Michael Maar - Die Schlange im Wolfspelz. Das Geheimnis großer Literatur.

Buchcover: Michael Maar - Die Schlange im Wolfspelz. Das Geheimnis großer Literatur.

Michael Maar - Die Schlange im Wolfspelz. Das Geheimnis großer Literatur.

Von Hermann Wallmann

Das muss man erst mal hinkriegen: Nicht nur bei Franz Kafka, sondern auch bei Hildegard Knef entdeckt Michael Maar das "Geheimnis großer Literatur".

Michael Maar: Die Schlange im Wolfspelz. Das Geheimnis großer Literatur.
Rowohlt Verlag, Hamburg 2020.
656 Seiten, 34 Euro.

Michael Maar will ein Geheimnis lüften

Einen einzigen Roman hat Michael Maar bisher geschrieben – ein blendender Erzähler indes ist er auch in seinen Essays! Doch keines seiner bisherigen Bücher – die meisten von ihnen kann man als feinst komponierte Anthologien charakterisieren – ist so von einer intelligenten, frühromantischen Spielfreude durchdrungen wie dieses.

Die Schlange im Wolfspelz. Das Geheimnis großer Literatur

WDR 3 Buchkritik 22.01.2021 05:28 Min. Verfügbar bis 22.01.2022 WDR 3


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"Das Geheimnis großer Literatur" ist nicht nur der Untertitel des neuen Buches, sondern auch so etwas wie ein Gattungsbezeichnung. Und "Schlange im Schafspelz" – der Titel, für den Maar sich bei Eva Menasse bedankt – fällt sofort mit einer bildlichen Definition von Stil ins Haus: Wirkung durch Abweichung. Dem besagten Geheimnis des Stils kommt Michael Maar indes nicht als Forscher auf die Spur, sondern als Flaneur in den eigenen Beständen – wie einst Xavier de Maistre ein Reisender um sein eigenes Zimmer:     

"Diese Privatbibliothek hat große Lücken und ist von Vorlieben, Desinteressen und Abneigungen bestimmt. Wenn wir jetzt an der Bücherwand entlangschlendern, wo uns vieles golden entgegenleuchtet; wenn wir herauszupfen, was uns ins Auge fällt, wenn wir uns lesend treiben lassen, dann immer in der Hoffnung, man komme, dem Geheimnis des Stils und der großen Literatur nur durch Beispiele nah."

Mit systematischem Aufbau von Zeichensetzung bis zu Stilmitteln

Die lehrreichen (Fall)beispiele, die Michael Maar aufführt, sind häufig so beschaffen, dass man am liebsten in der eigenen Privatbibliothek – oder im "Projekt Gutenberg" – weiterlesen möchte. Aber prompt bittet Michael Maar doch um eine gewisse Disziplin. Er hat sein Buch durchaus systematisch – wenn man so will: didaktisch – aufgebaut.

Die Kapitel "Was ist Stil?", "Im Weinberg" und "Die Instrumente zeigen" reflektieren von der Zeichensetzung bis zur Metaphorik alles, was die Manier und den Sound eines Prosastückes ausmacht. Hier die Fragen, die Michael Maar auf den Tisch legt:  

"Wie ist die Sprache, aus der sich literarischer Stil bildet, aufgebaut, wie setzt sie sich zusammen? Kann ein falsches Komma oder ein falsches Substantiv einen Satz zerstören; kann ein Beiwort ihn retten? Wie fügen sich Wörter zu Sätzen, wie geraten sie in Schwingung, und warum kann für einen Romansatz verboten sein, was für das Gedicht erlaubt ist? Wie muss, anders gesagt, gejätet, geharkt, gezupft, gekeltert und filtriert werden, damit uns die Prosa ohne Trübung entgegenquillt?"

Zahlreiche AutorInnen und Werke nimmt Maar unter die Lupe

Auf diese Fragen lässt Michael Maar so selbstbewusst wie gutgelaunt die Proben aufs Exempel folgen: subtile Bedenken bei Vladimir Nabokov, ein fast ungläubiges Staunen über Hildegard Knef, unerschütterliche Treue zu Franz Kafka, ein junger Respekt für Wolfgang Herrndorf.

Und bevor Maar im abschießenden Kapitel Beispiele erotischer Literatur kostet, unternimmt er einen pointilistischen "Kürzestausflug" in die Lyrik. So weit, so wirklich gut. Was freilich Maars Buch über jedes sekundärliterarische Genre erhebt, sind diverse Einschübe. Da sind zum einen drei mikroskopische "Stilvergleiche". In ihnen zeigt er "textnah", wie unterschiedlich Alfred Döblin und Thomas Mann, Alexander Lernet-Holenia und Joseph Roth, Heimito von Doderer und, abermals, Thomas Mann mit ähnlichen "Themen" umgehen.

Zum Mitmachen - Maars Literaturquiz für seine LeserInnen

Zum anderen mutet Michael Maar seinen Lesern so etwas wie eine Lernkontrolle zu: ein zehnteiliges "Literaturquiz I" und ein zwanzigteiliges "Literaturquiz II". Mit steigendem Anspruchsniveau präsentiert er hier kurze Zitate aus den Werken "seiner" stilistischen Gewährsleute und schlägt – multiple choice – jeweils drei Autoren als mögliche Urheber vor.

Mit einigen kanonischen Zitaten kommt er dabei auch dem "normalen" Leser entgegen. Im Anhang dann erlöst er nicht nur diesen, sondern auch den Fachmann von allen Zweifeln. Eine dieser  "Auflösungen" sei hier zitiert, weil sie zeigt, wie Michael Maar über ein lapidares "richtig/falsch" mit aphoristischer Präzision hinausgeht:                  

"Das pathetische Ende von Thomas Manns Doktor Faustus. Der Schluß besiegelt durch die gemeinsame Anrede 'mein Freund, mein Vaterland' die symbolische Vereinigung des Schicksals Hitler-Deutschlands mit dem des teufelsbündnerischen Musikerhelden; der schwächste Teil des unter Überkonstruktion ächzenden Schmerzens- und Geheimwerks."

Neue Wertschätzung für alte Bekannte

Ähnlich hart, wie Michael Maar hier eine "Überkonstruktion" bei Thomas Mann geißelt, hat er 1993 in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" den "Anschwellenden Bocksgesang" von Botho Strauß stilkritisch verrissen.

Jetzt nötige ihm die Prosasammlung von Botho Strauß "Der Fortführer" aus dem Jahr 2018 sogar "mehr als Respekt ab, nämlich Bewunderung". Hat nicht Michael Maars neue Wertschätzung etwas von der Genugtuung eines Deutsch-Lehrers?

Stand: 21.01.2021, 18:43