"Lyrikstimmen"

Stand: 17.08.2022, 07:00 Uhr

Hier sind sie alle versammelt, von Hugo von Hofmannsthal bis zu den Dadaisten, von Mascha Kaleko bis Rose Ausländer: deutschsprachige Lyrikerinnen und Lyriker im Originalton in Aufnahmen von den ersten Tonaufzeichnungen von 1907 bis heute. Eine Rezension von Oliver Cech.

Lyrikstimmen
122 Autorinnen & Autoren, 420 Gedichte, 100 Jahre Lyrik im Originalton
Hrsg. Christiane Collorio u.a.
Hörbuch MP3-CD, 3 CDs, Laufzeit: 10h 38min

"Lyrikstimmen"

"Lyrikstimmen"

"Lyrikstimmen"

Lesestoff – neue Bücher 17.08.2022 05:18 Min. Verfügbar bis 17.08.2023 WDR Online Von Oliver Cech


Download

Bertolt Brecht, Mascha Kaleko, Hermann Hesse, Erich Kästner

"Und der Haifisch, der hat Zähne / Und die trägt er im Gesicht Und Macheath, der hat ein Messer / Doch das Messer sieht man nicht"

Die Moritat von Mackie Messer. Louis Armstrong hat das Stück gesungen, auf Englisch, ebenso Frank Sinatra und Robbie Williams. Dies aber ist das Original, hier singt der Meister selbst: Bertolt Brecht. Der Dichter singt seine eigenen Texte. Und wirklich, er singt sie wie kein anderer! In der Sammlung Lyrikstimmen bleibt der Gesang eine Ausnahme. Doch viele der Originalaufnahmen sind von einer ganz besonderen Musikalität, melodisch und rhythmisch. Hier Mascha Kaleko mit ihrem Gedicht Bescheide­ne Anfrage. Erinnerungen an eine verflossene Liebe aus der letzten Sommerfrische…

"Weht der Seewind morgens noch so frisch? Grinst der Mond des Nachts noch so verlegen? Gehst du manchmal mir zur Bahn entgegen? ... Steht mein Bild wohl noch auf deinem Tisch?// Steht mein Bild...? - Ich hab’ es selbst zerrissen! Glaub nur nicht, ich hätte deins vermisst. Aber manchmal möcht man manches wissen, Wenn man so mit sich alleine ist..."

Immer leiser und zaghafter wird die Stimme, die in den ersten Strophen so keck herausfordernd geklungen hat. Verzögerungen deuten an, dass es Unausgesprochenes gibt, einen Text hinter dem Text. Und der schelmische Tonfall der letzten Zeile macht klar, die junge Frau ist allein – und wäre gern wieder zu zweit. Mascha Kalekos Begabung, kleine Szenen aufbauen, hat der Dichter Hermann Hesse nicht. Er braucht sie auch nicht. Bei seinen Aufnahmen wirkt der schiere Klang der Stimme.

"Vom Baum des Lebens fällt / Mir Blatt um Blatt, O taumelbunte Welt, / Wie machst du satt, Wie machst du satt und müd,/ Wie machst du trunken!"

Das Gedicht Vergänglichkeit… aufgenommen 1944. Die Stimme gehört dem schon altersweisen Hermann Hesse; und auch in seiner melodischen Rezitation ist hörbar, wie nah das Gedicht dem Gesang steht. Wie Verse aus einem musikalischen Impuls entstehen und dann auch so vorgetragen werden, fast in einem Sprechgesang. Wie wäre es, einen Schritt weiter zu gehen? Wie wäre es, wenn man im Sprechgesang die Sinnebene auflöst und das Wort ganz Klang sein lässt? Die Dadaisten haben das ausprobiert.

"bevor dada da war, war da da. / dada hat hände und füße, die stets dinge unternehmen, die weder hand noch fuß haben hat köpfe, die stets den kopf verlieren und häuschen, die stets aus dem häuschen geraten"

Aufgenommen 1956. Wenige Jahre später geht Erich Kästner in die Gegenrichtung. Er nimmt seine berühmte Sachliche Romanze auf; und so klingt sie auch bei ihm: betont nüchtern. Fast dokumentarisch trocken.

"Als sie einander acht Jahre kannten (und man darf sagen: sie kannten sich gut) kam ihre Liebe plötzlich abhanden. Wie andern Leuten ein Stock oder Hut. // Sie waren traurig, betrugen sich heiter, versuchten Küsse, als ob nichts sei, und sahen sich an und wussten nicht weiter. Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei."

Versteht sich, das könnte auch ein anderer Sprecher so vortragen. Aber nur Erich Kästner selbst kennt den Impuls, aus dem heraus das Gedicht seine besondere Sprachform angenommen hat. Wie nah der Dichterin oder dem Dichter dieser Impuls gerade geht, im Augenblick der Aufnahme, das können wir in der Sammlung von Lyrikstimmen immer wieder hören und spüren. Noch einmal Bertolt Brecht.

"Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten! Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende Hat die furchtbare Nachricht Nur noch nicht empfangen. Man sagt mir: iss und trink du! Sei froh, dass du hast! Aber wie kann ich essen und trinken, wenn Ich dem Hungernden entreiße, was ich esse, und Mein Glas Wasser einem Verdurstenden fehlt? Und doch esse und trinke ich."

Geschrieben im Exil 1938, Gesprochen 1953, Gehört 2022

Geschrieben im Exil 1938. Gesprochen 1953. Gehört 2022: Als ob sich der Dichter wie ein Freund neben uns setzt und nur zu uns spricht. Brechts Gedicht "An die Nachgeborenen", so oft gedruckt und nachgedruckt, in Schulaufsätzen analysiert und von der Forschung diskutiert, kommt zu neuem Leben, berührt und erschüttert so auch heute. Die Sammlung Lyrikstimmen ist reich an solchen Momenten. Für alle, die Gedichte lieben, ohne Übertreibung: eine Schatzkammer.