Marente de Moor - Aus dem Licht

Marente de Moor - Aus dem Licht

Marente de Moor - Aus dem Licht

Von Hermann Wallmann

Ausgerechnet der Mann, dem es Ende des 19. Jahrhunderts zum ersten Mal gelungen ist, Augenblicke filmisch festzuhalten, verschwindet spurlos - und bleibt verschwunden. Marente de Moor stellt in ihrem neuen Roman Mutmaßungen über diesen Unbekannten an.

Marente de Moor
Aus dem Licht

Aus dem Niederländischen von Bettina Bach
Hanser Verlag, München, 2019
320 Seiten
23 Euro

Ewig und unsterblich

Der deutsche Titel des Romans von Marente de Moor – "Aus dem Licht" – ist vieldeutig weit gefasst, der niederländische Originaltitel – der, wörtlich übersetzt, "Roundhay, Gartenszene" heißt - rätselhaft eng. Im Nachwort klärt Marente de Moor darüber auf, dass ihr Titel sich auf einen Film bezieht, den der 1842 geborene und um 1890 spurlos verschwundene französische Erfinder Louis Almé Augustin Le Prince "gedreht" hat - Jahre vor Edison und den Brüdern Lumiére. Unter „Roundhay Garden Scene“ kann man sich bei Youtube diesen ersten Film der Welt ansehen, kaum mehr als eine zappelige Sekunde -: Familienmitglieder des "Kamera-Mannes" in einem lichtdurchfluteten Garten, ewig einherschreitend, unsterblich. Marente de Moor ist so klug gewesen, dass sie ihren Helden nicht historisch rekonstruiert, sondern ihn – mit einem anderen Namen – „erfindet“. Sie nimmt sich alle erzählerischen und kompositorischen Freiheiten heraus und lässt den Roman mit tollkühnen Sätzen und Sentenzen beginnen.

"Am 16. September 1890 stieg ein Mann in den Zug von Dijon nach Paris, danach hörte man nie wieder etwas von ihm. Er hatte nicht vor zu verschwinden. Außerdem ist ein Mensch für sein Verschwinden genauso wie für seine Entstehung von anderen abhängig. Er kann nicht mal eben im stillen Kämmerlein beschließen, dass es ihn nicht mehr gibt, erst muss er vermisst werden. Wie auch immer, als Valéry Barre in den Zug stieg, hatte er noch vor, in Paris anzukommen. Unterwegs muss ihm etwas begegnet sein, das ihn ausgelöscht hat, und diejenigen, die ihn herbeisehnten, taten es noch lange Zeit vergeblich."

Marente de Moor - Aus dem Licht

WDR 3 Mosaik 30.04.2019 05:34 Min. WDR 3

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Ein Roman mit vier Teilen

Marente de Moor

Marente de Moor

Über den wirklichen Augustin Le Prince gibt es – auch in deutscher Übersetzung – ein voluminöses – und durchaus faszinierendes - Sachbuch von Christopher Rawlence, der seine Investigationen auch in einem Dokumentarfilm verarbeitet hat. Aber die literarische Phantasie Marente de Moors kann sich glanzvoll absetzen von einer noch so scharfsinnigen Recherche. Christopher Rawlence findet Augustin Le Prince ebenso wenig wieder wie Marente de Moor "ihren" Valéry Barre. Doch die niederländische Erzählerin darf und kann sich nicht nur eine dramatische Konzeption erlauben, sondern auch poetische Illuminationen.

Ihr Roman hat vier Teile. Man kann die Überschriften dieser vier Teile verstehen als ein Stenogramm des Ganzen: „Aus dem Licht“ / „Ins Dunkel“ / „Nachbild“ / „Eine Viertelsekunde“ – wobei der besagte Sekundenbruchteil das technische Geheimnis der bewegten Bilder streift. Teil eins und Teil zwei werden auktorial in der dritten Person erzählt, Teil zwei und Teil vier in der ersten Person – und das Ich dieser Kapitel ist – Überraschung! – das der Frau von Thomas Alva Edison, dem gnadenlosen Konkurrenten – und unaufhaltsamen „Aufkäufer“ - aller kontinentalen Errungenschaften in Sachen Filmtechnik. Zu ihm hat sich der Sohn von Valéry Barre aufgemacht, um dem Verdacht nachzugehen, er, Edison, könne hinter dem Verschwinden seines Vaters stehen. Aber nicht die letztlich erfolglose Spurensuche des Sohnes mag hier nacherzählt werden. Wohl aber das Geheimnis der bewegten Bilder gestreift sein, wie es der Vater einst seinem Sohn erklärt hat:

"Das Dunkel, sagte der Vater, das sei der Trick. Man könne noch so viele Bilder aneinanderreihen, wenn es zwischen ihnen nicht dunkel werde, komme das Auge nicht mit. Ohne Dunkelheit bleibe von der abgebildeten Bewegung nichts anderes übrig als ein verschwommener Klumpen. Der Verschluss muss zugehen. Auf Etwas muss Nichts folgen."

Bewegte Bilder, bewegende Bilder

Was Marente de Moor da über das Geheimnis der bewegten Bilder sagt, ist durchsichtig auch für die Poetologie ihres Romans. Die Art und Weise, wie sie eine Epochenwende zwischen okkultistischen "Erscheinungen" und bewegten Filmbildern, zwischen alten und neuen „Medien“ wahrnimmt, ist so etwas wie eine facettenreiche Erinnerung an die Zukunft - auch der heutigen medialen Innovationen. Marente de Moor tut das indes in einem Roman, der nicht nur eine Suchbewegung realisiert, sondern in dieser Bewegung auch ablenkbar ist. Einerseits montiert die Autorin immer wieder einmal so etwas Werbeblöcke in ihren Text, Anzeigen für alle nur denkbaren Alltagserleichterungen und Heilungsversprechungen, skurrile Schlagzeilen. Zum anderen verbindet sie ihre Geschichte immer wieder mit selbstreflexiven Vergleichen oder Metaphern. Zum Beispiel mit einer buchstäblich cinematographisch inspirierenden Wahrnehmung:

"Lieber sah er nach draußen, wo eine lange Allee dicht bei den Schienen die Aussicht in einzelne Bilder zerschnitt, als der Zug verlangsamte. Ein Feld - Baum. Ein halbes Haus – Baum. Das nächste Haus – Baum, vermutlich ein Gemüsegarten, Baum, die vordere Hälfte eines Pferdes, Baum."

Bewegte Bilder, bewegende Bilder: die es Marente de Moor wert gewesen sind, kultur- und technikgeschichtliche Recherchen auf 320 Seiten zu verbinden mit biographischen Gedankenspielen und literarischem Witz.

Stand: 30.04.2019, 10:00