihr neues Buch "The Testaments" während der Buchpremiere in einem in einem Londoner Buchladen.

Margaret Atwood

Ein wohlwollendes Lächeln: Das fiel einem zu dieser literarischen Figur von Margret Atwood bis jetzt nicht ein. Im Zentrum des ersten Romas steht die Magd Desfred. Sie schreibt heimlich auf, was ihr geschieht, sie hofft auf Flucht und Entkommen. Am offenen Ende des Buchs gibt es eine Art cliffhanger, Desfred wird in einem schwarzen Lieferauto abgeholt, man weiß nicht, ob sie gerettet ist oder ins Verderben fährt.

Lange galt "Der Report der Magd" nicht mehr als eine interessante Dystopie aus den 80er Jahren, eine klug erzählte Geschichte darüber, wie schnell ein totalitärer Saat den Frauen die Rechte aberkennt, sie unterdrückt und quält, sie von der Bildung ausschließt.

Das Buch wurde von Volker Schlöndorf 1990 verfilmt, es gab eine Opernfassung. Es galt als Klassiker feministischer Literatur, war aber nicht mehr präsent. Das änderte sich mit dem Erfolg der dramaturgisch interessant umgesetzten Serie, die auf dem Roman basierte. Ein Erfolg, der nicht zuletzt an der Hauptdarstellerin Elisabeth Moss liegt (die im wirklichen Leben übrigens Mitglied der totalitär geführten Sekte Scientology ist). Der erste Teil der Serie fußt auf Atwoods Roman, Staffel zwei und drei sind ohne literarische Vorbilder. Aber – so hat Atwood es nun gerne erzählt – die Autorin wurde immer wieder nach ihrer Version, nach ihrem Blick auf das Schicksal ihrer Figuren gefragt.

Ich berichte, ich berichte; manchmal fürchte ich, umsonst.

Also schrieb sie mehr als 30 Jahre später eine Fortsetzung, die mit einem ungeheuerlichen Medienzirkus weltweit zur gleichen Zeit erschienen ist. Lange schon stand ernstzunehmende Literatur nicht mehr im Zentrum eines solchen Interesses. Aber ist das große Literatur? Darauf gibt es eine einfache Antwort: Nein. Ist das Buch unterhaltsam und spannend: Ja, in Teilen durchaus, in anderen ist es redundant und verrät seine Geschichte an absurde Handlungspointen, ausufernde Beschreibungen von Streitereien und allzu schlichte Dialoge und immer wieder bedient sich eines etwas tantenhaften Tons….

"Ich berichte, ich berichte; manchmal fürchte ich, umsonst. Die schwarze Zeichentinte geht aus, die ich bisher benutzt habe: Bald werde ich auf Blau umsteigen müssen… Aber ich war gerade dabei, euch von dem Transporter mit en abgedunkelten Scheiben zu erzählen – nein, ich überfliege gerade die letzte Seite, wir waren schon im Stadium angekommen."

Seriendramaturgie in Buchform

Margret Atwood erzählt die Geschichte des Untergangs von Gilead mithilfe dreier Stimmen, eben dreier Zeuginnen: jener der Tante Lydia, der sie hier ein allzu glorioses Denkmal an politischer Geschicklichkeit gepaart mit Macht-Perfidie errichtet und der beiden Töchter jener Desfred, ihrer Hauptfigur aus dem ersten Roman. Die hat nur einen Miniauftritt ganz am Ende. Wobei der Begriff Auftritt die Sache gut trifft, denn nach der Lektüre hat man vor allem das Gefühl, die Autorin wollte beweisen, dass sie die Seriendramaturgie ebenso gut beherrscht wie die Filmleute. Das mag eindrucksvoll sein, wenn man denn Literatur unter den gleichen Kriterien betrachtet wie Serienformate. Wenn man komplexe Figuren, einen interessanten Erzählatem und sprachliche Genauigkeit, kurzum literarische Größe mag, dann enttäuscht es sehr: das neue Buch der kanadischen Autorin, die aber – und das sei ihr gegönnt – den Medienrummel offensichtlich genossen hat.

Stand: 15.10.2019, 14:46