Ko Machida, Vom Versuch, einen Glücksgott loszuwerden/Flußlibrett

Ko Machida, Vom Versuch, einen Glücksgott loszuwerden, Flußlibrett

Ko Machida, Vom Versuch, einen Glücksgott loszuwerden/Flußlibrett

Von Jutta Duhm-Heitzmann

Der Glückgott grinst, das Grinsen nervt, sein Besitzer will die Statue entsorgen – und landet im Niemandsland der Ausgeflippten und fröhlichen Nichtstuer.

Ko Machida
Vom Versuch, einen Glücksgott loszuwerden/Flußlibrett
Zwei Erzählungen

Aus dem Japanischen von Katja Cassing und Jürgen Stalph
Gelesen von Charly Hübner
3 CDs Hörverlag
Der Diwan
ISBN 978-3-941009-62-2

Der japanische Musiker Ko Machida, Jahrgang 1962, war mit seiner Band einer der erfolgreichsten Punkrocker seines Landes, wurde dann auch Schauspieler und Filmemacher, fing an zu schreiben – wie bei uns etwa das Multitalent Rocko Schamoni. Mittlerweile ist Machida einer der bekanntesten japanischen Autoren. „Vom Versuch, einen Glückgott loszuwerden“ war 1997 seine erste Erzählung und wurde gleich mit einer Reihe wichtiger Literaturpreise ausgezeichnet. Sie ist jetzt zusammen mit dem im Ton ähnlichen „Flußlibrett“ als erstes seiner Werke überhaupt ins Deutsche übersetzt worden - eine Steilvorlage für den Schauspieler Charly Hübner, der beide Erzählungen als Hörbuch eingelesen hat.

Ko Machida - Vom Versuch, einen Glücksgott loszuwerden (Hörbuch)

WDR 3 Buchrezension 24.10.2019 06:01 Min. Verfügbar bis 23.10.2020 WDR 3

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Einfach nur rumhängen und saufen

"Drei Tage schon habe ich nichts mehr getrunken, das macht einen ganz fertig. Wirklich. Von dir krieg ich ja nix. Dabei wär’n Whisky nicht schlecht. Oder’n Schnaps. Nein? Nein? Nur einen! Nein? Gut, dann eben nicht."

Ko Machida

Ko Machida

Masayuki Kusunoki hockt in seiner leeren Wohnung und beschimpft seine Frau. Dabei ist die gar nicht da, weggelaufen, obwohl er doch so ein netter, hübscher Kerl ist! Allerdings hatte er vor drei Jahren eine Erleuchtung:

Wäre es nicht viel besser, einfach nur rumzuhängen und zu saufen, statt zu arbeiten? Schließlich verdiente seine Frau ja genug. Warum also ist jetzt Schluss mit dem schönen Leben? Die Antwort findet er beim Blick in den Spiegel, erstmals wieder nach langer Zeit. Und da sieht er:

"dass sich mein einstmals als rosig adonitisch, als teuflisch englisch und was weiß ich gepriesenes Antlitz dank der ungeheuren Menge Alkohol, die ich zu mir genommen habe, elendiglich und grotesk verformt hat, aufgeschwemmt von Alkohol und Wasser: hängende Lider, Hamsterbacken, feistes Kinn und mittendrin in diesem Teig ein einziges Augen-und-Nase-Geklumpe. Na, wenn das kein Ulkgesicht war!"

Eine Statue des Glücksgottes Daikoku

Kein Wunder, dass die Frau abgehauen ist, mitsamt dem Geld und allen Möbeln! Kusunoki muss sein Leben ändern, die Wohnung aufräumen, dieses Chaos aus Zeitungen, Zigaretten, leeren Suppenbechern, Flaschen und was sonst noch. Dabei fällt sein Blick auf eine etwa zwölf Zentimeter große Metallfigur: eine Statue des Glücksgottes Daikoku. Und der sieht nicht nur genauso aus wie sein Besitzer im Augenblick - also feiste Wangen, der ganze Körper wabbelnd vor Fett, ein idiotenzufriedenes Lächeln auf den dicken Lippen – er ist auch schlecht ausbalanciert: stellt man ihn hin, fällt er auf den Rücken. Schon immer ein Ärgernis – doch jetzt eine reine Provokation, das figurgewordene Symbol des ganzen nervenden Schlamassels. Also weg mit dem Ding – doch wohin? Im Müll könnten ihn die Nachbarn entdecken und klatschen:

"Ach, das ist doch ein Daikoko, wo kommt der denn her? Ist der nicht dem Mann von Frau Kusunoki wie aus dem Gesicht geschnitten? Der muss verrückt sein oder pervers. – „Der hat vielleicht Nerven, so was hier abzustellen!“ „Mama, da liegt eine komische Puppe!“ „Still Takashi! Wenn du nicht fleißig lernst, wirst du wie Onkel Kusunoki!"

Kikuchis Hilfe

Nein, es gibt nur eins: den Daikoku heimlich dort zu entsorgen, wo er nicht zu seinem Besitzer zurückverfolgt und der womöglich wegen Umweltver-schmutzung bestraft werden kann. In einem mit wilden Blumen bewachsenem Betonbeet. Oder im Mülleimer eines fremden Hauses. Doch immer wird er von irgendjemandem misstrauisch beobachtet, sogar polizeilich befragt. Allein schafft er es nicht, also muss Kikuchi helfen, seines Zeichens Student, wenn auch nie in der Uni zu finden.

"Ein verrückter Kerl, der mit der unsäglichen Ratio und Moral der Leute nichts anfangen konnte und irgendwie nur abhing, also einen Lebensstil pflegte, der dem meinen ähnlich war, und mit dem ich, gleich und gleich gesellt sich gern, seit langem auf vertrauten Fuß stand, einer meiner wenigen Freunde."

Octopus am Kreuz

Und nun beginnt die absurde Odyssee zweier abgedrehter Lebenskünstler, die sich durch die riesige, kalte, verkommene Großstadt schlagen und dabei von einer desaströs komischen Situation in die nächste stolpern. Ihr Tokio ist nicht das moderne der riesigen Bürohäuser, schreienden Reklamen und Smartphone besessenen Teenager, sondern das der kleinen Leute und der Loser, der vollgedröhnten Outdrops und der abgewatschten Gammler, der Billigläden und müffelnden Suppenküchen. Aber auch einer wichtigtuerischen Kunstszene mitsamt ihren pseudointellektuellen Mitläufern.

"Octopus am Kreuz hieß das Werk. Das Foto zeigte ein auf einem ganz gewöhnlichen Parkplatz an der Küste errichtetes Kreuz, darunter eine Halde verbeulter und verkohlter Trümmer von Verkaufsautomaten, Telefonen, Kühlschränken und so weiter; am Kreuz hing eine Anzahl von etwas Rundem, Rotem, wie Flaschenkürbisse an einem Flaschenkürbisbaum. "Was soll denn das sein?"

Lustvoll ausgeflippt und mit erkennbarem Vergnügen

In jeder Zeile spürt man die Herkunft des Autors vom frühen Punk: rebellisch, gegen alle Normen gebürstet und augenzwinkernd provozierend – typisch für den früher so erfolgreichen Rocker Ko Machida.

Charly Hübner

Charly Hübner

"Vom Versuch, einen Glückgott loszuwerden", die Erzählung, mit der seine steile Autorenkarriere begann, ist ein wirbliges, in seinen Sprachexzessen fast prahlerisch souveränes Stück Literatur, von Katja Cassing und Jürgen Stalph virtuos übersetzt, ebenso wie die von Inhalt und Stil her ähnlich gelagerte Erzählung "Flußlibrett". Und der Schauspieler Charly Hübner liest die Texte Machidas, als sei er ein Seelenverwandter, lustvoll ausgeflippt und mit erkennbarem Vergnügen an den Abenteuern der beiden fröhlich verpeilten Antihelden. Ein rotzfreches Stück Literatur, nicht jedermanns Sache natürlich, aber wer Sympathie für Punk als Lebensform hat – der kommt hier voll und ganz auf seine Kosten.

Zum Schluss steht Kusunoki in seiner sonnendurchfluteten Wohnung und beschließt ein neues Leben:

"All diese vertrauten Dinge schienen zu nichts mehr nutze zu sein, waren nur da, bedeutungslos wie ich, der ich, ein zum Stirnband gedrehtes Tuch um den Kopf, auf den Fellvorleger stieg und laut „Ein Bohnenhändler, Herrschaften! Ich bin ein Bohnenhändler!“ rief. Man glaubt es kaum."

Stand: 22.10.2019, 18:52