George Simenon - Maigret und Pietr der Lette

George Simenon - Maigret und Pietr der Lette

George Simenon - Maigret und Pietr der Lette

Von Jutta Duhm-Heitzmann

Auftritt der Polizisten mit der Pfeife: In „Pietr der Lette“ löst George Simenons später weltberühmter Kommissar Maigret seinen ersten Fall, und Walter Kreye folgt im Hörbuch lesend seinen Spuren.

George Simenon
Maigret und Pietr der Lette

Neu übersetzt von Susanne Röckel
Gelesen von Walter Kreye
4CDs DAV
ISBN 978-3-7424-1021-4

Georges Simenon "Maigret und Pietr der Lette" (Hörbuch)

WDR 3 Mosaik 18.04.2019 05:43 Min. WDR 3

Download

Kommissar Maigret: eine Ikone der modernen Kriminalliteratur, ein Ermittler so bekannt wie Conan Doyles legendärer Privatdetektiv Sherlock Holmes und ebenso oft verfilmt, verkörpert von den unterschiedlichsten Schauspielern, von Jean Gabin über Heinz Rühmann bis hin zum britischen Komiker Rowan Atkinson. Erfinder der Figur war der Belgier Georges Simenon, der 1920er Jahren nach Paris zog, um sich als Journalist und Schriftsteller einen Namen zu machen. Das gelang unerwartet gut, denn schon der erste Fall des später legendären Kommissars machte Furore: „Maigret und Pietr der Lette.“ Sämtliche Maigret Romane werden jetzt im Kampa Verlag in frischer Übersetzung neu herausgegeben, gleichzeitig erscheint auch jeder Titel als Hörbuch im Audio Verlag. Natürlich auch Maigrets erster Auftritt, gelesen von Walter Kreye.

Maigret tritt auf

"Kommissar Maigret von der Ersten Mobilen Brigade hob den Kopf. Der gusseiserne Ofen, der mitten in seinem Büro stand und durch ein dickes Rohr mit der Decke verbunden war, schien weniger laut zu bullern als noch ein paar Augenblicke zuvor. Er schob das Telegramm beiseite, erhob sich schwerfällig, regulierte die Lüftung und warf drei Schaufeln Kohle ins Feuer. Dann stopfte er mit dem Rücken zum Ofen seine Pfeife und zerrte an seinem engen Kragen."

Maigret tritt auf. Und mit ihm sein Wärmebedürfnis. Und seine Pfeife. Sie klemmt wie festgewachsen zwischen den Zähnen – und wird zum Markenzeichen des französischen Kommissars. Damals, Ende der 1920er Jahre, ahnte niemand, auch nicht sein Erfinder George Simenon, dass Maigret nach seinem ersten Fall noch in weiteren 74 Romanen Verbrechen aufklären würde, immer mit Pfeife und immer imponierend präsent.

"Er war groß, massig und starkknochig. Harte Muskeln zeichneten sich unter dem Jackett ab und zerbeulten schnell auch die neuesten Hosen."

Es war mehr als Selbstsicherheit und war doch nicht Hochmut

Auch sein Überzieher mit Samtkragen und seine Melone - ein für ihn perfektes Outfit – sind nach Jahren noch die gleichen. Maigret bleibt also wie und wer er von Beginn an ist: ein Berg von einem Mann und ein Fels in der Brandung:

"Bemerkenswert war vor allem sein Auftreten, das sogar einigen seiner Kollegen durchaus missfiel. Es war mehr als Selbstsicherheit und war doch nicht Hochmut. Er kam irgendwohin, als in sich geschlossener Block, und von da an schien es, als müsste sich alles an ihm brechen, ob er sich nun bewegte oder breitbeinig stehen blieb."

Tot und lebendig?!

George Simenon

George Simenon

So massig präsent füllt er sein Arbeitszimmer im Kommissariat. Und ebenso massig schiebt er sich kurze Zeit später auch über einen Bahnsteig der Gare du Nord, um dort den weltweit gesuchten Trickbetrüger Pietr der Lette abzufangen. Doch gerade als er den Gauner erblickt und ihm folgen will, gibt es einen Aufschrei: in dem gerade eingefahrenen Zug liegt ein Toter. Maigret sieht ihn sich an – und kann es nicht fassen: vor ihm liegt Pietr der Lette, ermordet. Wer ist denn nun der echte? Der Tote? Oder der andere, der sich mittlerweile in einem der vornehmsten Pariser Hotels unter falschem Namen eingecheckt hat?

An verwunderten Gästen und einer irritierten Hotelleitung vorbei, stapft der Kommissar die Treppen empor und sieht den Gauner eine Suite beziehen. Auf dem Gang steht ein Sofa.

"Dorthin setzte sich Maigret, direkt gegenüber der offenen Tür, streckte die Beine aus und knöpfte seinen Mantel auf. Pietr der Lette sah ihn und fuhr mit seinen Anweisungen fort, ohne Überraschung oder Unmut zu zeigen. Als die Pagen alle Koffer und Taschen abgestellt hatten, ging er selbst zur Tür, um sie zu schließen, beobachtete jedoch den Kommissar noch einen Moment lang, eher er sie ins Schloss zog."

Eine Welt voller obskurer Existenzen

Der Beginn eines offen ausgetragenen Katz- und Mausspiels. Maigret verfolgt Pietr den Letten, ohne sich zu verstecken, der Gauner geht ganz offen seinen betrügerischen Geldgeschäften nach, zusammen mit seinem Komplizen, einem amerikanischen Millionär und seiner Frau. Er ist sich sicher, dass der Verfolger ihm nichts Illegales nachweisen kann - aber warum wird dann auf Maigret geschossen? Und warum muss sein Mitarbeiter sterben? Immer tiefer taucht der Kommissar ein in eine Welt, die neben der ihm vertrauten, normalen existiert, bevölkert von obskuren Existenzen:

"Die Straße war nass, Lichter spiegelten sich auf dem Pflaster. In allen Ecken, überall, an den kleinsten schattigen Stellen, in den Sackgassen, in den Durchgängen ahnte man Menschengewimmel, ein heimliches, verschämtes Leben. Schatten glitten an den Mauern entlang. In den Läden wurden Dinge verkauft, die Franzosen nicht einmal dem Namen nach kannten."

In jedem Gauner steckt ein Mensch

Schon in diesem ersten Maigret-Roman macht sein Erfinder George Simenon seinen unheldischen Helden zu einem Polizisten mit untrüglichem Instinkt. Er hat einfach ein Gefühl dafür, wie die Verbrecher ticken, welches Geheimnis sie verbergen und warum. Wissend, manchmal wie von Gleich zu Gleich, fast väterlich oft und verständnisvoll überführt er die Kriminellen, die er verfolgt. Maigret selbst bezeichnet diesen Instinkt für sich als „Theorie vom Riss“:

"In jedem Übeltäter, in jedem Gauner steckt ein Mensch, doch auch und vor allem ein Spieler, ein Gegner, (...) Doch er suchte, erwartete, belauerte vor allem den Riss. Anders gesagt, den Moment, in dem hinter dem Spieler der Mensch zum Vorschein kommt."

Ein erbarmungsloses Psychoduell

Das wird auch Pietr dem Letten zum Verhängnis – er wird zu einem Menschen. Es ist schön, wie der Schauspieler Walter Kreye, der sämtliche Maigret-Romane für den Audioverlag eingelesen hat, das herausarbeitet, unpathetisch, präzise und warm, in der Sprechhaltung auch in diesem eher altmodischen Ambiente klar und modern.

Und so lässt er auch die Geschichte von „Pieter der Lette“ ausklingen. Denn trotz des komplizierten Ränkespiels und eines von beiden Seiten erbarmungslos geführten Psychoduells sitzen sie zum Schluss zusammen, der Verbrecher und der Kommissar, beide durchnässt, beide gerade dem Tod entgangen.

"Sie trugen beide ihre Morgenmäntel. Sie hatten beide Rum getrunken. Die zwei Stühle standen einander noch gegen über, dazwischen das Rechaud. Ihre Blicke begegneten sich."