Carla Maliandi - Das deutsche Zimmer

Carla Maliandi - Das deutsche Zimmer

Carla Maliandi - Das deutsche Zimmer

Von Tobias Wenzel

Der Vater gestorben, eine langjährige Beziehung gescheitert – die Ich-Erzählerin in Carla Maliandis außergewöhnlichem Debütroman flüchtet vor ihrem Leben in Argentinien nach Heidelberg, wo sie wie die Autorin als kleines Mädchen im Exil gelebt hat.

Carla Maliandi
Das deutsche Zimmer

Aus dem Spanischen von Peter Kultzen
Berenberg, Berlin 2020
168 Seiten
24 Euro

Carla Maliandi: "Das deutsche Zimmer"

WDR 3 Buchkritik 22.01.2020 05:41 Min. Verfügbar bis 21.01.2021 WDR 3

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Glücklich und losgelöst von allem

"Für mich ist Heidelberg eine Landschaft meiner Kindheit. Da sind die ganz konkreten Gerüche, der Duft von Brot. Da ist das Gefühl der Kälte draußen. Auch das Licht dieser Stadt, das auf besondere Weise glänzt. Die Farbe, die der Neckar hat, wenn man ihn von der Brücke aus betrachtet."

Mit zwei bis vier Jahren, Ende der 70er, während der argentinischen Militärdiktatur, hat Carla Maliandi mit ihren Eltern – der Vater ein renommierter Philosoph – im Heidelberger Exil gelebt. Im dortigen Haus der Maliandis gingen exilierte und deutsche Philosophen ein und aus. Glücklich und losgelöst von allem erscheint der argentinischen Autorin heute die Zeit im verträumten Heidelberg. Genauso wie der namenlosen Ich-Erzählerin ihres autobiographisch inspirierten Debütromans "Das deutsche Zimmer". Die kehrt dreißig Jahre später nach Heidelberg zurück:

"Seit ich hier bin, wandere ich ständig ohne wirklichen Grund oder Anlass umher. Zum Beispiel sage ich zu mir: „Gehen wir doch mal zum Marktplatz.“ Und am Marktplatz angekommen, sage ich: „Und jetzt zur Heiliggeistkirche.“ [...] Falls mich jemand fragt, könnte ich antworten, dass ich nach Heidelberg gekommen bin, um umherzuwandern, zu schlafen und umherzuwandern. Schlafen und wandern – das hört sich nach nichts Besonderem an, aber es gibt kaum etwas Besseres."

Zurück nach Heidelberg

Der Vater der Erzählerin, auch er ein Philosoph, ist gestorben. Und sie hat sich von ihrem Mann getrennt. Alles in ihrem Leben in Argentinien scheint zusammenzubrechen. Da verschwindet sie einfach nach Heidelberg, in der Hoffnung, das Glück ihrer dortigen Kindheit lasse sich wiederherstellen. Sie mietet ein Zimmer im Studentenwohnheim, ohne studieren zu wollen. In der Stadt, die für sie der Ort der Philosophen ist, will sie über sich und ihr Leben nachdenken und noch einmal bei null anfangen:

"Mich interessiert das Konzept der Trümmerliteratur: Es bleibt nichts. Nach dem Krieg muss man ja wieder bei null anfangen. Aber der Glaube ist zerstört worden. Und man kann keine Zukunftspläne mehr schmieden. Was bleibt, ist einfach nur die Gegenwart. Das alles hat viel mit meinem Roman zu tun, damit, was der Erzählerin passiert, und mit der Art und Weise, wie sie die Geschichte erzählt."

Von ihrer Vergangenheit eingeholt

Carla Maliandi

Carla Maliandi

Wieder bei null anfangen, im Nichts nach dem Sinn des Lebens fischen, durch Heidelberg schlendern – all das hätte gähnend langweilig werden können. Aber als Leser folgt man der Ich-Erzählerin fasziniert. Einerseits, weil sie erfährt, dass sie schwanger ist, so von ihrer Vergangenheit in Argentinien eingeholt wird – sie weiß nicht, ob ihr Ex oder der Mann aus einem One-Night-Stand der Vater ist – und gleichzeitig in die Zukunft blicken muss. Andererseits, weil Carla Maliandi, die Theaterstücke geschrieben und inszeniert hat, auch Prosa beherrscht. Hier und da blitzt ihr origineller Humor auf, auch in der Szene, in der die Ich-Erzählerin beim Gynäkologen ist:

"Jetzt sagt er, ich soll mich auf die Liege hinter dem Wandschirm legen und untenrum ausziehen. Wortlos tue ich, was er gesagt hat. Während er mich mit seinen Latexhandschuhen abtastet, starre ich an die Decke und versuche, an etwas anderes zu denken, ich würde gern im Stillen ein Lied singen, mir fällt aber keins ein, also stimme ich die Nationalhymne an. Für die anderen unhörbar singe ich sie mir zwei Mal vollständig vor, und als ich zum dritten Mal bei der Stelle ankomme, wo es heißt: „Seht die edle Gleichheit, dort oben auf ihrem Thron“, spüre ich einen Klaps auf dem Knie, der wohl bedeuten soll, dass die Untersuchung beendet ist."

Was Exil bedeutet

Maliandi beweist ein feines Gespür für die Figuren ihres Romans, den Peter Kultzen tadellos übersetzt hat. Für die japanische Studentin, die sich das Leben nimmt. Für deren trauernde Mutter, von der sich die Erzählerin bald verfolgt fühlt. (Hier bekommt der Roman etwas Geheimnisvolles.) Für einen schwulen Philosophen, dessen Freund in der Militärdiktatur ermordet wurde, und der deshalb nie mehr nach Argentinien zurückkehren will. Was Exil aufgrund von Diktatur bedeutet, wird besonders klar, als die Ich-Erzählerin die Cafeteria der Universität betritt:

"Hier habe ich immer mit meiner Mutter gegessen und gewartet, bis mein Vater mit dem Unterricht fertig war. Die Erinnerung ist so deutlich, dass ich anfange zu zittern. Hier hat meine Mutter mir von Buenos Aires erzählt, von dem alten Haus an der Ecke Avenida Entre Ríos und Calle 15 de Noviembre, in dem die Großeltern auf uns warteten, und ihr Gesicht wurde dabei manchmal ganz ernst, und sie sagte streng, ich solle aufessen. Offensichtlich versuchte sie, auf diese Weise davon abzulenken, dass ihr die Tränen in die Augen stiegen."

Ein bemerkenswertes Debüt

Carla Maliandi hat ausgehend von ihrer eigenen Exilerfahrung als Mädchen einen Roman über das Exil an sich geschrieben, über den Verlust des eigenen Landes und eines geliebten Menschen, über die damit verbundene Trauer und über den Wunsch, noch einmal neu anzufangen. Ein bemerkenswertes Debüt mit einem wunderbar entrückten Ende.

Stand: 19.01.2020, 21:01