Lukas Hartmann - Der Sänger

Lukas Hartmann - Der Sänger

Lukas Hartmann - Der Sänger

Von Jutta Duhm-Heitzmann

"Ein Lied geht um die Welt" – doch der Sänger Joseph Schmidt, der dieses Lied berühmt gemacht hat, stirbt als missachteter Jude in einem Schweizer Auffanglager.

Lukas Hartmann: "Der Sänger"

WDR 3 Buchrezension 19.06.2019 05:55 Min. Verfügbar bis 18.06.2020 WDR 3

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Lukas Hartmann
Der Sänger Diogenes, Zürich 2019

288 Seiten
22 Euro

Ein spätsommerliches Idyll in der französischen Auvergne

"Gegen Ende September konnten im Süden die Abende, auch auf achthundertfünfzig Meter über dem Meer, noch angenehm warm sein. Darum hatte sich die Gruppe bis zum Dunkelwerden draußen im Garten unterhalten, ein wenig Schafskäse und Brot vom Vortag gegessen, sich gegenseitig vom Landwein eingeschenkt."

Doch dieser Abend ist nur ein Atemholen auf einer jetzt schon Jahre dauernden Flucht: der Sänger Joseph Schmidt bereitet sich auf seinen illegalen Grenzübertritt in die Schweiz vor. Seit 1938 ist er unterwegs: Österreich, Belgien, Frankreich. Dort unter dem Vichy-Regime das erste Internierungslager, aus dem er entkommen konnte. Nun haben Freunde Schlepper organisiert, die ihn heimlich über die Grenze und damit in Sicherheit bringen werden.

"In Zürich kam er gegen Abend an, er fühlte sich fremd und elend wie in allen Bahn-höfen auf der Flucht. Niemand wartet auf ihn, niemand holte ihn ab. Wer hätte denn auch wissen können, wann er ankam? Welche hübsche Dame hätte ihm, wie vor zwei Jahren, als er hier sein letztes Konzert gab, zur Begrüßung einen Blumenstrauß überreichen und ihn, sich niederbeugend, auf die Wangen küssen sollen?"

Seine Bekanntheit wird zum Handicap

Joseph Schmidt ist eben nicht mehr der gefeierte Star, der im teuersten Hotel der Stadt absteigt. Seine Pension ist eine triste Klitsche, und selbst dort kann er nicht bleiben. Alle Versuche einflussreicher Unterstützer, ihn privat unterzubringen, scheitern.

Joseph Schmidt, 1935

Joseph Schmidt

Mehr noch: seine Bekanntheit wird zum Handicap. Die Schweizer Behörden haben Angst vor dem mächtigen deutschen Regime, das genau beobachtet, wie die Geflüchteten aufgenommen werden.

"Also Jude, sagte der Befrager und wiederholte, beinahe mit Genugtuung: „Ein jüdischer Sänger, offenbar bekannt.“ [...] „Sie wissen ja, dass unser kleines Land nicht unbegrenzt Flüchtlinge aufnehmen kann, auch nicht vorübergehend. Sie werden sehr schnell zur Last, auch volkswirtschaftlich gesehen.“ [...] „Um aufzutreten, brauchen Sie eine amtliche Bewilligung. Und in diesem Fall scheint mir das unmöglich zu sein."

Eiseskälte, dünne Decken, ein Drecksfraß

Lukas Hartmann

Lukas Hartmann

Wie tausende anderer Flüchtlinge weist man Joseph Schmidt in ein Auffanglager ein. Erbärmlichste Bedingungen: Eiseskälte, dünne Decken, ein Drecksfraß. Die Internierten müssen arbeiten, um zu ihrem Unterhalt beizutragen.

Doch der Sänger ist krank. Er hat Husten, eine Kehlkopfentzündung, Schmerzen in der Brust. Bricht zusammen. Gegen den Widerstand des Lagerkommandanten, eines schneidigen Antisemiten, wird er in ein Hospital gebracht. Doch der behandelnde Arzt, abweisend bis bösartig, wirft ihm vor, ein Simulant zu sein. Herzschmerzen?

"Das kann sein, mein lieber Herr Schmidt. Er schärfte das dt, spuckte es beinahe aus. „Aber könnte es nicht auch sein, dass Sie sich die Schmerzen einbilden? Oder sie aus Angst verstärkt wahrnehmen? Könnte es sein, dass Sie ungern ins Lager zurückkehren würden? [...] Simulanten gibt es viele. [...] Es gibt ja auch viele Ihres Glaubens darunter, die in Anspruch nehmen, verfolgt zu werden, und annehmen, deshalb ein Recht auf Asyl zu haben."

Fieber und Erinnerungen

Schmidt muss zurück ins Lager – ein paar Tage später, am 14. November 1942, stirbt er an akuter Herzschwäche, nur 38 Jahre alt. Der Schweizer Schriftsteller Lukas Hartmann erzählt diese Geschichte der letzten Wochen eines großen Künstlers völlig unpathetisch. Lässt den Sänger zurückdenken, an seine Kindheit in der Bukowina, an seine Kämpfe mit dem strenggläubig orthodoxen Vater, für den jeder weltliche Gesang Sünde ist, an die eigene Unbeirrtheit, mit der er sich der Musik hingibt, hingeben muss.

Joseph Schmidt beim Silvesterkonzert im Goldenen Saal des Musikvereins Wien, um 1935

Joseph Schmidt

Je stärker Fieber und Erschöpfung werden, desto sehnsüchtiger die Erinnerung an die schönen Tage, seine internationale Karriere, die vielen Frauen, die ihn und seine Stimme vergötterten, trotz seiner Größe von nur 1,58 Meter.

"Und dann sang er noch einmal im Berliner UFA-Palast, von Tausenden bejubelt, und draußen hingen schon die Hakenkreuzfahnen, er sang in Wien, in Prag, in New York, in Brüssel, in Antwerpen. Er begann in dieser Nacht noch einmal die Odyssee von Land zu Land, den Nazis immer ein paar Monate voraus, zuletzt in Nizza, in La Bourbole, und die Schergen kamen näher und näher."

Eine unausgesprochenen Aktualität

Parallel dazu lässt der Autor noch andere Stimmen zu Wort kommen: glühende Bewunderinnen, die bei Schmidts Hit „Ein Lied geht um die Welt“ dahingeschmolzen sind. Oder einen Juristen, der im Komitee sitzt, das über das Schicksal von Flüchtlingen entscheidet, und sich trotz seines uneingestandenen Unbehagens dauernd selbst versichert: „Man kann doch nicht alle aufnehmen. Die Schweiz ist ein klein. Wer weiß, wer da alles ins Land kommt. Und was das kostet!“ – Argumente, die auch heute vertraut sind. Literarisch und stilistisch wagt Lukas Hartmann in „Der Sänger“ nicht sehr viel, doch der Roman ist grundsolide und liest sich leicht weg, trotz des bitteren Themas. Die eigentliche Kraft des Buches liegt aber in seiner unausgesprochenen Aktualität, diesem sich wiederholenden Konflikt zwischen Menschlichkeit und einem rational nachvollziehbaren und doch oft grausamen politischen Pragmatismus.

Zu Schluss folgen die Männer aus dem Lager dem Sarg des Sängers, obwohl ihnen strenge Grenzen gesetzt waren.

"Aber die Männer, wohl dreihundert, hielten sich nicht daran, sie setzten sich alle in Bewegung, als das Auto langsam weiterfuhr, sie folgten ihm, trotz des erneut einsetzenden Regens, mit gesenkten Köpfen und gezogenen Hüten und Mützen [...] Sogar die Schweizer Wachsoldaten, die zuerst gezögert hatten, schlossen sich an."

Stand: 19.06.2019, 09:15