Lutz Seiler - Stern 111

Lutz Seiler - Stern 111

Lutz Seiler - Stern 111

Von Hans-Peter Kunisch

Nach "Kruso", seinem Hiddensee-Epos aus den letzten Tagen der DDR, veröffentlicht Lutz Seiler mit "Stern 111" jetzt seinen Folge- und "Wenderoman". Und bleibt darin seinem ebenso sanften wie einprägsamen Realismus treu.

Lutz Seiler
Stern 111

Suhrkamp Verlag, Berlin 2020
525 Seiten
24 Euro

Die turbulenten ersten Tage

Es sind die turbulenten ersten Tage nach der Öffnung der deutsch-deutschen Grenze. Carl Bischoff lebt auf einer namenlosen Insel, die deutlich als Hiddensee erkennbar ist, da erhält er plötzlich ein Telegramm seiner Eltern: "wir brauchen deine hilfe bitte komm sofort nach Gera." Die Nachricht stammt vom 10. November 1989, 9 Uhr 20.

"Carl musste zugeben, dass er sich bis dahin keine besonderen Sorgen gemacht hatte – Eltern waren sicherer Boden, unanfechtbar, ureigenes Gebiet, auf das man sich zurückziehen konnte in der Not."

Buchkritik: Lutz Seiler - "Stern 111"

WDR 3 Buchkritik 09.03.2020 04:44 Min. Verfügbar bis 09.03.2021 WDR 3

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Mitziehen im großen Strom

Doch Carls Eltern überraschen ihn. Auf ihrem alten Familien-Spaziergang an der Elster erfährt er: "Seine Eltern wollten weg. Das Land verlassen, kurz gesagt." Sie wollen mitziehen im großen Strom. Sie befürchten, die Grenze werde sich wieder schließen.

"Carls einziger Satz, unbeholfen, stotternd, wie ein hilflos erschrockenes Kind, dessen Eltern plötzlich nicht mehr erwachsen sind: Ich glaube ihr unterschätzt das, das - das mit der Heimat, meine ich."

Aber die Eltern wollen keinen Rat.

Helfen soll Carl, indem er "die Stellung hält." Die Nachbarn sollen nicht gleich mitbekommen, dass die Eltern verschwunden sind. "Wir brauchen diesen Vorsprung", meint der Vater. Carl soll sich um die Wohnung und die Garage kümmern, in der ein alter Shiguli steht, ein sibirischer Fiat-Nachbau, in der Mode der Siebziger Jahre: weiß mit einem orangen Dach und orangen Seitenstreifen.

"Es gab keinen Zweifel, dass Inge und Walter (seit seiner Jugend war er es gewohnt, seine Eltern mit Vornamen anzusprechen) in dieses Haus gehörten, in dieses und kein anderes Leben, weshalb Carl begann, von Gefahren und Vorstellungen zu reden, von denen er keine genauere Vorstellung besaß."

Die unwahrscheinlichsten Flüchtlinge

Mit der verblüffenden Umkehrung des Generationenverhältnisses gelingt Lutz Seiler schon sein wichtigster erzähltechnischer Coup.

Der Autor Lutz Seiler

Lutz Seiler

Die Verunsicherung des skeptischen Endzwanzigers Carl ist beträchtlich und wirkt bis zum Schluss des Romans nach. Carls Eltern sind „die unwahrscheinlichsten Flüchtlinge“, die er sich vorstellen kann. "Unwahrscheinlich", weil sie ansonsten typische Merkmale ordnungsorientierter Kleinbürger aufweisen. Sie versuchen, alles vorauszuberechnen, noch in ihrer überraschenden Abreise. Die Mutter besorgt sich eine Brille fürs besonders Kleingedruckte in westdeutschen Formularen. Der Vater, ein früher Computerfachmann und begeisterter Hobby-Handwerker, legt seinem poesiebegeisterten Sohn die Werkzeugsammlung ans Herz. Abgepackte Essensvorräte "für die Nachhut" liegen bereit.

Weniger ins Bild der bislang überfürsorglichen Eltern passt, dass der Vater den alten Akkordeon-Kasten mitschleppen will, auf dem ihn Carl noch nie hat spielen sehen. Und tatsächlich erweist sich das Akkordeon als wichtiger Hinweis auf die Lösung des "Elternrätsels".

Ein sanfter wie einprägsamer Realismus

Dass Seilers neuer Roman, der für den Preis der Leipziger Buchmesse vorgeschlagen ist, die Spannung bis zum Ende durchhält, hat mit seinem ebenso sanften wie einprägsamen Realismus zu tun. Seiler beschreibt Dinge wie das Akkordeon, den Shiguli oder das titelgebende Stern 111, ein DDR-Kofferradio, auf dem die Bischoffs zu Beginn ihrer Familienexistenz gerne Rock-n-Roll hörten, so eindringlich wie genau und bringt sie in verschiedene, immer leicht abgewandelte Zusammenhänge. Ähnliches gilt für die sorgfältig-nachdenkliche, sich allmählich auffächernde Charakterisierung der Figuren. Egal, ob es sich um Frauen oder Männer handelt, die Carls schlingernden Lebensweg begleiten.

"Er hatte sich dem Rudel angeschlossen, aber er lief nur mit, wie ein Jungtier, ganz hinten, mit halb gesenktem Kopf, vertieft in Verse und Gedanken."

Ein gesamtdeutscher Wenderoman

Wie Lutz Seiler selbst, gerät Carl, dem das Warten in Gera nach einigen Wochen zu öde wird, in die raubeinige Berliner Wohnungsbesetzerszene um die "Assel". Eine über Jahre real existierende Untergrund-Bar in der damals noch verwahrlosten Oranienburgerstraße. Das Leben dort beschreibt Seiler mit viel Szene-Lokalkolorit, zu dem etwa eine Ziege gehört, die den Milchzusatz für den Wodka liefert, der in der Assel serviert wird.

Das neue, anfangs schwierige Leben der Eltern im Westen, von dem Carl über Briefe der Mutter erfährt, ist ein ganz anderes, oft enttäuschendes Abenteuer. Im Buch wirkt es als willkommener Kontrast, der "Stern 111" erst richtig zum gesamtdeutschen Wenderoman werden lässt.

Stand: 07.03.2020, 00:04