Olivia Manning: "Die gefallene Stadt"

Buchcover: Olivia Manning: "Die gefallene Stadt"

Olivia Manning: "Die gefallene Stadt"

Von Hamm, Simone

Eine Gruppe von Auslandsbriten wird 1940 in im Bukarest von den Kriegsgeschehnissen überrollt. Bald ist sich jeder nur noch selbst der nächste. Eine Rezension von Holger Heimann.

Literaturangaben:
Olivia Manning: "Die gefallene Stadt"
Rowohlt Verlag, 464 Seiten, 24 Euro

Leser kommt mit ins Kriegschaos

Olivia Manning: "Die gefallene Stadt"

WDR 3 Buchkritik 20.07.2021 05:13 Min. Verfügbar bis 20.07.2022 WDR 3


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Im Sommer des Kriegsjahres 1940 ist Rumänien ein Staat in Auflösung. Erst verliert das Land die nördliche Bukowina und Bessarabien an Russland, wenig später nimmt sich Ungarn Nordsiebenbürgen. Die faschistische Eiserne Garde marschiert wieder. König Carol II. büßt beständig an Macht ein. Die britische Autorin Olivia Manning nimmt die Leser im zweiten Teil ihrer großen Balkantrilogie mit in ein sich immer weiter ausbreitendes und zunehmend undurchsichtiges Kriegschaos auf dem Balkan und knüpft dabei unmittelbar an den Vorgängerroman an. Erneut ist es die britische Community in Bukarest, die im Mittelpunkt steht – allen voran Harriet Pringle und Prinz Jakimov. Harriet die ihren Mann Guy, einen Englisch-Dozenten, nach Rumänien begleitet hat, ist eine der wenigen Frauen in einer von Männern dominierten Welt. Und auch Jakimov ist ein Außenseiter. Der nie erwachsen gewordene verarmte Brite weißrussischer Abstammung träumt davon, ein Leben lang umsonst essen und trinken zu können. Das aber wird immer schwieriger. Die Lage spitzt sich mit jedem Tag weiter zu, da Hitlers Armeen scheinbar unaufhaltsam vorrücken. Die Stimmung in Bukarest, wo den Briten einst großer Respekt entgegengebracht wurde, kippt. Jetzt feiern die Einheimischen mit den Deutschen:

"Kurz wurde es still in der Halle, dann erhoben sich die Stimmen der Gardisten zum Horst-Wessel-Lied. Jemand bellte einen Befehl, und nach und nach stimmten die Gäste des Empfangs in das Lied ein. „Ich glaube, wir sollten besser gehen“, sagte Harriet. David pflichtete ihr bei. „Es ist ein bisschen unheimlich.“ Sie kamen bei der Reihe von Leibern an, die die Tür versperrten. Hinter ihnen konnte man das Glitzern von Kleidern, das Weiß von Oberhemden erhaschen. Hier stand Bukarests reichste und frivolste Gesellschaftsschicht stramm und sang die Nazi-Hymne."

Jakimov will ein bequemes, annehmliches Leben

Sollen die Briten ausharren oder das Land auf dem schnellsten Weg verlassen? Die Meinungen darüber gehen auseinander. Sicher sind sie jedenfalls nicht mehr. Evakuierungspläne machen die Runde. Der furchtsame Jakimov erhält den Auftrag, ins siebenbürgische Cluj zu fahren, um von der Übernahme durch die Ungarn zu berichten. Ein Freund aus alten Zeiten ist schon da: Graf Freddi von Flügel. Und der hat es unterdessen zum Gauleiter gebracht. Um sich der Sympathie des Deutschen zu versichern, scheut Jakimov nicht davor zurück, die Pringles zu verraten. Er will nur eines: ein bequemes, annehmliches Leben:

"Am nächsten Morgen wurde er in seinem Glauben bestärkt, dass das Leben bei Freddi seinen Bedürfnissen entgegenkam. Nachdem er sein Bad genommen hatte, legten sich Freddi und er in Morgenmänteln in Liegestühle auf dem Balkon, um dort ihr Frühstück einzunehmen. Der Kaffee war Vorkriegsware, das Essen exzellent."

Packende Bilder für die düster-bedrohliche Szenerie

Jakimov ist nicht mehr der charmante Hochstapler, der im ersten Teil von Mannings Trilogie die Restaurants und Bars von Bukarest frequentierte und sich aushalten ließ. Denn die Restaurants haben geschlossen und in den Bars geben die Deutschen den Ton an. Sein kindlicher Egoismus lässt ihn indes verlässlich neue Wege finden, um zu überleben. Ängstlich und skrupellos schlägt er sich durch. An Jakimov wird am deutlichsten, was auch für die anderen Akteure in Mannings Roman gilt: Es sind defizitäre Charaktere, die am Rande des Chaos balancieren und jeden Augenblick abstürzen können. Manning findet immer wieder stimmige, packende Bilder für eine düster-bedrohliche Szenerie.

"Jakimov wartete in qualvoller Erregung zitternd darauf, dass der Regionalzug aus dem Bahnhof fahren würde, aber er fuhr nicht. Dann erscholl der Ruf, der Express fahre ab. Die Menschen rannten in beiden Richtungen an dem Regionalzug entlang, der den Weg blockierte, und Jakimov rannte mit den anderen mit. Er stolperte über Müllberge und Schienen, um- rundete die heiße, feuerspeiende Lok des Regionalzugs und erreichte den Express. Er fand den wagon-lit und stieg hinauf, aber die Tür war verschlossen. Er hämmerte gegen das Glas und rief den im Gang Stehenden auf Deutsch zu: "Lassen Sie mich hinein!" Sie sahen ihn an, aber niemand rührte sich."

Der Roman basiert auf den Erfahrungen und Erinnerungen Olivia Mannings. Wie Harriet hat auch Manning ihren Mann nach Rumänien begleitet und dort den Ausbruch des Krieges erlebt. In der autobiografisch grundierten Figur der Harriet hat sich die britische Autorin in das Geschehen eingeschrieben. Aber sie folgt weniger den Befindlichkeiten Harriets. Sie richtet den Blick nicht nach innen, sondern nach außen – auf die untergehende alte Welt am kaum beachteten Rand Europas. Olivia Mannings Roman ist zugleich packender Thriller und historisch präzise Erzählung, die geschickt das Ungewisse und Offene einer einmaligen Situation vermittelt.

Stand: 19.07.2021, 19:30