Andreas Maier - Die Städte

Buchcover: Andreas Maier - Die Städte

Andreas Maier - Die Städte

Von Andreas Wirthensohn

Andreas Maier erzählt vom Unterwegssein – und versucht sich am Genre des Anti-Reiseberichts.

Andreas Maier: Die Städte
Suhrkamp Verlag, Berlin 2021.
192 Seiten, 20 Euro.

Andreas Maier: "Die Städte"

WDR 3 Buchkritik 08.03.2021 05:11 Min. Verfügbar bis 08.03.2022 WDR 3


Download

Maiers Beschreibungen einer besonderen Zeit

Ach ja, das müssen noch Zeiten gewesen sein: als die Reise per Autostopp zur Grunderfahrung junger Menschen gehörte, als man statt mit dem Billigflieger mit dem Twen- und dem Interrailticket durch Europa zockelte, als nach der Autofahrt gen Süden Windschutzscheibe und Scheinwerfer erst einmal von reichlich Insektenblut gesäubert werden mussten.

Von dieser Zeit, als man am Brenner wegen der Grenzkontrollen im Stau stand und es als Tramper problemlos bis nach Biarritz schaffte, erzählt Andreas Maier in seinem neuesten Buch. Doch von Reiseidyllen, von seligen Urlaubserinnerungen sind seine Ortsbeschreibungen weit entfernt, wie beispielhaft die Ankunft in Oulx, einem Städtchen in den Bergen des Piemont, zeigt.

"Wir fuhren mit dem Cinquecento durchs Gebirge, und als ich den Ort sah, kam er mir glücklicherweise völlig trostlos vor. Die Saison war vorbei, der Schnee schon größtenteils verschwunden und das Städtchen ziemlich ausgestorben. Überdies war der Ort angenehm unansehnlich und nichtssagend. Der Kirchturm sah besonders traurig aus, und die Oulx umgebende Landschaft war völlig reizlos zu dieser Jahreszeit. Auch die Ferienwohnung hatte ich mir anders vorgestellt, idyllischer. In Wahrheit lag sie hügelan in einer Reihe von gleichförmigen, schnell hingebauten Häusern aus den sechziger oder siebziger Jahren. Wohnung wie Ort und Landschaft: Es war alles bloß zum Benutztwerden da und hatte selbst absolut nichts für sich. Perfekt!"

Die Geburt des Schriftstellers

Denn der junge Andreas, gerade einmal 23 Jahre alt, will hier nicht Urlaub machen, sondern Selbstmord begehen. Daraus wird zum Glück aus den verschiedensten Gründen nichts – unter anderem will er die Wohnung nicht mit seinem Blut versauen –, stattdessen werden wir Zeugen einer Art Geburt des Schriftstellers aus dem Geist der Sprache.

Der Ich-Erzähler nämlich liest nicht nur Georg Büchner und Karl Philipp Moritz, sondern kauft sich auch ein Italienisch-Wörterbuch samt Grammatikteil und versucht sich im Lebensmittelladen und in der örtlichen Pizzeria an ersten zaghaften Dialogen.

"Um Vokabeln, Konjugation und Deklination zu üben, kaufte ich mir Papier. Ich legte mir kleine Fragmente zurecht und probierte sie dann im Alimentari aus. (…) Die Erwartung auf das Ausprobieren füllte den halben Tag. (…) Die Gänge zum Alimentari strahlten auf diese Weise für ein paar Tage wie Flutlicht auf meine Oulx-Existenz. Bald ging ich zum Bahnhof und probierte dort Vorbereitetes aus. Buon giorno io voglio comprare un biglietto per andare a Torino per favore. Die Rückfrage, ob einfach oder hin und zurück, verstand ich natürlich nicht, und mit den Zahlen hatte ich auch größere Schwierigkeiten, zumal noch in Lire gerechnet wurde (…). Immerhin, noch vor einer Woche hatte ich so gut wie kein Wort Italienisch gesprochen. Nun schon so viel! Aber eigentlich wollte ich mich ja umbringen."

Die fremde Sprache ist es, die ihn rettet aus der jugendlichen Lebensmüdigkeit. "Zur Welt kommen, zur Sprache kommen" hat Peter Sloterdijk das einmal in seinen Frankfurter Poetikvorlesungen genannt.

Was das Reisen mit den Reisenden macht

In "Die Städte" verabschiedet sich Maier wieder einmal vom chronologischen Gang des eigenen Lebens. Er erzählt aus der Kindheit von den öden familiären Urlaubsreisen nach Südtirol, vom Studiosus-Trip mit den Eltern nach Griechenland, vom wilden, trinkseligen Unterwegssein als Twen, von einer Lesereise nach Weimar, wo Goethe, Nietzsche und reichlich Nazis ein seltsames Gemisch bilden.

Es geht dabei zumeist weniger um die Orte, die bereist werden, sondern um das, was das Reisen mit dem Reisenden macht. "Ich in Athen", heißt es an einer Stelle, und wir erleben, wie all diese meist eher unspektakulären, oft nur widerwillig absolvierten Reisen zur Ichwerdung des Erzählers beitragen. Einer der ersten literarischen Versuche Maiers handelt denn auch von einer spontanen Reise nach Marrakesch, und was er über diese Erzählung schreibt, könnte genauso gut für den Reisenden namens Maier gelten:

"Es geht um einen Wetterauer, der eine typische Wetterauer Existenz führt, zwischen Fachwerk und Räucherwurstgeruch, aber dennoch geistig angebunden an die große Welt, was ja kein Widerspruch ist."

Eine Anti-Reiseerzählung mit feiner Weltwahrnehmung

"Ortsumgehung" nennt Maier seinen autofiktionalen Zyklus, der seine Heimat in der hessischen Wetterau umkreist, und im Falle von "Die Städte" bezeichnet dieses Wort in gewissem Sinne die Gattung: Maier hat eine Art Anti-Reiseerzählung verfasst, einen Gegenbericht zu den meist von Fotos untermalten schwärmerischen Urlaubsschilderungen, wie wir sie alle aus dem Bekannten- und Freundeskreis nur zu gut kennen.

Das ist mitunter wunderbar böse, gelegentlich etwas zu lustig, zumeist aber von feiner Selbst- und Weltwahrnehmung bestimmt. Und es zeigt einmal mehr: Die Wetterau ist von der literarischen Weltkarte tatsächlich nicht mehr wegzudenken. Andreas Maier sei Dank.

Stand: 05.03.2021, 14:42